In einer Fabrik werden Nudeln in der Sonne getrocknet. Indonesiens Industrie erzeugt viele einfache Produkte für den Binnenmarkt.

Abschotten hilft nicht mehr

Indonesien ist zum Schwellenland aufgestiegen und hat beim Pro-Kopf-Einkommen Länder wie Ägypten und Georgien seit 2009 überholt. Dieser Weg kann zum modernen Industrieland führen wie im Falle Taiwans oder Süd­koreas. Doch er kann auch in einer Sackgasse enden: in der „Falle der mittleren Einkommen“.

Die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in Indonesien werden oft sehr unterschiedlich beurteilt. Die meisten Fachleute preisen die junge Demokratie als Erfolgsgeschichte Asiens – auch ökonomisch. Seit zehn Jahren weist Indonesien, die größte Volkswirtschaft in Südostasien, überwiegend solide makroökonomische Kennziffern auf: Die Wirtschaft wächst stabil um jährlich rund sechs Prozent, die Investitionen aus dem Ausland nehmen zu.

Autoren

Christian v. Lübke

ist Senior Research Fellow am Arnold-Bergstraesser-Institut der Universität Freiburg.

Muriel Faller

studiert Volks-wirtschaftslehre an der Universität Freiburg.

Mit seiner hohen Binnennachfrage und der geringen Exportorientierung ging Indonesien nahezu unversehrt aus der globalen Finanzkrise der Jahre 2008/2009 hervor. Angesichts seiner starken Wirtschaft, der jungen Bevölkerung und der lebendigen Demokratie wird das Land gern als nächster asiatischer Tigerstaat bezeichnet.

Dennoch besteht auch Anlass zur Skepsis. Der demokratische Transformationsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Noch immer dominieren politische Eliten, die schon unter Suhartos Herrschaft (1967 bis 1998) an den Schaltstellen der Macht saßen, die öffentlichen Entscheidungen. Ihr Interesse, am Status quo festzuhalten, und der politische Klientelismus haben es nahezu unmöglich gemacht, die steigende Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen abzubauen und progressive sozial- und wirtschaftspolitische Reformen voranzutreiben.

Auch in der Wirtschaft ist die Bereitschaft zu Innovationen gering. Zahlreiche Ökonomen warnen davor, dass Indone­sien auf einen wirtschaftlichen Stillstand zusteuert, der in wissenschaftlichen Diskussionen als „middle income trap“ (Falle der mittleren Einkommen) bezeichnet wird.

Die „middle income trap“ beschreibt eine Wirtschaftslage, in der sich langfristige Wachstumsimpulse abschwächen und die durchschnittlichen Einkommen pro Kopf auf einem mittleren Niveau stagnieren. Das betroffene Land kommt auf Dauer nicht über den Status des Schwellenlandes hinaus; es entstehen dort keine dynamischen Industriebranchen, die Anschluss an die technische Entwicklung auf dem Weltmarkt finden können.

Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt gehen verloren

Die Ursachen dafür liegen oft in einem Zusammenspiel von wirtschaftlichen und politischen Faktoren. Wenn das Einkommenswachstum sich früh abschwächt, liegt das zum Beispiel daran, dass Regierungen es versäumen, die Rahmenbedingungen für Investitionen in zukunftsweisende Industriesektoren zu schaffen – zum Beispiel die nötige Infrastruktur. Oder Mängel bei der Berufs- und Hochschulbildung sowie bei der Entwicklung von Technologien erschweren es, einen Strukturwandel hin zu wissensintensiven Branchen wie Pharma-, IT- und Elektronikindustrien einzuleiten.

Problematisch ist auch, wenn Staatseingriffe zum Schutz heimischer Firmen – etwa Exportsubventionen oder Importbeschränkungen – in einem Schwellenland die Anpassungs- und Innovationsfähigkeit der heimischen Unternehmen gefährden. Ähnlich wirkt es, wenn eine Regierung unter dem Einfluss politischer Stimmungen zu aggressivem Wirtschaftsnationalismus greift, das heißt zu einer ökonomisch nicht gerechtfertigten Bevorzugung nationaler Produzenten.

Je schwerwiegender diese Probleme sind, desto weniger sehen sich Schwellenländer in der Lage, Fachkräfte auszubilden, Geschäftsbereiche weiterzuentwickeln und ihre Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten voranzutreiben. Dies hat zur Folge, dass die Kraft zu Innovationen erlahmt, während Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt – zum Beispiel niedrige Produktionskosten – nach und nach verloren gehen. Die ökonomischen Aussichten verschlechtern sich und die Risiken wachsen, in der Falle der mittleren Einkommen zu landen.

erschienen in Ausgabe 4 / 2014: Indonesien: Von Islam und Demokratie

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