Kirche für andere

Entwicklungszusammenarbeit leistet Hilfe zur Selbsthilfe. Aber was ist mit denen, die sich nicht mehr selbst helfen können? Die evangelischen Kirchen in Deutschland unterstützen Partnergemeinden in aller Welt dabei, Menschen zu helfen, die sonst an den Rand gedrängt würden.

In der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit führt das Programm „Kirchen helfen Kirchen“ ein Schattendasein – zu Unrecht. Nach dem Zweiten Weltkrieg aus Dankbarkeit und als ökumenisches Notprogramm gegründet, hat es bis heute seine Berechtigung, auch wenn oder gerade weil es sich der gängigen Logik der Entwicklungszusammenarbeit entzieht: Gefördert werden relativ kleine, eher diakonisch geprägte Projekte; es geht dabei nicht immer um Hilfe zur Selbsthilfe, sondern manchmal einfach um solidarische Unterstützung von Kirchen für Kirchen. Dieses Jahr wird das Programm 60 Jahre alt.

Die Kirchen und ihre Entwicklungswerke haben ihre etablierten Plätze in der entwicklungspolitischen Landschaft Deutschlands. Sie müssen ebenso wie ihre staatlichen oder säkularen Gegenüber hohe Standards erfüllen. Ihre Projekte haben in der Regel eine bestimmte Mindestgröße. Sie spinnen ein Netz der Hilfe, durch dessen Maschen allerdings manches förderungswürdige Projekt rutscht, etwa weil es einfach zu klein ist oder außerhalb des Mandats der üblichen entwicklungspolitischen Instrumente und Programme liegt. Dabei sind es oft vergleichsweise kleine Summen, die Kirchen fehlen, um sich für solche Projekte stärker zu engagieren.

Autorin

Claudia Warning

leitet den Vorstandsbereich „Internationale Programme und Inlandsförderung“ von Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst.
„Kirchen helfen Kirchen“ setzt genau hier an. Das Programm ist geprägt von der Erfahrung der evangelischen Kirchen in Deutschland, die nach dem Zweiten Weltkrieg selbst Unterstützung von Glaubensgeschwistern aus aller Welt erfahren haben. Mit dem 1954 eingerichteten „Ökumenischen Notprogramm der EKD“ brachten sie ihre Dankbarkeit für die empfangene Hilfe zum Ausdruck und wollten nun selbst Kirchen in anderen Ländern helfen, ihre Aufgaben zu bewältigen.

Als flexibles Unterstützungsangebot für kleinere kirchliche Träger ist es heute schwerpunktmäßig in den postkommunistischen Gesellschaften Mittel- und Osteuropas tätig. Die Bandbreite der Projekte der zwischenkirchlichen Hilfe ist groß. Sie reicht von außerschulischen Bildungsangeboten für Roma-Kinder in Serbien und der Ausbildung von Laien und Laiinnen in Kuba und Uruguay über politische Bildungsarbeit christlicher Studentinnen und Studenten in Simbabwe sowie Lobby-Arbeit für die Rechte Obdachloser in Russland bis hin zu Hospizarbeit und Sterbebegleitung in Rumänien. Meist sind es Programme im Übergangsbereich zwischen Entwicklungs- und Sozialarbeit.

Selbstlos und loyal für die Menschen

Vor allem die reformierten und unierten Kirchen in Deutschland – weniger die Lutheraner als dritte Strömung der Evangelischen Kirche in Deutschland – unterstützen „Kirchen helfen Kirchen“. Ihnen ist besonders an der Förderung kleinerer Kirchen in entlegenen Regionen der Welt gelegen. Denn gerade diese, deren Mitglieder teils als Minderheiten in der Diaspora leben, übernehmen dort wesentliche Aufgaben für das Gemeinwesen auf lokaler Ebene. Sie engagieren sich für die Armen und Schwachen – trotz fehlender Ressourcen und schwieriger Rahmenbedingungen.

Auf meinen Reisen habe ich viele kleine Gemeinden besucht und Menschen getroffen, die mich tief beeindruckt haben. „Wer soll es denn machen, wenn nicht wir?“ war eine wohl eher rhetorische Frage, die mir ein evangelischer Pfarrer in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, stellte. Selbstlos und loyal für die Menschen und ihre Gemeinde stellen sich viele Geistliche ihrer Verantwortung und ihren teils mühsamen Aufgaben mit großer Leidenschaft – obwohl es interessante Alternativen gäbe, die ihnen ein einfacheres Leben bieten würden. Bei diesen Menschen wird Kirche für mich erlebbar; bei ihnen ist sie Kirche für andere.

Entwicklungszusammenarbeit soll vor allem die lokalen Selbsthilfekräfte stärken. Entwicklung bedeutet aber auch die schrittweise Verwirklichung der Menschenrechte. Sie gelten auch für diejenigen, die sich nicht oder nicht mehr selbst helfen können. Niemand darf zurückgelassen werden. Hier überschneiden sich der kirchliche und der entwicklungspolitische Auftrag. Viele Kirchen halten ein Mindestmaß an diakonischer und sozialer Infrastruktur aufrecht. Sie leisten ihren Dienst am Nächsten. Kirchen helfen ihrem Gemeinwesen, sich selbst zu helfen – indem sie auch diejenigen versorgen, die sonst an den Rand gedrängt werden. Wir sind stolz, dieses wichtige Engagement mit dem kleinen Programm „Kirchen helfen Kirchen“ unterstützen zu können – seit nunmehr 60 Jahren.

 

erschienen in Ausgabe 12 / 2014: Früchte des Bodens

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