Zum Davonlaufen

Während der Rede des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad an der UNKonferenz gegen Rassismus in Genf verließen die Delegierten verschiedener Länder reihenweise den Saal. Eine klägliche Reaktion auf die Hassund Hetztiraden des Iraners, dem man damit einen freien Abgang gewährte.

Natürlich war das, was Präsident Ahmadinedschad über Israel und den Westen von sich gab, zum Davonlaufen, inakzeptabel und ein Missbrauch der Konferenz für ideologische Zwecke. Dass es dazu kommen würde, war allerdings schon vorher abzusehen und hatte einige Nationen bewegt, gar nicht erst nach Genf zu reisen – darunter, nebenbei bemerkt, auch solche, die regen Handel mit Iran treiben. Das Fernbleiben zeugt zwar nicht von besonderem Mut, ist aber etwa im Falle Deutschlands mit seiner belasteten Vergangenheit einigermaßen verständlich.

Nicht zu verstehen indessen ist das Verhalten jener Delegierten, die während der Rede des iranischen Staatsoberhauptes unter stummem Protest den Saal verließen. „Les absents ont toujour tort“, sagt ein französisches Sprichwort und meint damit, dass sich die Abwesenden ihr Recht auf eine angemessene Reaktion verscherzen. So haben die Saalflüchtigen sowohl dem Kampf gegen Rassismus als auch den Bemühungen der UN um gewaltfreie Konfliktlösungen einen denkbar schlechten Dienst erwiesen.

Denn wer derart unbedarfte und von blindem Hass triefende Tiraden wie Ahmadinedschad absondert und an einer Konferenz wider den Rassismus sein eigenes rassistisches Süppchen kocht, verdient nicht nur einen billigen stummen Protest, sondern eine unmissverständliche Antwort und Zurechtweisung. UNGeneralsekretär Ban Ki Moon und dem norwegischen Aussenminister Jonas Gahr Store blieb es vorbehalten, den iranischen Präsidenten in die Schranken zu weisen. Statt deren unmissverständliche Worte zu unterstützen, gewährten die aus dem Plenarsaal verschwundenen Delegierten dem Polemiker aus dem Iran freien Abgang.

Und die Schweizer Delegation? Sie blieb sitzen. Vermutlich weniger weil sie wollte als vielmehr weil sie musste: Die Schweiz vertritt in diplomatischem Auftrag die Interessen der USA im Iran und bemüht sich, den Dialog zwischen den beiden Nationen nicht ganz zum Verstummen zu bringen. Nicht zuletzt in Erfüllung dieses Auftrags empfi ng Bundespräsident HansRudolf Merz Ahmadinedschad vor Konferenzbeginn, was der Regierung sogar im eigenen Land Schelte einbrachte. Auch das ist eigentlich zum Davonlaufen.

Urs A. Jaeggi

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