Israels Premierminister Benjamin Netanjahu warnt 2012 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen vor dem iranischen
Atomprogramm.

Das ­Märchen von der ­iranischen Bombe

Der Iran will die Welt zum Narren halten und heimlich Atomwaffen bauen – so lautet die offizielle Lesart. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Den vermeintlichen Beweis für das geheime Atomwaffenprogramm des Iran zwischen 2001 und 2003 lieferten mehrere Dokumente, die 2004 auftauchten. Angeblich stammten sie vom Laptop eines iranischen Wissenschaftlers, der an dem Programm gearbeitet haben soll. Sie enthalten Zeichnungen, die zeigen, wie eine Atomwaffe in der iranischen Shahab-3-Rakete eingebaut werden könnte. 2005 wurden Beschreibungen dieser Skizzen an ausgewählte Journalisten weitergegeben. Die Medien verbreiteten die sensationelle Nachricht, der unwiderlegbare Beweis für das iranische Streben nach Atomwaffen liege nun auf dem Tisch.

Autor

Gareth Porter

ist Journalist und Buchautor für sicherheitspolitische Themen. Kürzlich ist sein Buch „Manufactured Crisis: The Untold Story of the Iran Nuclear Scare” (Just World Books) erschienen.

Auch die amerikanischen Geheimdienstdossiers von 2005 und 2007 über das Atomwaffenprogramm beruhten zum großen Teil auf der Annahme, dass diese Unterlagen echt seien. Und die internationale Atomenergiebehörde IAEO erklärte sie 2008 für glaubwürdig, obwohl der damalige Generaldirektor Mohammed el-Baradei zu bedenken gab, dass ihre Echtheit nicht nachgewiesen sei.

Ein gravierender Fehler in den Zeichnungen beweist jedoch, dass es sich um eine Fälschung handelt: Die abgebildete Rakete war schon vor 2000 – zwei Jahre, bevor die Zeichnungen angefertigt wurden – durch ein verbessertes Modell ersetzt worden, das ganz anders aussah.

Im vorigen Jahr erklärte mir Karsten Voigt, der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Koordinator des Auswärtigen Amtes für die Beziehungen zu den USA, was es mit diesen Dokumenten in Wirklichkeit auf sich hat: Der deutsche Bundesnachrichtendienst bekam sie von einem Mitglied der Volksmudschaheddin, einer fanatischen Terrororganisation, die das Regime in Teheran schon seit den frühen 1980er Jahren bekämpft. Auch hatte Voigt von einem hochgestellten BND-Vertreter erfahren, dass dessen Mitarbeiter die Quelle für fragwürdig hielten. Es erfüllte die Geheimdienstler mit Sorge, dass Washington gewillt schien, diese Unterlagen zur Basis seiner Iran-Politik zu machen.

Der Iran wollte bei der zivilen Nutzung unabhängig bleiben

Die amerikanische Doktrin, dass der Iran insgeheim den Besitz von Atomwaffen anstrebt, lässt eine wichtige Tatsache außer Acht: Die aggressive Haltung der USA gegenüber dem iranischen Kernforschungsprogramm beeinflusst maßgeblich die Atompolitik des Landes. Um den Iran zum Verzicht auf sein Atomprogramm zu zwingen, begann die Regierung von Präsident Ronald Reagan nach der Revolution gegen den Schah 1979, starken Druck auszuüben. Die neue iranische Regierung wollte das unter dem Schah-Regime entwickelte Atomprogramm zunächst zurückfahren; sie besaß nur einen einzigen Atomreaktor in Buschehr und hatte nicht vor, dafür selbst Uran anzureichern. Das sollte die französische Firma Eurodif übernehmen, an der der Iran mit zehn Prozent beteiligt war.

Doch nachdem der Irak 1981 im Iran eingefallen war und der Iran einen erfolgreichen Gegenangriff gestartet hatte, wurde die Reagan-Regierung aktiv, um die atomare Zusammenarbeit zwischen dem Iran und Frankreich und Deutschland zu unterbinden. Die beiden europäischen Verbündeten akzeptierten das. Die iranische Regierung hatte nun zwei Möglichkeiten: dem amerikanischen Druck nachzugeben und ihr Kernenergieprogramm einzustellen oder eigene Anreicherungsmöglichkeiten zu entwickeln. Sie entschied sich für die Anreicherung. Deshalb widersetzt sie sich nun seit fast drei Jahrzehnten der ablehnenden Politik der USA. Washington wiederum folgert daraus, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen kommen wolle.

Hinzu kommt, dass der Iran die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) Ende der 1990er Jahre nicht über seine Versuche zur Anreicherung von Uran und über die Anlage in Natanz informiert hat. Auch das gilt seit langem als Beweis für ein Kernwaffenprogramm. Dabei wird aber übersehen, dass die Arbeit dort gar nicht gegen das Abkommen mit der IAEO verstieß. Hätte der Iran tatsächlich vorgehabt, heimlich sein Urananreicherungsprogramm für Atomwaffen zu nutzen, dann hätte die iranische Regierung über die erlaubten Teile berichtet, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen.

erschienen in Ausgabe 9 / 2014: Atomwaffen: Abrüstung nicht in Sicht

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