„Der Name des Medikaments soll sich im Hirn des Arztes einbrennen“

Besuche von hübschen Vertretern und Vertreterinnen, als Information getarnte Werbeveranstaltungen und andere kleine Aufmerksamkeiten: Die Pharmaindustrie tut einiges dafür, dass Ärzte Medikamente verschreiben, die teuer sind und deren Nutzen zweifelhaft ist. In schnell wachsenden Schwellenländern sieht es ähnlich aus. Doch in einer Hinsicht kann sich Deutschland Indien als Vorbild nehmen.

Mein Arzt drückt mir gelegentlich kostenlos Medikamente in die Hand. Verhält er sich korrekt, wenn er solche Proben an mich weitergibt?
Das kommt darauf an. Ihr Arzt darf jährlich zwei Proben pro Hersteller schriftlich anfordern; das ist legal. Die darf er auch an Sie weitergeben. Häufig werden aber viel mehr Proben in Praxen verteilt und weitergegeben, und oft ohne schriftliche Anforderung. Das ist nicht legal. Mehrere Untersuchungen belegen, dass Ärzte, die solche Muster annehmen und weitergeben, ihren Patienten wesentlich teurere Medikamente verordnen als Ärzte, die das nicht tun. Der Grund ist, dass die Pharmaunternehmen Muster vor allem für neue und teure Medikamente verteilen, die nicht unbedingt besser sind als alte. Das Verteilen solcher Proben ist eine ihrer Marketingstrategien für neue, scheininnovative Produkte. Das Ganze geschieht unter dem Deckmantel, es handele sich nicht um Werbung, sondern um Information für die Ärzte.

Christiane Fischer ist Ärztin und Geschäftsführerin des Vereins „Mein Essen zahl ich selbst“ (MEZIS) gegen Korruption im Gesundheitswesen. Viele Jahre war sie Geschäftsführerin der BUKO Pharma-Kampagne. 2012 wurde sie in den Deutschen Ethikrat berufen.Privat

Auf welchen Wegen vermarktet die Industrie ihre Medikamente außerdem?
Eine weit verbreitete Form sind die sogenannten Anwendungsbeobachtungen. Da besucht Sie ein Pharmavertreter und bietet Ihnen an, ein Medikament an zehn Patienten auszuprobieren und die Ergebnisse auf Fragebögen festzuhalten. Pro Bogen kriegen Sie zwischen 40 und 400 Euro. Allerdings wird meistens nicht nachgeprüft, ob Sie als Arzt das Medikament tatsächlich ausprobiert haben.

Der Arzt füllt den Bogen aus und man weiß nicht, ob er die Ergebnisse überhaupt beobachtet hat?
Richtig. Diese Anwendungsbeobachtungen zu Marketingzwecken sind nicht standardisiert. Der Sinn für das Unternehmen ist, dass sich der Name des Medikaments im Hirn des Arztes einbrennt. Und das funktioniert sehr gut, wenn Sie zehn solcher Bögen ausfüllen. Wenn Sie das nächste Mal einen Patienten haben, der den entsprechenden Wirkstoff braucht, fällt Ihnen der nette Pharmavertreter wieder ein.

Gibt es eine klare Grenze, wann solches Verhalten der Industrie und der Ärzte nicht mehr nur fragwürdig, sondern verboten ist?
Eindeutig illegal sind Geldzuwendungen. Wenn ich Ihnen als Ärztin ein Medikament verschreibe, das es auch als günstiges Nachahmerpräparat gibt, dann muss der Apotheker Ihnen ein Präparat aus dem unteren Preisdrittel geben – es sei denn, ich habe auf dem Rezept vermerkt, dass es genau das verordnete Markenmedikament sein soll. Wenn ich vom Hersteller dieses Medikaments Geld für solche Rezepte bekomme, ist das illegal.

Passiert so etwas in der Praxis?
Ja, dazu gab es 2012 ein Urteil des Bundesgerichtshofs. Zwei Ärzte waren angeklagt, die gegen Geld Medikamente eines bestimmten Herstellers verordnet hatten. Das ist natürlich nicht die Regel, sondern betrifft nur eine Minderheit schwarzer Schafe in der Ärzteschaft. Aber diese Minderheit sorgt dafür, dass das Thema Korruption im Gesundheitswesen immer wieder hochkocht.

Wie hat die Ärzteschaft auf Ihren Verein gegen Korruption reagiert? Wurde das begrüßt oder gelten Sie und Ihre Vereinskollegen jetzt als Nestbeschmutzer?
Beides. Im letzten „Ärzteblatt“ wurden wir in einem Leserbrief als „moralinsaure Gutmenschen“ beschimpft. Aber es gibt auch eine qualifizierte Minderheit von Kolleginnen und Kollegen, die uns beitreten oder zumindest mit uns übereinstimmen, dass eine andere Medizin möglich ist.

Nur eine qualifizierte Minderheit? Das spricht nicht für ein ausgeprägtes Problembewusstsein unter Ärzten.
Es gibt da eine Spaltung. Manche Ärzte kritisieren, dass Ärztekammern für den Besuch von Fortbildungsveranstaltungen, die die Industrie sponsert, Fortbildungspunkte vergeben. Denn in Wahrheit dienen solche Veranstaltungen vor allem der Werbung. Gegen die Vergabe von Fortbildungsveranstaltungen für pharmagesponserte, als Information getarnte Werbeveranstaltungen wendet sich unser Verein MEZIS. Die Ärztekammer Niedersachsen hat in ihrer Berufsordnung immerhin festgeschrieben, dass teilnehmende Ärzte sich von Pharmafirmen Übernachtung und Reisekosten nicht bezahlen lassen dürfen. Daraufhin hat sich der Leiter des Hartmannbundes – eines für meine Begriffe sehr pharmanahen Ärzteverbandes – selbst angezeigt mit der Erklärung, er werde sich weiter von der Industrie einladen lassen. Nun hat das Berufsgericht Niedersachsen entschieden, dass die Ärztekammer das nicht sanktionieren darf.

Wolfgang Ammer

Wie sollen Ärzte ihren Informationsbedarf decken, wenn nicht durch solche Veranstaltungen?
Vier von fünf Fortbildungsveranstaltungen sind von der Industrie gesponsert, aber man kann sich auch pharmafreie aussuchen. Wenn es Fortbildungspunkte nur noch für pharmafreie Veranstaltungen gäbe, dann würde sich das Verhältnis ändern. Die Industrie dürfte natürlich weiter ihre Werbeveranstaltungen machen, aber es gäbe keine Punkte mehr dafür.

Was kosten die Werbemaßnahmen der Pharmaindustrie insgesamt?
Transparency International geht von bis zu 20 Milliarden Euro jährlich in Deutschland aus. Das ist eine Schätzung, da es keine offiziellen Zahlen dazu gibt.

In welchem Verhältnis stehen diese Kosten zu den Ausgaben für die Entwicklung neuer Medikamente?
Die Marketingausgaben der Pharmaindustrie werden auf doppelt so hoch geschätzt wie die für Forschung und Entwicklung. Die Industrievertreter widersprechen dieser Schätzung nicht.

Was sagen die Krankenkassen dazu? Das kostet sie doch viel Geld.
Die Kassen wehren sich, aber nur mit mäßigem Erfolg. Es gibt zwar seit 2011 das Arzneimittelneuordungsgesetz, nach dem jedes neue Medikament darauf geprüft werden muss, ob es therapeutisch mehr bringt als Vergleichswirkstoffe. Wenn das nicht der Fall ist, müssen die Patienten es entweder selbst kaufen oder die Firmen senken den Preis auf den Preis der Vergleichssubstanz, damit die gesetzlichen Krankenkassen das Medikament erstatten. Bisher war es so, dass nicht nur die neuen Medikamente entsprechend geprüft wurden, sondern auch alle anderen bisher noch nicht geprüften patentgeschützten, teuren Medikamente, die schon länger auf dem Markt sind. Diesen sogenannten Bestandsmarktaufruf will die neue Bundesregierung nun abschaffen. Das nenne ich erfolgreiche Lobbyarbeit der Industrie.

Buch zum Thema

 

Ben Goldacre
Die Pharma-Lüge. Wie Arzneimittelkonzerne Ärzte irreführen und Patienten schädigen
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013,
448 Seiten, 19,99 Euro

Der britische Arzt…

Die deutschen Pharmaunternehmen haben 2004 eine Freiwillige Selbstkontrolle ins Leben gerufen. Im vergangenen November haben sie einen Transparenzkodex für Werbemaßnahmen verabschiedet. Wächst in der Branche das Problembewusstsein?
Es wächst der Druck, etwas zu tun, weil die Kritik zunimmt. Zudem droht ein Gesetz, das vieles von dem verbieten würde, was die Unternehmen heute machen. Da machen sie das, was die Industrie immer in solchen Fällen tut: Sie prescht vor und sagt, ein Gesetz ist nicht nötig, wir machen das freiwillig.

Hat die Freiwillige Selbstkontrolle in den zehn Jahren ihres Bestehens etwas gebracht?
Nein – außer dass sie das Image der beteiligten Unternehmen verbessert hat.

Wo steht Deutschland im Umgang mit Korruption im Gesundheitswesen im Vergleich zu anderen Industrieländern?
Es steht nicht besser, aber auch nicht viel schlechter da. In Deutschland ist skandalös, dass nur Klinikärzte wegen Korruption strafrechtlich belangt werden können. Das wurde 2012 im Verfahren beim Bundesgerichtshof (BGH) gegen die beiden niedergelassenen Kassenärzte offenbar. Die konnten nicht bestraft werden, weil Kassenärzte anders als Klinikärzte keine Amtsträger sind. Der BGH hat in seinem Urteil den Gesetzgeber aufgefordert, diese Gesetzeslücke zu schließen. Das hat sich die Große Koalition jetzt vorgenommen. Mal schauen, ob es passiert.

In anderen Ländern gibt es diese unterschiedliche Behandlung von niedergelassenen Ärzten und Klinikärzten nicht?
In vielen Ländern gibt es gar keine niedergelassenen Kassenärzte. Da werden die Leute in den Kliniken behandelt. Und mit Korruption wird sehr unterschiedlich umgegangen.

Wie sieht es in Schwellenländern wie Indien aus, in denen der schnell wachsende Pharmamarkt heiß umkämpft ist?
Vieles ist ähnlich wie bei uns, aber eines ist in Indien besser: In Deutschland ist an den Endverbraucher gerichtete Werbung für nicht rezeptpflichtige Arzneimittel erlaubt, in Indien nicht. Es gibt dort Werbung – selbst für rezeptfreie Medikamente – nur für Fachgruppen und Apotheker. Der Haken an der Sache: In Indien sind die Apotheker häufig nicht als solche ausgebildet, sondern sind einfach Verkäufer. Und bei denen wird heftig geworben. Dazu kommt, dass es in Indien unzählige nicht registrierte Ärzte gibt – „unregistered doctors“ –, und bei denen stehen die Pharmavertreter Schlange.

Wie bewerten Sie entwicklungspolitische Partnerschaften mit der Pharmaindustrie wie die globale Impfallianz GAVI? Dienen die der Industrie zur Vermarktung von Medikamenten?
Teilweise. Es gibt Initiativen wie die Drugs for Neglected Diseases Initiative, bei denen es gezielt darum geht, patentfreie Medikamente auf den Markt zu bringen. Das ist sinnvoll. Die globale Impfallianz hingegen ist von Pharma-unternehmen gesponsert. Bei ihr geht es auch darum, wie die Industrie neue, zweifelhafte und teure Impfungen in Richtlinien wie die der Ständigen Impfkommission (STIKO) reinkriegt.


Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

erschienen in Ausgabe 3 / 2014: Medizin: Auf die Dosis kommt es an

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