Rechenspiele mit dem Wald

Rund ein Fünftel der globalen Kohlendioxid-Emissionen stammt aus der Zerstörung von Wäldern. Die Klima-Diplomatie will deshalb finanzielle Anreize für Waldschutz setzen. Wie fragwürdig das Konzept ist, zeigt ein Pilotprogramm in Brasilien.

Als „Bonus für Frühstarter“ beschreibt die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ihr Programm für sogenannte „REDD Early Movers“: Mit mehr als 35 Millionen Euro unterstützt sie Staaten mit tropischen Wäldern, die Emissionen von Klimagasen einsparen, indem sie Waldflächen erhalten. REDD steht für „Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Walddegradierung“ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation). Das Konzept ist seit der Klimakonferenz der Vereinten Nationen 2007 Teil der internationalen Verhandlungen. Es hat zum Ziel, mit Hilfe finanzieller Anreize den Verlust von Wäldern zu  verringern – genauer gesagt, die durch Waldzerstörung verursachten Treib-hausgasemissionen. Wer auf diese Weise Klimagase einspart, soll unter REDD dafür bezahlt werden.

Trotz jahrelanger Verhandlungen bleibt strittig, wie die finanziellen Anreize aussehen sollen. Klar ist: Gezahlt werden soll langfristig nur, wenn ein Land nachweisen kann, dass Emissionen tatsächlich verhindert wurden. Wie dieser Nachweis erbracht werden soll, ist einer der Streitpunkte. Viele Industrieländer fordern, daß für eingesparte Treibhausgase Zertifikate ausgegeben werden. Aber sollen sie lediglich als Nachweis dienen, dass Wald erhalten und eine Emissionsreduktion erbracht wurde, oder soll man sie handeln dürfen? Im ersten Fall ist offen, wie private Investoren in die Finanzierung des Waldschutzes einbezogen werden können. Dass öffentliches Geld allein nicht ausreicht, ist eines der Argumente dafür, den Waldschutz aus handelbaren Emissionszertifikaten zu finanzieren.

Autorin

Jutta Kill

ist Biologin.
Dann aber könnten Geberländer wie Deutschland (oder auch Unternehmen), die  Waldschutzmaßnahmen finanzieren, die Zertifikate dafür ganz oder teilweise auf eigene Pflichten zur Emissionsminderung anrechnen – also zu Hause weniger Klimaschutz betreiben. Einsparungen infolge des Waldschutzes würden unter REDD anderswo zusätzliche Emissionen aus Kohle oder Öl erlauben, die das Klima auf Jahrhunderte beeinflussen. Für wie lange muss dann nachgewiesen werden, dass der Wald erhalten und der Kohlenstoff darin gebunden bleibt? Ist für das Monitoring der Käufer der Zertifikate verantwortlich oder der Verkäufer? Was passiert, wenn der Wald irgendwann doch gerodet wird? Sind Nachweise über solche langen Zeiträume und in die Zukunft hinein möglich?

Während die Debatte über diese Fragen anhält, wurde bereits eine Reihe von multilateralen, bilateralen und freiwilligen Initiativen, die Walderhalt mittels REDD propagieren, ins Leben gerufen. Verfahren etwa für die Zertifizierung werden etabliert. Die Bundesregierung unterstützt zahlreiche Initiativen zur Vorbereitung von REDD finanziell, darunter die dafür bestimmte Kreditlinie der Weltbank (Forest Carbon Partnership Facility) sowie Waldschutzprojekte von nichtstaatlichen Organisationen. Consulting-Firmen beteiligen sich an der Vorbereitung von REDD, indem sie Methoden erarbeiten, wie der Kohlenstoffgehalt in den komplexen Waldökosystemen berechnet werden kann. Oder sie treten als Mittler auf zwischen Projekten, die Emissionszertifikate zum Verkauf anbieten, und Konzernen, die mit solchen Zertifikaten freiwillig einen Teil ihrer Emissionen kompensieren wollen. Auf diese Weise können etwa Energieunternehmen klimaneutrales Erdgas anbieten.

Landschaftliche Schönheit in Zertifikate verpacken

Die KfW verwaltet einen bedeutenden Teil des deutschen Geldes für REDD. Ihr 2011 aufgelegtes Programm für „Frühstarter“ unterstützt unter anderem mit mehr als 19 Millionen Euro den Walderhalt im brasilianischen Bundesstaat Acre. Der erlangte Ende der 1980er Jahre traurige Berühmtheit, als dort der Kautschukzapfer und Gewerkschafter Chico Mendes ermordet wurde. Er trat für die Rechte der Kautschukzapfer ein und wehrte sich gegen die Abholzung zum Nutzen der Vieh- und Holzindustrie. Noch immer breitet sich die Viehzucht in Acre aus und der oft illegale Holzeinschlag geht weiter. Und die Gegner dieser Waldzerstörung werden weiterhin bedroht: Im September 2014 wurde das Büro der Menschenrechtsorganisation CIMI (Conselho Indigenista Missionário) verwüstet, und deren Mitarbeiter erhalten seit längerem anonyme Drohungen.

Dennoch präsentiert sich der Bundesstaat Acre als Pionier der nachhaltigen Waldbewirtschaftung in den Tropen. Seine Regierung treibt experimentierfreudig die ökonomische Bewertung von Natur als vermeintliches Instrument des Naturschutzes voran. Im Jahr 2010 hat sie per Gesetz ein System zur Förderung von Ökosystemdienstleistungen eingeführt. Es sieht vor, für solche Dienstleistungen handelbare Emissionszertifikate zu schaffen und damit einen wirtschaftlichen Anreiz, sie zu erhalten. Zum Beispiel sollen die Wasserfilterfunktion, die Kohlenstoffspeicherfähigkeit, die biologische Vielfalt und die „landschaftliche Schönheit“ von Wald in Zertifikate verpackt und aus deren Verkauf dann Naturschutz finanziert werden.

erschienen in Ausgabe 11 / 2014: Der Glaube und das Geld

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