„Der Name des Medikaments soll sich im Hirn des Arztes einbrennen“

Besuche von hübschen Vertretern und Vertreterinnen, als Information getarnte Werbeveranstaltungen und andere kleine Aufmerksamkeiten: Die Pharmaindustrie tut einiges dafür, dass Ärzte Medikamente verschreiben, die teuer sind und deren Nutzen zweifelhaft ist. In schnell wachsenden Schwellenländern sieht es ähnlich aus. Doch in einer Hinsicht kann sich Deutschland Indien als Vorbild nehmen.

Wie hat die Ärzteschaft auf Ihren Verein gegen Korruption reagiert? Wurde das begrüßt oder gelten Sie und Ihre Vereinskollegen jetzt als Nestbeschmutzer?
Beides. Im letzten „Ärzteblatt“ wurden wir in einem Leserbrief als „moralinsaure Gutmenschen“ beschimpft. Aber es gibt auch eine qualifizierte Minderheit von Kolleginnen und Kollegen, die uns beitreten oder zumindest mit uns übereinstimmen, dass eine andere Medizin möglich ist.

Nur eine qualifizierte Minderheit? Das spricht nicht für ein ausgeprägtes Problembewusstsein unter Ärzten.
Es gibt da eine Spaltung. Manche Ärzte kritisieren, dass Ärztekammern für den Besuch von Fortbildungsveranstaltungen, die die Industrie sponsert, Fortbildungspunkte vergeben. Denn in Wahrheit dienen solche Veranstaltungen vor allem der Werbung. Gegen die Vergabe von Fortbildungsveranstaltungen für pharmagesponserte, als Information getarnte Werbeveranstaltungen wendet sich unser Verein MEZIS. Die Ärztekammer Niedersachsen hat in ihrer Berufsordnung immerhin festgeschrieben, dass teilnehmende Ärzte sich von Pharmafirmen Übernachtung und Reisekosten nicht bezahlen lassen dürfen. Daraufhin hat sich der Leiter des Hartmannbundes – eines für meine Begriffe sehr pharmanahen Ärzteverbandes – selbst angezeigt mit der Erklärung, er werde sich weiter von der Industrie einladen lassen. Nun hat das Berufsgericht Niedersachsen entschieden, dass die Ärztekammer das nicht sanktionieren darf.

Wolfgang Ammer

Wie sollen Ärzte ihren Informationsbedarf decken, wenn nicht durch solche Veranstaltungen?
Vier von fünf Fortbildungsveranstaltungen sind von der Industrie gesponsert, aber man kann sich auch pharmafreie aussuchen. Wenn es Fortbildungspunkte nur noch für pharmafreie Veranstaltungen gäbe, dann würde sich das Verhältnis ändern. Die Industrie dürfte natürlich weiter ihre Werbeveranstaltungen machen, aber es gäbe keine Punkte mehr dafür.

Was kosten die Werbemaßnahmen der Pharmaindustrie insgesamt?
Transparency International geht von bis zu 20 Milliarden Euro jährlich in Deutschland aus. Das ist eine Schätzung, da es keine offiziellen Zahlen dazu gibt.

In welchem Verhältnis stehen diese Kosten zu den Ausgaben für die Entwicklung neuer Medikamente?
Die Marketingausgaben der Pharmaindustrie werden auf doppelt so hoch geschätzt wie die für Forschung und Entwicklung. Die Industrievertreter widersprechen dieser Schätzung nicht.

Was sagen die Krankenkassen dazu? Das kostet sie doch viel Geld.
Die Kassen wehren sich, aber nur mit mäßigem Erfolg. Es gibt zwar seit 2011 das Arzneimittelneuordungsgesetz, nach dem jedes neue Medikament darauf geprüft werden muss, ob es therapeutisch mehr bringt als Vergleichswirkstoffe. Wenn das nicht der Fall ist, müssen die Patienten es entweder selbst kaufen oder die Firmen senken den Preis auf den Preis der Vergleichssubstanz, damit die gesetzlichen Krankenkassen das Medikament erstatten. Bisher war es so, dass nicht nur die neuen Medikamente entsprechend geprüft wurden, sondern auch alle anderen bisher noch nicht geprüften patentgeschützten, teuren Medikamente, die schon länger auf dem Markt sind. Diesen sogenannten Bestandsmarktaufruf will die neue Bundesregierung nun abschaffen. Das nenne ich erfolgreiche Lobbyarbeit der Industrie.

erschienen in Ausgabe 3 / 2014: Medizin: Auf die Dosis kommt es an

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