Textilbündnis: Ein Armutszeugnis

(21.10.2014) Die großen Bekleidungsfirmen wollen beim Textilbündnis von Entwicklungsminister Gerd Müller nicht mitmachen. Den Spott, den er dafür erntet, hat Müller selbst verschuldet. Dabei gibt das Bündnis die richtige Richtung vor.

Müllers Initiative sei als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet, urteilt der entwicklungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Uwe Kekeritz. Das ist zu hart, enthält aber etwas Wahres. Und das hat der Minister sich selbst zuzuschreiben: Der CSU-Mann hat in den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit den Mund reichlich voll genommen. Noch in diesem Jahr werde sein Haus ein neues Siegel für nachhaltig produzierte Kleidung einführen, tönte Müller im April.

Daraus wird wahrscheinlich nichts. Aber Müllers vorschnelle Versprechen haben bei vielen unrealistische Erwartungen geweckt: Der Minister müsse nun „seine Ankündigung wahrmachen“ und „gesetzliche Regelungen erlassen, nach denen Unternehmen für die Nichteinhaltung von sozialen Mindeststandards in der Lieferkette haften“, fordert etwa die Entwicklungsorganisation Oxfam. Mal abgesehen davon, dass in Deutschland Minister keine Gesetze erlassen: Fachleute bezweifeln, dass mit Vorschriften aus Deutschland oder Europa einfach die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken in Bangladesch und Pakistan verbessert werden könnten.

Nicht noch ein Nischen-Siegel

Das Textilbündnis, das Gerd Müller anstrebt, ist der richtige Weg zu einem sozial- und umweltverträglicheren Textilmarkt in Deutschland. Dass die großen Anbieter wie Tchibo, KiK, Lidl oder Otto sowie die Handelsverbände nach Fertigstellung des Aktionsplans wieder ausgestiegen sind, ist ein Armutszeugnis für sie. Ja, der Plan enthält ambitionierte Ziele, aber er verlangt nichts Unmögliches. Das Bündnis will Schritt für Schritt zunächst die Zulieferketten entwirren, um zu sehen, welche Subunternehmer was und wo für den deutschen Kleidermarkt produzieren. Dann sollen die Unternehmen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft und der Politik überlegen, wie auf den einzelnen Produktionsstufen die Bedingungen verbessert werden können. Wer sagt, das gehe nicht, zeigt nur, dass er daran kein Interesse hat.

Die Ziele des Aktionsplans seien nicht verhandelbar, wohl aber die Verfahren und die Fristen, heißt es von Teilnehmern. Bleibt zu hoffen, dass die Industrie in das Bündnis zurückkehrt. Denn ohne die großen Anbieter fehlt ihm die Marktmacht. Ein mögliches neues Siegel würde in der Nische bleiben – wie so viele andere Faitrade-Zertifikate.

erschienen in Ausgabe 11 / 2014: Der Glaube und das Geld

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