Zentralafrika: Die Höllenfahrt stoppen

Seit dem Sturz von Staatschef François Bozizé herrschen in der Zentralafrikanischen Republik Chaos und Gewalt. Französische und afrikanische Truppen sollen es nun richten. Doch Skepsis ist angebracht.

Vergangenen Dezember sind 1600 französische Soldaten in die Zentralafrikanische Republik einmarschiert. Die afrikanischen Friedenstruppen sollen von 2500 auf 6000 Soldaten aufgestockt werden. Über diese Intervention wird kontrovers diskutiert. Befürworter begrüßen sie als Hilfe für eine Zivilbevölkerung, die seit der Machtergreifung der „Seleka“ im März 2013 als Geisel behandelt wird. Die „Seleka“ ist ein heterogenes Bündnis von bewaffneten Gruppen – das Wort bedeutet in der Nationalsprache Sango „Allianz“.

Laut dieser Sicht muss man sich beglückwünschen, dass auf dem Territorium der Zentralafrikanischen Republik ein Minimum an Sicherheit wiederhergestellt wird. Das Land ist fast doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur fünf Millionen Einwohner. Im Laufe der vergangenen neun Monate sind fast 450.000 Menschen vertrieben worden. Viele verstecken sich im tropischen Regenwald, wo sie nur mit Mühe überleben können. Sie haben Angst vor Massakern, die schon unzählige Zivilisten das Leben gekostet haben.

Autor

Stephen W. Smith

ist Professor für Afrikastudien an der Duke Universität (USA), ehemaliger leitender Afrika-Redakteur bei den französischen Tageszeitungen „Libération“ und „Le Monde“ sowie Autor des Berichts der International Crisis Group „Anatomie d‘un État fanôme“ über die Zentralafrikanische Republik.

Dorfbewohner wurden in ihren Hütten bei lebendigem Leib verbrannt, Menschen in den Städten ausgeraubt, Frauen vergewaltigt und Kinder zwangsrekrutiert. Ein Land wird ausgeplündert, das zu den ärmsten der Welt gehört. Zudem versetzt die Polarisierung zwischen Muslimen und Christen der Zentralafrikanischen Republik einen schweren Schlag: Mit der „Seleka“ sind zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 Muslime aus dem nordöstlichen Grenzgebiet zum Tschad und zum sudanesischen Darfur in Bangui an die Macht gekommen.

Angesichts dieser Umstände haben sich die Vereinten Nationen (UN) zum Handeln entschlossen, um ihre „Schutzverantwortung“ nicht zur Worthülse zu machen. Allerdings haben sie sich am 5. Dezember darauf beschränkt, Friedenstruppen der Afrikanischen Union ein auf zunächst zwölf Monate begrenztes Mandat zu erteilen, ohne selbst die Verantwortung für diese Friedensmission zu übernehmen. Darüberhinaus läuft die „Führung“ der Afrikaner darauf hinaus, dass sie in die Fußstapfen der französischen Truppen treten; sie beginnen ihren Einsatz in einem Land, das die Armee der früheren Kolonialmacht Zentralafrikas zuvor „befriedet“ hat. Afrika wird eine Nebenrolle zugedacht. Denn afrikanische Friedenstruppen sind zwar schon seit Jahren in der Zentralafrikanischen Republik präsent, waren aber bislang unfähig, die Höllenfahrt des Landes zu stoppen.

In Erwartung eines Wunders bleiben die Führer der „Seleka“ im Amt

Frankreich treibt die gegenwärtige militärisch-humanitäre Operation mit erheblichem Krafteinsatz voran. Paris hat Interventionen in Afrika als Spezialität für sich wiederentdeckt: erst in Libyen, dann in der Elfenbeinküste, in Mali und jetzt in Zentralafrika. Das Eingreifen dort hat jedoch keinen anderen politischen Horizont als die Organisation von Neuwahlen vor 2015 – als könnten innerhalb von zwölf Monaten ein funktionierender Staat und eine demokratisch legitimierte Staatsführung aus den Urnen hervorgehen. In Erwartung dieses Wunders bleiben die Führer der „Seleka“, angefangen bei ihrem Chef und gegenwärtigen Staatspräsidenten Michel Djotodia, in Amt und Würden. Sie sollen für Probleme, die sie geschaffen haben, nun Lösungen zu finden.

Die entgegengesetzte Sicht auf das Drama in Zentralafrika ist von weniger Mitgefühl, aber auch von weniger Gedächtnisschwund geprägt. Sie verweigert sich dem Aufschrei „Da muss man doch irgendetwas tun“ mit Verweis auf die zahlreichen früheren Erfahrungen in Zentralafrika und anderen Gebieten, in denen internationale Friedenseinsätze in einer Art Wippfolter geendet haben: Man half Opfern hoch, um sie anschließend aus größerer Höhe wieder fallen zu lassen. Das war zum Beispiel in Somalia 1992-93 bei der Operation „Restore Hope“ unter amerikanischer Führung der Fall. Das Risiko eines Scheiterns in der Zentralafrikanischen Republik erscheint umso größer, als dort genau wie in Somalia zu Beginn der 1990er Jahre eine Vielzahl von Kriegsherren  das Staatsgebiet in einträgliche Pfründe zerstückelt haben.

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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