Helfen, ohne zu missionieren

Vor einem Jahr haben die christlichen Kirchen einen konfessionsübergreifenden Verhaltenskodex über den Umgang mit Mission verabschiedet. Das war notwendig, um christlich motivierte humanitäre Hilfe von Missionierung abzugrenzen. Doch eine öffentliche Diskussion darüber haben die Kirchen bislang versäumt.

Christliche Hilfsorganisationen werden in den Medien immer wieder pauschal der Missionierung bezichtigt. Hervorgerufen wird diese Kritik von  Gruppierungen, die Mission und Hilfe tatsächlich vermischen und schon durch die Art ihres Auftretens Druck erzeugen. Die vielen „mission trips“ – „Missionsausflüge“ –, zu denen vor allem amerikanische Gemeindegruppen zu Kurzeinsätzen in Katastrophengebieten aufbrechen, prägen zum Beispiel in Haiti stark das Bild christlicher Hilfe als Mission. Der persönliche Einsatz von etwa 1,5 Millionen Menschen jährlich bei solchen Einsätzen zeigt die Dominanz der missionierenden Helfer in Wort und Tat. Die Gefahr ist groß, dass die Opfer von Katastrophen auf diesem Weg zu Objekten der Hilfe werden.

Autor

Jürgen Thiesbonenkamp

war bis 2014 Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe in Duisburg.


Dabei haben sich Protestanten, Katholiken, Pfingstkirchen und Orthodoxe vor einem Jahr in Genf in einem breiten ökumenischen Konsens darauf verständigt, dass genau das verhindert werden soll. Nach fünfjähriger Arbeit legten 2011 der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog, der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) und die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) gemeinsam Empfehlungen für einen Verhaltenskodex vor, wie weit Mission gehen darf (siehe „welt-sichten“, 8/2011). Das Dokument mit dem Titel „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ überzeugt durch die Kraft seiner Worte. Es erhebt den Anspruch, über  Konfessionsgrenzen hinweg Orientierung zu geben: darüber, wie Christen der zu ihrem Glauben gehörenden Mission nachgehen und ihr als Zeugnis Glaubwürdigkeit geben können in einer Welt, in der Konflikte häufig religiös interpretiert und aufgeladen werden.
Mit Pauken und Posaunen wurde der Kodex allerdings nicht gerade aufgenommen; ein breites öffentliches Echo ist bis heute ausgeblieben. Die bisher geringe Resonanz auf den Text verstärkt den Eindruck, dass die Amtskirchen ihn erst in ihren eigenen Zirkeln diskutieren wollen, statt eine öffentliche Diskussion darüber zu beginnen. Gerade die aber hätte hilfreich sein können angesichts der Umbrüche im Nahen Osten und  in anderen Weltregionen sowie der öffentlichen Debatte um die Rolle der Religionen in Europa.
Der Text, der sich in eine Präambel, Grundlagen für das christliche Zeugnis, Prinzipien und Empfehlungen gliedert, befasst sich mit den praktischen Fragen, die sich aus den Spannungen ergeben, wenn Einzelne und Gruppen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen aufeinandertreffen. Er verpflichtet die Christen dazu, die interreligiöse Zusammenarbeit zu ihrer Aufgabe zu machen, um „Gerechtigkeit, Frieden und Gemeinwohl voranzutreiben“. Dazu sollen die  Kirchen sich aber nicht nur im Umgang mit anderen Religionen verpflichten, sondern auch untereinander: Sie sollen sich gegenseitig respektieren und davon absehen, sich gegenseitig Gemeindeglieder abzuwerben beziehungsweise durch unlautere Konversionen die Zahl ihrer Mitglieder zu erhöhen.
Dies geschieht nicht zuletzt in instabilen Regionen, wo Menschen als Folge von Kriegen, Hunger oder Naturkatastrophen auf Hilfe von außen angewiesen sind. Der Verhaltenskodex greift dieses Thema auf. Dort heißt es: „Die Ausnutzung von Armut und Not hat im christlichen Dienst keinen Platz.“ Christen und Christinnen „sollten es in ihrem Dienst ablehnen und darauf verzichten, Menschen durch materielle Anreize und Belohnungen gewinnen zu wollen“. Christliche Hilfsorganisationen, wie sie beispielsweise im Bündnis Entwicklung Hilft zusammengeschlossen sind, handeln nach diesem Prinzip.
Gerade weil im Sinne des Textes Mission als Zeugnis von „Integrität, Nächstenliebe, Mitgefühl und Demut“ gelebt werden soll, stehen der Respekt, die Teilhabe, der Dialog und ein nachhaltiges Verständnis von Partnerschaft im Vordergrund. Christliche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe, die ihre heutige Arbeit vor dem Hintergrund der früheren Missionsarbeit von Christen kritisch reflektieren, arbeiten nach dem „Do no harm“-Prinzip: Richte keinen Schaden an. Sie wissen, dass die Menschen bleiben und mit ihren Nachbarn weiterleben müssen, nachdem sie als Organisation die Arbeit beendet haben und gegangen sind. So sollte das christliche Zeugnis in der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe dem Ziel verpflichtet sein, am Aufbau einer vielfältigen Zivilgesellschaft mitzuwirken, die von gegenseitigem Respekt und Religionsfreiheit geprägt ist.

erschienen in Ausgabe 8 / 2012: Auf der Flucht

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