Links: US-Präsident Barack Obama (rechts) und Indiens Staatschef Manmohan Singh 2010 bei einer Konferenz über nukleare Sicherheit. Beide Länder arbeiten bei Kern­technik zusammen.

Pulverfass Südasien

Atomwaffen machen die Spannungen zwischen China, Indien und Pakistan besonders brisant. Ein regelrechter Krieg ist zwar unwahrscheinlich. Doch die Gefahr ist groß, dass Terroristen in den Besitz von Kernwaffen kommen.

Das Problem der Atomwaffen in Südasien ist Mitte 2014 wieder zum Streitthema geworden. Die Fachzeitschrift für Militär und Verteidigung  „IHS Jane’s“ schrieb im Juni, Indien erweitere seine Kapazitäten zur Urananreicherung – vorgeblich für die Kernreaktoren des Atom-U-Bootes INS Arihant, jedoch weit über dessen tatsächlichen Bedarf hinaus. Das Rechercheteam gelangte zu dem Schluss, dass Indien mit der neuen Produktionsstätte in der Anlage für seltene Metalle nahe Mysore in der Lage sei, etwa doppelt so viel waffentaugliches Uran herzustellen, wie es eigentlich braucht.

Autor

D. Swaran Singh

ist Professor für Diplomatie und Abrüstung an der Jawaharlal Nehru University in Neu-Delhi.

Die indische Regierung beschwerte sich sofort. Die Berichte seien „auf perfide Weise zur Unzeit“ platziert,  und selbst die US-Regierung wies sie als „höchst spekulativ“ zurück. Die „Enthüllung“ erschien am Vorabend der Plenarsitzung, zu der sich die Gruppe der nuklearen Lieferländer (Nuclear Suppliers Group, NSG) in Buenos Aires traf. Dort stand erstmals Indiens Antrag auf Mitgliedschaft auf der Tagesordnung. Der Gruppe gehören 48 Staaten an, die den internationalen Handel mit Nukleartechnik und -material sowie Know-how kontrollieren wollen, um die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern (siehe Beitrag Seite 12). Die Gründung der Gruppe war eine Reaktion auf Indiens ersten Kernwaffentest im Jahr 1974.

Im September 2008 hatte die NSG ein Zugeständnis gemacht und das Verbot, Kerntechnik mit Indien zu handeln, außer Kraft gesetzt. Indien bekam damit als einziger Staat, der den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat, eine solche Zulassung. Damit konnte Neu-Delhi mit den USA im Oktober 2008 ein Kooperationsabkommen über die zivile Nutzung von Kerntechnik schließen. Im November 2010 äußerte US-Präsident Barack Obama zudem den Wunsch, Indien solle Mitglied der NSG werden.

China und Pakistan fürchten das. Denn damit würde Neu-Delhi ein Vetorecht über den globalen Nuklearhandel bekommen, weil die NSG nach dem Konsensprinzip arbeitet. Die NSG bleibt gespalten. Zwar machten die USA und britische Lobbyisten Druck, zudem ratifizierte Neu-Delhi am Vorabend der Plenarsitzung ein Zusatzprotokoll mit der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), das dieser mehr Kontrollmöglichkeiten über den Kernbrennstoff in Indiens zivilen Reaktoren gibt.

Pakistanische Experten beschwören das Feindbild des bösen Indien

Indien wird seit einigen Jahren zunehmend als verantwortliche Macht mit fortgeschrittener Kerntechnik betrachtet. Doch pakistanische Experten beschworen wieder das Feindbild des bösen Indien. Einige Mitglieder der NSG schalteten auf stur und bemängelten, dass eine Mitgliedschaft Indiens die Glaubwürdigkeit des Atomwaffensperrvertrages untergraben würde. Die Gruppe beschloss, die Debatte zu vertagen. Die Diskussion über die Verbreitung von Kernwaffen in Südasien bleibt anfällig für unausgewogene Analysen, Polemiken und Untergangsszenarien. Diese kurzsichtige Haltung findet sich auch in Islamabad und Neu-Delhi.

Pakistan und China machten Indien für das sogenannte atomare Wettrüsten in Asien verantwortlich. China bezog öffentlich keine Stellung, da Peking weder Indien noch Pakistan als Kernwaffenstaat anerkennt. Das Internetportal „China Topix“ jedoch zitierte die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, selbst ein „begrenzter Krieg“ zwischen Indien und Pakistan würde bedeuten, dass „zwei Milliarden Menschen infolge eines nuklearen Schlagabtausches unter Einsatz von 100 Kernwaffen verhungern“. Zur Erinnerung: Beide Länder nennen zusammen etwa 230 Sprengköpfe ihr Eigen – weniger als China und nichts im Vergleich zu den weltweit insgesamt 17.000 atomaren Sprengköpfen.

Dennoch: Indiens und Pakistans politischen Systeme sind komplex, sie haben häufig gegeneinander Krieg geführt und ihre militärischen Oberbefehlshaber handeln oft unglücklich und auf der Grundlage nebulöser Doktrinen. Das macht die Lage im atomaren Dreieck im südlichen Asien spannungsreich und vielschichtig, so dass Analysten nicht selten in Panik verfallen.

erschienen in Ausgabe 9 / 2014: Atomwaffen: Abrüstung nicht in Sicht

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