Mexiko
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Der Gott der Ganoven

Drogenhandel und Frömmigkeit gehören in Mexiko oft zusammen. Selbst grausame Enthauptungen werden als „göttliche Gerechtigkeit“ verbrämt.

Jesús Malverde wird von der römisch-katholischen Kirche nicht als Heiliger anerkannt. Sollte es ihn je gegeben haben – wofür es außer dem Volksglauben keinerlei Beweise gibt –, dann wäre ihm das völlig gleichgültig gewesen. Er wird von all jenen verehrt, die so sind, wie er gewesen sein soll: von den Ganoven, den Gesetzlosen, von denen aus der Unterwelt. Der Legende nach wurde er am Heiligen Abend des Jahres 1870 als Sohn armer Leute geboren, in dem Gehöft Mocorito in der Nähe von Culiacán, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaats Sinaloa.

Früh schon sei er Waise geworden und habe sich mit Sklavenarbeit auf einem Landgut durchschlagen müssen. Aber er habe aufbegehrt gegen den Patrón, habe sich mit einer Pistole in den Wald zurückgezogen, reichen Leuten aufgelauert, sie überfallen und die Beute dann an die Armen verteilt. Er sei immer dreister geworden, habe die Häuser der Großgrundbesitzer in Culiacán ausgeraubt. Der Gouverneur schickte seine Häscher nach ihm und die stellten ihn, am 3. Mai 1909, im Wald auf dem Weg nach Navolato. Dort erhängten sie ihn.

Heute ist Jesús Malverde der Schutzheilige der Drogenhändler und von denen gibt es in Culiacán sehr viele. Sie kommen in seine Kapelle und beten ihn an, Dutzende an jedem Tag. Der Wallfahrtsort ist eher unscheinbar und liegt an einer vierspurigen vielbefahrenen Straße. Von außen wirkt der Schrein wie ein Blumengeschäft. Grün gestrichene Betonbänke stehen auf dem Bürgersteig; das Vordach wirft einen breiten Schatten, der bei 40 Grad Hitze willkommen ist. Händler bieten Devotionalien an: Schlüsselanhänger in der Form eines Kreuzes, mit Malverdes Porträt in der Mitte; eine Broschüre mit der Heiligen-Legende; Volksmusik-Platten mit Balladen auf den Helden; Schnittblumen und Kerzen, viele Kerzen.

Die Legende des Jesús Malverde ähnelt der des „edlen Räubers“ Robin Hood. Und doch wird er nicht nur von armen Leuten verehrt, sondern vor allem eben von Drogenhändlern. „Sie identifizieren sich mit ihm“, sagt Élmer Mendoza. „Sie fühlen sich wie Robin Hood.“ Der Mann muss es wissen. Er ist Schriftsteller, der erste von heute zahlreichen Vertretern der sogenannten „Narcoliteratura“. Seine Romane spielen im Milieu der Kartelle und er beschreibt es so kenntnisreich, dass man ihm nachsagt, er pflege sehr enge Kontakte dorthin.

In Culiacán heißen die Drogenbarone „Freunde“

Mendoza wurde vor 65 Jahren in Culiacán geboren, hat immer dort gelebt und unterrichtet heute Literatur an der örtlichen Universität. Die Stadt in der heißen pazifischen Küstenebene ist so etwas wie die Wiege des Drogenhandels in Amerika. Als Ende des 19. Jahrhunderts dort eine Eisenbahnlinie gebaut wurde, brachten chinesische Arbeiter den bis dahin dort unbekannten Schlafmohn ins Land. Die Pflanze gedeiht in den kargen Bergen im Hinterland von Culiacán besonders gut. Erste Pflanzungen zur Produktion von Opium wurden in den Chroniken von 1886 erwähnt. „Seit über hundert Jahren lebt Culiacán vom Drogenhandel“, sagt Mendoza.

Die örtlichen Drogenbarone hätten immer Wert auf ein gutes Verhältnis zur Bevölkerung gelegt: „Sie brauchen Ruhe für ihre Geschäfte.“ Sie lassen Kirchen bauen, Sportplätze und Schulen – Einrichtungen, die von einem korrupten Staat niemand erwartet. Sie schaffen Arbeitsplätze, nicht nur für Drogenkuriere und Pistoleros, sondern auch für Buchhalter, Geldwechsler oder Wächter. Von den Einheimischen werden sie deshalb so gut wie nie verraten. In Culiacán nennt man sie nicht Drogenhändler, oder, wie man in Mexiko sagt: „narcos“. Sie sind „amigos“, „Freunde“, bisweilen sogar „valientes“, die „Tapferen“. Moderne Robin Hoods eben, und Jesús Malverde ist ihr Heiliger.

Eine schmiedeeiserne grüne Tür führt in Malverdes Schrein, ein verwinkeltes Reich mit einem halben Dutzend Zimmern. Eines gleicht dem anderen: Ein großes Podest, überladen mit immer denselben Büsten des Vergötterten. Weißes Hemd, schwarzes Halstuch, die schwarzen Haare nach hinten gekämmt. Stechend blaue Augen und ein schmaler schwarzer Schnauz; ein Phantasieprodukt im Disney-Realismus, ein bisschen wie Lucky Luke. Dazwischen brennende Kerzen und weiße Lilien, Zigarren und Rum als Gaben. Die Wände sind mit Dankesplaketten gepflastert. Standard-Formulierungen, wie man sie von Wallfahrtsorten kennt. „Dank an Gott und Malverde für die Wunder, die wir erfahren durften“, schreiben Omar Burgos und Verónica Salas aus Guadalajara.

Still steht ein großer, kräftiger Mann vor den Büsten, das Gesicht von der Sonne verbrannt. Schlohweißes volles Haar, ein kräftiger Schnauzbart. Das Hemd rot kariert, der Gürtel der Jeans wird von einem breiten silbernen Koppelschloss gehalten. Cowboystiefel. Den cremefarbenen breitkrempigen Hut setzt er erst draußen wieder auf. Dort rollt ein wuchtiger weißer Hummer-Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben heran. Er hält an, von der Rückbank aus kann man durch die Tür des Kirchleins auf den Hauptaltar blicken. Niemand steigt aus. Drei, vier Minuten steht der Wagen da und es ist, als hielten die Devotionalienhändler so lange den Atem an. Dann fährt der Hummer sacht wieder weg. Gepanzerte Varianten dieser paramilitärisch wirkenden Fahrzeuge, das weiß man in Culiacán, stehen derzeit bei Drogenbossen hoch im Kurs.

Das Totenreich der Azteken lebt im Volksglauben weiter

Höchstwahrscheinlich haben die meisten von ihnen zu Hause nicht nur eine Büste von Malverde stehen, sondern auch eine Statue von Santa Muerte, dem „heiligen Tod“. Der von der katholischen Kirche verurteilte Kult um diese meist als Skelett mit rotem Umhang, Sense und Krone dargestellte Volksheilige ist viel älter und verbreiteter als der um den Robin Hood von Culiacán. Man schätzt die Zahl ihrer Anhänger auf rund zehn Millionen. Volkskundler gehen davon aus, dass die Ursprünge von Santa Muerte bis in die vorkoloniale Zeit zurückreichen, auf Mictlan, das Totenreich der Azteken: Eine Art Fegefeuer, das vier Jahre lang durchlaufen werden muss, bevor man in den Himmel kommt. Dieses Reich wurde von Mictlatecuhtli und seiner Frau Mictlancihuatl regiert. Die wiederum sei später mit Vorstellungen von der Jungfrau Maria zu Santa Muerte verschmolzen worden.

Ihr Fest wird meist am 1. November mit Prozessionen begangen, am Tag vor Allerseelen, an dem sich die Mexikaner mit Feiern auf Friedhöfen und Zuckerskeletten für Kinder daran erinnern, dass alle Menschen sterblich sind. Die skurrile Volksheilige entstammt demselben Kulturkreis des Totengedenken; in einem Gebet für sie heißt es: „Der Tod ist gerecht und gleich für alle, denn alle müssen wir sterben.“

Schutz für alle, die im Dunkeln leben

Santa Muerte ist zuständig für Liebe, Glück und Gesundheit, für das Wiederfinden verlorener Gegenstände und sie schützt alle, die im Dunkeln unterwegs sind: Taxifahrer, Straßenhändler, Prostituierte und Diebe. Auch Polizisten lassen gern ihre Waffen von ihr segnen. Und weil im Macho-Land Mexiko Homosexuelle und Transvestiten noch immer weitgehend im Verborgenen leben, begeben auch sie sich oft unter ihren Schutz. Seit 1998 im Haus des Gangsters Daniel Arizmendi López – er hatte mindestens 18 Menschen entführt, den Verwandten abgeschnittene Ohren der Opfer zugeschickt und so rund 40 Millionen US-Dollar Lösegeld erpresst – eine Statue von Santa Muerte gefunden wurde, hat sich der Kult schnell im organisierten Verbrechen ausgebreitet. Wie mit Jesús Malverde hat es das kriminelle Milieu auch mit Santa Muerte geschafft, einen eher folkloristisch anmutenden Volksglauben zu vereinnahmen und für sich zurechtzubiegen.

Beide Figuren sind eher von katholischer Frömmigkeit geprägt. Doch auch der in Lateinamerika schnell wachsende pfingstkirchliche Glaube ist vor krimineller Vereinnahmung nicht gefeit. Prominentestes Beispiel eines solch kruden Glaubensgemischs sind die Drogenkartelle La Familia Michoacana (Die Familie von Michoacán) und die daraus hervorgegangenen Caballeros Templarios (Tempelritter). Entstanden ist die „Familie“ bereits in den 1980er Jahren – als Bürgerwehr gegen die im Bundesstaat Michoacán wütenden Verbrecherbanden. Schnell wurde die paramilitärische Truppe vom damals mächtigen Golfkartell übernommen, spaltete sich aber 2006 wieder ab, trat seither als La Familia Michoacana auf und beherrschte ein paar Jahre lang den Bundesstaat.

Bei den Grabstätten sind Kuppeldächer besonders beliebt

Ihr Mitgründer und Führer Nazario Moreno González mit dem Spitznamen „El más loco“ (der Verrückteste von allen) war nicht nur tiefgläubiges Mitglied einer Pfingstgemeinde, sondern dazu noch Verehrer des christlich geprägten US-amerikanischen Schriftstellers John Eldredge. Dessen Bestseller „Der ungezähmte Mann“ war Pflichtlektüre in der „Familie“. Seine Forderung: „Jeder Mann muss eine Schlacht schlagen, eine schöne Frau retten und ein abenteuerliches Leben führen.“ Denn wild sein, frei und gefährlich, das seien göttliche Eigenschaften, und so verstand Moreno González sich als Werkzeug „göttlicher Gerechtigkeit“. Als seine Männer 2006 fünf abgetrennte Köpfe von Gegnern auf die Tanzfläche einer Diskothek warfen, hinterließen sie die Nachricht: „Die Familie tötet nicht für Geld. Sie tötet keine Frauen, sondern nur diejenigen, die den Tod verdienen. Das ist göttliche Gerechtigkeit.“

Autor

Toni Keppeler

ist freier Journalist und berichtet für mehrere deutschsprachige Zeitungen und Magazine aus Lateinamerika.
2010 wurde Moreno González von der Polizei erschossen. Aus den Kämpfen um seine Nachfolge gingen die „Tempelritter“ hervor. Auch sie verstanden sich zunächst als Hüter der Ordnung in ihrem Heimatstaat Michoacán und gingen nach einem eigenen Regelbuch vor, einer Art Katechismus aus einer kruden Mischung aus Lokalpatriotismus, Christentum und Gewalt. Schnell übernahmen sie das Drogengeschäft ihres Vorgänger-Kartells und weiteten die kriminellen Machenschaften mit der Zeit auf Schutzgelderpressung, Entführungen und Morde aus. Aber als Papst Benedikt XVI. im Jahr 2012 zu Besuch nach Mexiko kam, hießen sie ihn mit über die Straße gespannten Bannern willkommen und versprachen, in der Zeit seines Aufenthaltes auf Gewalttaten zu verzichten. Heute hat die Macht der Templarios deutlich nachgelassen; die meisten ihrer Anführer wurden inzwischen verhaftet oder erschossen.

Ihre Toten ehren die „Narcos“ mit gigantischen Grabmälern. Der Friedhof Humaya in der trockenen Ebene im Südwesten von Culiacán ist das beeindruckendste Beispiel dieses Kults. Hunderte von Drogenhändlern liegen auf diesem privat betriebenen, sündhaft teuren Gottesacker und zeigen zum letzten Mal ihren Wohlstand. Die Mausoleen haben zum Teil die Größe einer veritablen Dorfkirche, besonders beliebt sind Kuppeldächer, die den vatikanischen Petersdom imitieren.

Jesús Malverdes Kapelle ist im Vergleich dazu fast schäbig. Sie stand ursprünglich 200 Meter weiter, an dem Ort, an dem er nach der Legende erhängt worden ist. Dort wurde in den 1980er Jahren das Regierungsgebäude des Gouverneurs von Sinaloa gebaut. Der damalige Hausherr respektierte die religiösen Gefühle der Anhänger des Volksheiligen. Er spendierte die neue Kapelle und ließ das, was man für die Gebeine Malverdes hält, in einer feierlichen Zeremonie umbetten. Er wusste: Mit Gewalt ist dieser tief in der Volkskultur verwurzelte Glaube in Culiacán nicht zu bezwingen.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2015: Töten für den rechten Glauben

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