Kaffee
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Rauer Wind im fairen Handel

Am Geschäft mit dem fairen Kaffee verdienen neuerdings große Handelshäuser kräftig mit. Peruanische Kleinbauern fürchten deshalb um ihren Verdienst. Sie wehren sich mit einem eigenen Siegel.

Die Deutschen lieben Kaffee. Der Anteil der Bohnen aus fairem Handel wächst – in den vergangenen zwölf Jahren hat sich der Umsatz verdoppelt. Doch wer profitiert wirklich davon? Die Suche nach einer Antwort beginnt in Peru. Zwei Drittel des fair gehandelten Kaffees, der in Deutschland importiert wird, stammen aus dem südamerikanischen Land. Im Süden Perus liegt auf 4000 Metern die Stadt Juliaca wie ein Flickenteppich inmitten einer staubigen Hochebene. Hier kann man Schmuggelware aus Bolivien kaufen, gefälschte Markenkleidung, illegales Gold, giftiges Quecksilber, Lamaföten und Kokablätter. Und in Juliaca gibt es den besten Kaffee der Welt: den Tunki-Kaffee, angebaut von indigenen Aymara an den steilen Ostabhängen der Anden im Sandia-Tal, rund 200 Kilometer nordöstlich von Juliaca. Beim Spezialkaffee-Wettbewerb in den USA haben es die Bohnen aus Sandia mehrmals auf den ersten Platz geschafft.

Produziert und vertrieben wird der Kaffee von Cecovasa. Der Genossenschaftsverband der Kaffeebauern aus dem Sandía-Tal hat seinen Hauptsitz in Juliaca. In der 1970 gegründeten Kooperative sind heute 5300 Kaffeebauern zusammengeschlossen. Von Juliaca aus exportiert Cecovasa seinen Kaffee nach Europa und Nordamerika. Die Geschäfte führt Javier Cahuapaza, Sohn eines Kaffee-Kleinbauern, der eine kaufmännische Ausbildung genossen hat. Während das Fairtrade-Geschäft in Europa boomt, ist für ihn die Blütezeit des fairen Handels schon vorbei. „In den 1980er und 1990er Jahren war der faire Handel für Cecovasa lebenswichtig“, sagt er. „Aber seit FLO auch große Akteure zertifiziert, kommen wir Kleinen unter die Räder.“ Cahuaza bezieht sich darauf, dass der Dachverband Fairtrade International Labelling Organizations (FLO) 2011 einen eigenen Standard für große Handelsfirmen eingeführt hat und seitdem vermehrt große Händler auf den Fair-trade-Markt drängen.

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).

Der Weltmarktpreis für Kaffee wird an der Kaffeebörse in New York festgesetzt und unterliegt großen Schwankungen. Fair gehandelter Kaffee dagegen garantiert einen Mindestpreis für die Produzenten, der auch dann gehalten wird, wenn der Weltmarktpreis darunter fällt. Festgelegt wird der Fairtrade-Standardpreis alle zwei bis drei Jahre  vom internationalen Fairhandels-Netzwerk FLO unter Mitsprache der Produzenten; zurzeit beträgt er 1,40 US-Dollar pro britisches Pfund (rund 450 Gramm). Zusätzlich gibt es eine Prämie von 20 Cent pro Pfund für Gemeinschaftsprojekte der Genossenschaft – zum Beispiel für Investitionen in die Infrastruktur, Sozialprojekte und die Verbesserung der Qualität – sowie einen weiteren Aufschlag im Fall von ökologischem Anbau. Nicht jeder ökologisch produzierte Kaffee entspricht den Fairtrade-Kriterien, und umgekehrt ist nicht jeder fair gehandelte Kaffee aus biologischem Anbau.

Nur von Kleinbauern produzierter Kaffee kann das Fairtrade-Siegel erhalten – im Gegensatz zu fair gehandelten Blumen und Bananen, die auch in Plantagen angebaut werden dürfen. Organisiert und kontrolliert wird der faire Handel in Europa vom Dachverband Fairtrade International Labelling Organizations (FLO) mit Sitz in Bonn, dem nationale Fairtrade-Siegelinitiativen, Produzenten-Netzwerke und Fairtrade-Marketing-Organisationen angehören.  FLO International ist auch alleinige Eigentümerin der Zertifizierungs-GmbH FLO-CERT.

Große Exporteure dürfen mit fairem Kaffee handeln, wenn sie die Kriterien einhalten

Lorenzo Castillo kennt die wechselvolle Geschichte der peruanischen Kaffeebauern-Genossenschaften wie kein anderer. Seit 1994 führt er ihren Dachverband, die Junta Nacional de Café. Darin sind 52 Genossenschaften zusammengeschlossen, die direkt und ohne Zwischenhändler Kaffee exportieren, sowohl zu fairen Handelsbedingungen als auch konventionell zum Weltmarktpreis. Dass sich der peruanische Kaffee heute weltweit einen Namen gemacht hat, verdanken die Genossenschaften dem fairen Handel und der dadurch angestoßenen qualitativen Weiterentwicklung. Heute produzieren die Genossenschaften Spezialkaffees von hoher Qualität. Das Fairtrade-Modell gab ihnen über viele Jahre hinweg einen Wettbewerbsvorteil, den einige – wie beispielsweise Cecovasa – genutzt haben, um eine eigene moderne Qualitätskontrolle und Vertriebsstruktur aufzubauen.

Mit der Zertifizierung großer Exporteure schwindet der Wettbewerbsvorteil der Genossenschaften. „Wir setzen heute bewusst auf Qualität, um gegen die Konkurrenten bestehen zu können, nicht mehr auf das Fairhandels-Siegel“, sagt Castillo. Zugleich betont er, dass „Fairtrade“ nicht nur ein höheres Einkommen für die Bauern bedeutet. Der faire Handel habe eine Weiterentwicklung in Gang gesetzt, die nicht mit Geld aufzuwiegen sei. Dank der Fairtrade-Prämie konnten bis heute auch kleine Genossenschaften ein eigenes Export-Büro aufrechterhalten. In dem Nischenmarkt waren die Produzenten, ihre Organisationen – in der Regel Genossenschaften – und die Exporteure fast deckungsgleich.

Auch große Exporteure dürfen mit fairem Kaffee handeln, wenn sie die Kriterien einhalten. Die anteiligen Verwaltungskosten seien für kleine Exporteure um vieles höher als für größere, für die der faire Handel nur einen kleinen Teil ihres Geschäftes ausmache, kritisiert Castillo. Besonders prekär werde es bei Vorfinanzierungen für die Kaffee-Ernte. Die Genossenschaften müssen dafür Kredite aufnehmen, zahlen  aber – da sie als kleine Genossenschaften keinen Zugang zu großen Banken haben – oft das Doppelte an Zinsen wie große Firmen. Illegal ist das nicht, doch der Wettbewerb sei unfairer geworden, sagt Lorenzo Castillo. Er bezweifelt außerdem, dass das Fairtrade-System mit der Ausweitung des Produzenten- und Händlerkreises kontrollierbar bleibt: „FLO hat sich für den Markt und gegen die ursprünglichen Kriterien des gerechten Handels entschieden.“

erschienen in Ausgabe 11 / 2013: Kriminalität

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