Digitale Katastrophenhilfe
Digitale Katastrophenhilfe

Schöne neue Datenwelt

Wer im Katastrophenfall twittert, erreicht mehr Menschen als mit Sirenen. Und Apps auf dem Smartphone warnen vor Umweltgefahren: Die humanitäre Hilfe ist im digitalen Zeitalter angekommen.

Bei humanitären Einsätzen werden mehr Informationen gesammelt als früher, so auch biometrische Daten. Hier scannt eine Mitarbeiterin des UNHCR in ­Pakistan die Iris einer afghanischen Frau. A. Majeed/AFP/ Getty Images
Digitale Daten werden seit einigen Jahren systematisch genutzt, um Krisen besser zu bewältigen. Als nach der Präsidentschaftswahl in Kenia 2007 bürgerkriegsähnliche Unruhen ausbrachen, entwickelte die kenianische Organisation Ushahidi einen SMS-basierten Krisenservice. Aus den Textnachrichten der Menschen vor Ort entstand eine digitale Karte der Gewalt.

Auch bei dem Erdbeben auf Haiti 2010 kam Ushahidi zum Einsatz. Eine Gruppe weltweit verstreuter Freiwilliger kombinierte zusätzlich SMS von Betroffenen mit Meldungen aus sozialen Netzwerken und erstellte daraus eine Lageübersicht. „In dieser Zeit haben sich viele Menschen engagiert. Es entstand eine Art Ökosystem von Freiwilligen“, sagt Patrick Meier.

Meiers Projekt „Crisis Mappers“ war kurz vor dem Beben an den Start gegangen. Zwei Jahre später gründete er mit Andrej Verity vom Nothilfebüro der Vereinten Nationen UN OCHA das Digital Humanitarian Network (DHN). „Wir wollten die einzelnen Gruppen miteinander verknüpfen“, sagt Meier. In Krisen können Hilfsorganisationen das Netzwerk von Freiwilligen aktivieren – etwa beim Hurrikan Hagupit auf den Philippinen im Dezember 2014. Der Auftrag von UN OCHA: Tweets auswerten, um festzustellen, wo Hilfe benötigt wird, aus den Ergebnissen Karten zu erstellen und die Bevölkerung vor Gefahren zu warnen.

Das Netzwerk und weitere Plattformen sorgen dafür, dass die Helfer sich nicht gegenseitig in die Quere kommen – und dafür, dass die Datenflut nicht alles überschwemmt. Digitale Werkzeuge können Nachrichten aus dem Internet zwar anhand von Schlagwörtern und Algorithmen bestimmten Kategorien zuordnen. Selbstständig Texte aus sozialen Netzwerken auswerten oder Fehlinformationen filtern können sie jedoch nicht. Das ist aber wichtig, wie eine Studie des US-amerikanischen Pew-Forschungszentrums zeigt: Während des Hurrikans Sandy in der Karibik 2012 wurden mehr als 20 Millionen Tweets versendet. Nur ein Drittel enthielt nützliche Informationen.

Technisch visierte Freiwillige zeigen was möglich ist

Neue Akteure und neue Mittel verändern die Strukturen der humanitären Hilfe. Es sei eine gute Sache, dass sich immer mehr Freiwillige aus Krisenländern beteiligen und mehr lokales Wissen verfügbar werde, sagt Patrick Meier. Auch für etablierte Hilfsorganisationen sind digitale Instrumente ein Gewinn: Die US-Katastrophenbehörde Federal Emergency Management Agency (FEMA) ist heute bis zu 24 Stunden schneller in Katastrophenregionen als zu Offline-Zeiten.

Die Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) betonen, die technisch bewanderten Freiwilligen seien für die humanitäre Hilfe wegweisend. Sie könnten den traditionellen Organisationen zeigen, was technisch möglich ist. Aber: Oft seien sie für den Einsatz in Krisengebieten nicht ausgebildet, und die Grundprinzipien der humanitären Hilfe seien ihnen nicht bekannt. Das kann dazu führen, dass Konflikte verschärft oder Hygienestandards nicht eingehalten werden. Katja Evertz vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sagt: „Wir können spontane Hilfsaktionen nicht steuern. Aber wir können den Helfern Informationen geben, damit ihre Unterstützung da ankommt, wo sie gebraucht wird.“ Dann könnten soziale Netzwerke bei Einsätzen sinnvoll genutzt werden. Dafür müssten die Behörden umdenken – gerade in Deutschland zweifelten aber noch viele an den Chancen der Digitalisierung.

Angst vor dem Kontrollverlust?

„Staatliche Behörden hatten jahrelang das Monopol und haben jetzt Angst vor Kontrollverlust“, meint Kathleen Ziemann dazu. Sie arbeitet beim betterplace.lab, einem Netzwerk, das digitale Innovationen erforscht. Doch sie räumt ein: „Viele neue Techniken sind noch unausgereift.“ Und viele Menschen könnten damit nicht umgehen. Twitter-Warnmeldungen nützen ihnen dann wenig. Das gilt auch für die, die gar keinen Internetzugang haben. Laut der Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen für Informations- und Kommunikationstechnologien (UN ICT) gab es 2014 weltweit fast sieben Milliarden Mobilfunkverträge, immerhin 2,3 Milliarden Menschen nutzen ein internetfähiges Gerät. Aber 4,3 Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zum Internet, 90 Prozent von ihnen leben in Entwicklungsländern.

Ihnen könnte künftig mit Drohnen geholfen werden. Nachdem Taifun Haiyan 2013 auf den Philippinen gewütet hatte, kamen sie zum ersten Mal in einem Katastrophengebiet zum Einsatz. Sie lieferten Aufnahmen abgeschotteter Regionen. Für die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren Kopter, wie die Flugobjekte in Abgrenzung zu den militärischen Gegenstücken genannt werden, bereits in Papua-Neuguinea und Bhutan unterwegs, um Medikamente und Blutproben zu transportieren.

Mit der Digitalisierung der Hilfe wird der Datenschutz zum Problem

Ihr Einsatz ist allerdings umstritten. Denn bislang stellen nur wenige Unternehmen Drohnen für zivile Zwecke her, vor allem werden sie militärisch genutzt. Das könnte die Hilfeempfänger misstrauisch machen. Hinzu kommen rechtliche Fragen. In der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) werden gerade erst Richtlinien für die zivile Nutzung von Drohnen festgelegt, während die meisten Länder des globalen Südens sich damit noch nicht beschäftigen. Die Datenschutzgesetze unterscheiden sich von Land zu Land. Ein Kopter-Einsatz muss jeweils mit lokalen und nationalen Behörden abgestimmt werden. 

Autorin

Hanna Pütz

hat bei „welt-sichten“ volontiert und ist jetzt Online-Redakteurin bei „Aktion Deutschland Hilft“ in Bonn.
Der Datenschutz gewinnt insgesamt bei humanitären Einsätzen an Gewicht. Denn es werden ganz neue Arten von Informationen gesammelt wie Fingerabdrücke und Iris-Scans. In Jordanien etwa registrierte das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) auf diese Weise rund 460.000 syrische Flüchtlinge. Das dient der Identifizierung von Menschen ohne Dokumente und sorgt dafür, dass niemand doppelt gezählt wird. Manchmal spielt die Technik jedoch nicht mit. 2013 wurde Flüchtlingen im mauretanischen Lager Mbera zunächst die Hilfe verweigert, weil es Probleme mit dem biometrischen Registrierungssystem gab. Darüber hinaus sind internationale Organisationen nicht die einzigen, die Daten sammeln und verwerten. Beim digitalisierten Hilfseinsatz mischen Entwickler von Anwendungen oder Unternehmen aus dem Bereich der Datenspeicherung mit. Informationen werden weitergegeben. Die biometrischen Daten der syrischen Flüchtlinge in Jordanien gingen an eine Bank, um das Geldabheben via Augenscan zu ermöglichen.

Digital gespeicherte Informationen können außerdem zum Ziel von Internetkriminalität werden. Bei der humanitären Hilfe werden Passwörter für Geldtransfers über Mobiltelefone, GPS-Daten vom Projektstandort sowie Informationen über ethnische Zugehörigkeit, Religion oder den Gesundheitszustand von Vertriebenen gesammelt. Wenn solche Daten in die falschen Hände geraten – von bewaffneten Rebellengruppen oder autoritären Regimen –, kann das zur Gefahr für Opfer von Menschenrechtsverletzungen, politisch Verfolgte oder andere verletzliche Gruppen werden.

An vielen Stellen ist sie noch ohne verbindliche Regeln, die digitale Welt der humanitären Hilfe. Es kursieren Positionspapiere über neue Technologien, Anweisungen zum standardisierten Twittern bei Katastrophen und Richtlinien für den Umgang mit sensiblen Daten. „Wir lernen alle noch“, sagt Patrick Meier vom Digital Humanitarian Network. Zumindest ergänzen können sich menschliche und digitale Helfer aber schon jetzt.

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2015: Nothilfe: Aus Trümmern Neues schaffen

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