Zentralafrika: Die Höllenfahrt stoppen

Seit dem Sturz von Staatschef François Bozizé herrschen in der Zentralafrikanischen Republik Chaos und Gewalt. Französische und afrikanische Truppen sollen es nun richten. Doch Skepsis ist angebracht.

Die Geschichte Zentralafrikas stellte in den vergangenen dreißig Jahren eine Abfolge zyklischer Krisen dar. Sie liefen immer nach demselben Muster ab: Eine Regierung, deren Legitimität umstritten ist, weil der Staat die Erwartungen der Bevölkerung nicht erfüllt, verhandelt mit Aufständischen. Sie werden in die herrschende Gruppe aufgenommen bis der Staatsapparat unter der Last seiner kooptierten Nutznießer zusammenbricht.  Daraufhin schließen sich die ins Elend gedrängten Teile der Bevölkerung Rebellenbewegungen an, die in der Hauptstadt die Macht übernehmen.

Das aus einem Putsch hervorgegangene neue Regime wird von der internationalen Gemeinschaft so lange isoliert, bis es entweder eine Machtteilung akzeptiert – das ist gleichbedeutend mit zusätzlichen finanziellen Belastungen des Staates – oder eine Übergangsphase, die zu Neuwahlen führt. Sind diese gefälscht, dann fechten die Verlierer das Ergebnis an, notfalls gewaltsam. Sind sie rechtmäßig, können sie dennoch von denen angefochten werden, die unsanft aus der Staatskarosse gefallen sind. Die Verlierer brauchen aber auch nur geduldig abzuwarten, dass die Wahlversprechen nicht eingehalten werden. Dann flackern neue Brandherde der Rebellion auf, die sich ausbreiten, wenn sie nicht mittels Kooptation der Führer gelöscht werden. So beginnt der Zyklus von neuem.

Die neuen Herrscher stammen aus dem „Wilden Osten“

Die Zentralafrikanische Republik war das „Aschenputtel des französischen Kolonialreichs“. Das Gebiet wurde vom französischen Staat vernachlässigt und profitgierigen, rücksichtslosen Konzessionsfirmen überlassen. Ubangi-Schari, wie dieser Unfall der Geschichte ursprünglich hieß, wurde ohne Infrastruktur in die Unabhängigkeit entlassen und ohne eine Elite, die fähig gewesen wäre, eine Verwaltung aufzubauen. De facto blieb die Zentralafrikanische Republik unter der Aufsicht Frankreichs.

Eine Marionette aber zerschnitt ihre Fäden und versuchte sich freizumachen, indem sie ein zentralafrikanisches Kaiserreich ausrief: Jean-Bedel Bokassa ernannte sich 1977 mit einer von Napoleon inspirierten Krönungszeremonie selbst zu Kaiser Bokassa I.. Paris setzte der Farce mit einer Militärintervention ein Ende. Sie war die erste in einer langen Serie, die den Zentralafrikanern bis heute immer dieselbe unterschwellige Botschaft verkündet: Eure Unabhängigkeitsbestrebungen sind null und nichtig; Rettung kommt, wenn überhaupt, aus Paris, meistens mit Waffengewalt.

Nach dem Sturz Bokassas setzte Frankreich in Bangui eine Doppelherrschaft oder „Dyarchie“ ein. An der Seite des zentralafrikanischen  Präsidenten – zunächst David Dacko, dann André Kolingba – regierte de facto Colonel Jean-Claude Mantion, ein Agent des französischen Geheimdienstes. Dieses neokoloniale System fiel 1993 der Demokratisierungswelle in Afrika nach dem Ende des Kalten Krieges zum Opfer. Die ersten Wahlen gewann haushoch Ange-Félix Patassé, ein Demagoge, der versprach, selbst in den entlegensten Dörfern eine Notenpresse einzurichten. Er blieb im Amt, bis ihn im März 2003 sein ehemaliger Stabschef François Bozizé von der Macht vertrieb. Dieser wurde, wieder nach einem Jahrzehnt ausgeprägter Vetternwirtschaft, von den Rebellen der „Seleka“ gestürzt.

Die neuen Herrscher stammen aus dem „Wilden Osten“, der Vakagaprovinz, dem am weitesten entfernten und am stärksten vernachlässigten Teil eines Phantomstaates. Mit ihnen betritt zum ersten Mal die Religion die politische Bühne, auf der bis dahin ethnische Rivalitäten die Hauptrolle spielten. Die religiöse Trennlinie macht regionalpolitischen und weltpolitischen Sinn, dient aber, wie zuvor die ethnischen Ausgrenzungen, vor allem dazu, die „Machthaber“ von den „Machtlosen“ zu unterscheiden.

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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