Klub der Wirtschaftskapitäne

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos stellen jedes Jahr Vertreter der größten globalen Unternehmen zur Schau, dass sie Verantwortung für den Zustand der Welt übernehmen. Tatsächlich haben sie entscheidende Entwicklungen wie die jüngste Wirtschaftskrise nicht kommen sehen. Was die Treffen in den Schweizer Bergen bewirken, ist schwer zu erkennen – außer dass sie den Wirtschaftsführern erlauben, viele wertvolle Kontakte zu knüpfen.

Es begann bescheiden vor vierzig Jahren: Der junge Professor Klaus Schwab leitete das „European Management Forum“, zu dem die Europäische Kommission und die Europäische Industrielle Vereinigung erstmals nach Davos geladen hatten. Die europäischen Unternehmer sollten wettmachen, was ihnen ihre US-amerikanischen Kollegen voraus hatten. Management-Fähigkeiten standen im Zentrum der Debatte. Der Anlass war klein im Vergleich zum Weltwirtschaftsforum (WEF) von heute, bei dem sich immer Ende Januar die Prominenz des globalen Business und der großen Politik im Scheinwerferlicht der Weltmedien einfinden.

Doch bald wurden auch politische Fragen thematisiert. Aus dem alljährlichen Stelldichein in Davos wurde 1976 eine Organisation mit Sitz in Genf, wo Professor Schwab an der Universität einen Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre inne hatte. Der exklusive Kreis der 1000 führenden Unternehmen der Welt durfte Mitglied der neuen Organisation werden. Um den globalen Anspruch geltend zu machen, benannte sich 1987 das Europäische Management Forum in Weltwirtschaftsforum um.

Es ist auch heute der Klub des globalen Big Business. Das typische Mitglied ist ein international tätiges Unternehmen mit einem Mindestumsatz von fünf Milliarden Dollar. Die Mitgliederliste entspricht dem Who is who der großen Wirtschaftswelt. Dabei sind die Großen des Finanzsektors und der verschiedenen Industriebranchen. Für sie ist das Forum da, auch wenn sie beim alljährlichen Treffen in Davos nur die Hälfte der 2500 Teilnehmer stellen. Die andere Hälfte setzt sich aus Vertretern – und wenigen Vertreterinnen – von Politik, internationalen Organisationen, Wissenschaft, Kirchen und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen zusammen. Doch das Zentrum bildet die Wirtschaft. Sie gibt den Ton an.

Autor

Markus Mugglin

ist leitender Redakteur beim Schweizer Radio DRS. Er hat seit vielen Jahren über das „World Economic Forum“ berichtet.

Das WEF ist längst mehr als das Davoser Treffen Ende Januar. Seit das Forum aus dem Genfer Stadtzentrum an die Peripherie in die Nobelgemeinde Cologny umgezogen ist und dort über dem Lac Léman residiert, hat es gewaltig expandiert. Heute beschäftigt es gegen 400 Personen. Das sind fast sechsmal mehr als vor 15 Jahren. Der Umsatz hat sich in der selben Zeitspanne mehr als vervierfacht auf 140 Millionen Franken. Neben der Schaltzentrale in Cologny hat das WEF Zweigstellen in New York und Peking eröffnet. Das Treffen im Davoser Schnee bildet den alljährlichen Höhepunkt im Vereinsleben des WEF. Das Forum führt aber zusätzlich über das ganze Jahr verteilt mehrere regionale Konferenzen durch – in Lateinamerika ebenso wie in Afrika, in Europa/Zentralasien, im Nahen Osten, in Indien, in Ostasien und neuerdings in China.

Auch hat das WEF in den letzten Jahren für verschiedene Mitgliedskategorien spezielle Aktivitäten entwickelt und ein vielfältiges Netz unterschiedlichster Gruppierungen geknüpft. Industrieunternehmen werden nach Branchenzugehörigkeit zusammengebracht, junge aufstrebende Unternehmen bilden die Gemeinschaft der „Global Growth Companies“, „Technologiepioniere“ bilden eine eigene Gruppierung, ebenso die Vertreter der großen Medienhäuser. Zusätzlich gibt es Partnerschaften mit gesellschaftlichen Gruppen – mit religiösen Gemeinschaften, mit Gewerkschaften, nichtstaatlichen Organisationen, sozialen Unternehmern und Frauen, die sich für gleiche Rechte engagieren.  

Das Herzstück des WEF bildet die Gruppe der „Strategic Partners“. Sie stellt den innersten Zirkel des WEF dar. Zugang erhalten nur wenige Auserwählte: Die Mitgliederzahl ist auf maximal 100 limitiert. Zu ihnen gehören praktisch alle US-Großbanken wie die Citibank, Goldman Sachs, JP MorganChase oder Morgan Stanley (bis zur Pleite zählte auch Lehman Brothers dazu) wie auch die meisten großen europäischen Finanzhäuser, etwa Barclays, die Deutsche Bank, HSBC und die zwei Schweizer Großbanken Crédit Suisse und UBS. Dazu zählen mit BP und Chevron zwei große Erdölmultis; aus der Elektronikbranche Microsoft, Google, Cisco oder Hewlett Packard; aus dem Kreis der Beraterfirmen KPMG, PricewaterhouseCoopers und Roland Berger; aus der Autobranche Audi, Volkswagen und Renault Nissan; aus dem Getränkesektor CocaCola und Pepsico; und auch die Aushängeschilder der Schweizer Industrie, ABB und Nestlé.

Das WEF preist diesen Kreis als seine „engagiertesten Mitglieder“, so der Jahresbericht 2008. Bei ihnen stehe „die soziale Verantwortung an erster Stelle“. Ihre ranghöchsten Führungskräfte trügen durch die Teilnahme an Leitungs- und Beratungsausschüssen zur intellektuellen Führung bei. Einige gehören dem Stiftungsrat des WEF an – Josef Ackermann als sein Vize, daneben Peter Brabeck von Nestlé und die Chefs von Dell, Nissan oder GoldmanSachs. Dazu gesellen sich aus der Politik Tony Blair, die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, der frühere UNO-Generalsekretär Kofi Annan und die jordanische Königin Rania Al-Yasin.

Beim WEF trifft sich der „Davos Man“, wie ihn der US-amerikanische Politologe Samuel Huntington getauft hat. Das sei der Typ, der wenig nationale Loyalität habe, nationale Grenzen als Hindernis und nationale Regierungen als Überbleibsel der Vergangenheit sehe. Diese seien nur nützlich, wenn sie die globalen Beziehungen unter den Eliten erleichterten. Das sei eine elitäre Sicht, die von den Mehrheiten der Völker nicht geteilt werde, merkte Huntington kritisch an.

Kein Wunder, dass das WEF zur Zielscheibe der Globalisierungsgegner und  kritiker geworden ist. Sie mobilisierten zuerst in Davos gegen das Treffen der Großkonzerne. Im Jahre 2000 ließen sie sich für einmal in großer Zahl an das Davoser Treffen einladen, bevor sie politisch und geografisch auf Distanz gingen und im brasilianischen Porto Alegro das Weltsozialforum als ihr Anti-Davos schufen.

Der WEF-Gründer und Präsident Klaus Schwab geriet plötzlich in die Defensive. Mit der Internet-Krise zu Beginn des neuen Jahrtausends und erneut nach dem globalen Finanzkollaps schien sich der Zeitgeist gegen sein WEF zu wenden. Denn gehörte nicht etwa Kenneth Lay zu seinen hochverehrten Gästen – der Chef des Skandal-Energiekonzerns Enron, der mittels falscher Buchführung Erfolg vortäuschte, bis er Ende 2001 in Insolvenz ging? Oder John Thain, bis er wegen dubioser Praktiken aus der Führung der krisengeschüttelten Merrill Lynch entfernt wurde? Oder der ABB-Boss Barnevik, der ebenfalls einen unrühmlichen Abgang hatte? Die Liste könnte um viele ähnlich dubiose Repräsentanten des Globalen Business verlängert werden, die sich unter dem hochtrabenden Motto des WEF „Committed to Improving the State of the World“ (verpflichtet, den Zustand der Welt zu verbessern) in Davos als Weltverbesserer in Szene setzten.

Der „Davos Man“ wurde zur Symbolfigur einer ungezügelten Globalisierung und  Abzockerei, der wachsenden Kluft zwischen sehr reich und wachsender Armut. Das Vertrauen zum viel beschworenen Geist von Davos war dahin. Das WEF gestand es selbst ein, als es sein Jahrestreffen 2003 unter das Motto „Vertrauen schaffen“ stellte. Klaus Schwab mit seinem wachen Sinn für den Zeitgeist reagierte offensiv und tritt schon mal publikumswirksam selbst als Kritiker der Globalisierung auf. Es gebe nicht nur eine „Globalisierung der Chancen“, sondern auch eine „Globalisierung der Probleme“, formulierte er prägnant im Vorfeld des 40. Jahrestreffens Ende Januar 2010. Er kritisierte das System der Boni bei der Vergütung von Bankmanagern und äußerte sich besorgt darüber, dass sich bereits wieder eine Stimmung der Selbstgefälligkeit ausbreite. Sich festlegen, was konkret zu tun ist, um Auswüchse zu beheben und neue Regulierungen zu schaffen – das will der Gründer und Präsident des WEF aber nicht.  Bei den Bonussystemen gehe es nicht um neue Reglementierungen, sondern um Werte. „Zur Bewältigung unserer künftigen Herausforderungen müssen wir vor allem unser Wertesystem überdenken“, gab er seinen Davoser Gästen vor dem jüngsten Treffen zu bedenken.

Doch was, wenn diese dazu nicht bereit sind und in alten Denk- und Handlungsmustern verharren? Darauf antwortete Klaus Schwab in einer Dokumentation des Schweizer Fernsehens, es ergehe ihm wie dem Pfarrer am Sonntag: Er wisse nicht, was die Schäfchen am Montag machten. Das WEF sei kein Ort, wo Entscheidungen getroffen würden. Es bilde eine Plattform für einen globalen Dialog über die vielfältigen Probleme der Welt. Auf dieser Plattform sollten sich alle Beteiligten einbringen können – die Politik, die Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft. Das Forum sei gegründet worden, damit sich das Topmanagement mit diesen treffen könne, betont Schwab.  

Dennoch verweist das WEF gerne auf besondere Verdienste und Erfolge. In Davos hätten sich Israel und die PLO versöhnt und Griechenland und die Türkei einen entscheidenden Schritt getan, um ihre Beziehungen zu verbessern. Ende der 1980er Jahre habe dort der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher in einer historisch bedeutenden Rede die neue Kooperation mit der Sowjetunion vorweggenommen, 1999 der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan den UN „Global Compact“ lanciert, unter dem Unternehmen zur Förderung der Menschen- und Arbeitsrechte und des Umweltschutzes beitragen sollen. Viele Konzerne aus dem Kreis des WEF gehörten zu den ersten der inzwischen rund 5000 Pakt-Mitglieder.

Viele Debatten in Davos waren indessen wenig erhellend. Die Asien-Krise von 1997 sah man wenige Monate vor ihrem Ausbruch nicht kommen, genauso wenig die jüngste Finanzkrise. Die vorherrschenden Ansichten haben sich vielfach als falsch herausgestellt. Es gab auch schon mal das Eingeständnis, selbst nicht zu wissen, wohin die Reise geht. Der Kolumnist der Financial Times, Martin Wolf, meinte zum Abschluss des WEF 2009, man wisse jetzt wenigstens mehr darüber, was man nicht wisse.

Man weiß auch nicht genau, wofür das WEF gut ist, was es genau bewirkt und wie groß sein Einfluss auf den Gang des Weltgeschehens ist. Eines ist aber gewiss: Hinter der Davoser Kulisse gibt es zahlreiche Kontakte, werden Netzwerke geknüpft und Geschäftsbeziehungen gepflegt. Der ganz praktische Nutzen für die Konzernchefs besteht darin, dass der viertägige Aufenthalt in den Schweizer Bergen ein effizienter Ersatz für eine mehrwöchige Geschäftsreise rund um den Globus bildet. In Davos lassen sich in viel kürzerer Zeit so viele Kontakte knüpfen wie sonst nur während mehrerer Wochen. Wer so rechnet, für den ist der Jahresbeitrag von rund 30.000 Franken gar nicht so hoch.

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2010: Globale Eliten - Von Reichtum und Einfluss