Breite Kluft zwischen Anspruch und Alltag

Für seine Gleichstellungspolitik bekommt El Salvador von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gute Noten. Und tatsächlich haben Frauen in den vergangenen Jahren immer mehr Rechte errungen – zumindest auf dem Papier. Auf dem Arbeitsmarkt und in der Politik dominieren aber noch immer die Männer.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) in El Salvador residiert im noblen Geschäftsviertel Santa Elena im Süden der Hauptstadt San Salvador. Am Empfang des modernen Gebäudes bietet sich ein überraschender Anblick: Zwei junge Männer geben den Besucherinnen und Besuchern Auskunft und nehmen Telefonate entgegen. Sonst sitzen in den Büros öffentlicher und privater Institutionen in dem mittelamerikanischen Land in der Regel nur Frauen. Die Ausschreibungen für solche Stellen gleichen sich. Gesucht werden junge Frauen mit „exzellentem Erscheinungsbild“ und „dynamischer und zuvorkommender Wesensart“.

Autorin

Cecibel Romero

ist freie Journalistin in San Salvador. Sie schreibt unter anderem für die „tageszeitung“.

Beim UNDP versucht man, solche Stereotypen aufzubrechen. Fahrer etwa ist ein traditioneller Männerberuf. Doch wenn die Funktionäre des UNDP zu Terminen gebracht werden, steuert bisweilen auch eine Frau den Dienstwagen. Ein kleiner Beitrag zum dritten Millenniumsziel, mit dem die Gleichstellung der Geschlechter erreicht und die Rolle der Frau gestärkt werden soll – er wird kaum ausreichen.

Nidia Hidalgo, Koordinatorin des Geschlechter-Gleichstellungsprogramms beim UNDP in El Salvador, macht sich nichts vor: „Das Land wird das dritte Millenniumsziel voraussichtlich nicht erreichen.“ Von den drei Indikatoren des Ziels wird bislang nur einer erfüllt: Die Gleichstellung von Jungen und Mädchen in Grund- und weiterführenden Schulen. „Im Bildungswesen gab es Fortschritte“, sagt Hidalgo. „Aber die haben leider keinerlei Auswirkung auf den Arbeitsmarkt oder die Politik.“

Laut dem zweiten Indikator des Millenniumsziels müssen Frauen die Hälfte der formalen Arbeitsplätze inne haben, die Landwirtschaft nicht mitgerechnet. In El Salvador schwankt der Frauenanteil seit 1991 zwischen 45 und 47 Prozent. Das sieht auf den ersten Blick zwar nicht schlecht aus. Aber in all diesen Jahren ist der Anteil nicht gestiegen. Im informellen Sektor hingegen findet man weitaus mehr Frauen als Männer. Denn solche Beschäftigungen lassen sich leichter mit ihren Verpflichtungen in der Familie vereinbaren, wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) im vergangenen Jahr in ihrer Studie „Arbeit und Familie“ festgestellt hat.

Das zeigt auch das Beispiel von Liliana Palacios. Die 24-jährige arbeitet, seit sie mit 18 das Abitur gemacht hat, an einem der unzähligen Obst- und Gemüsestände in San Salvador. Von Montag bis Samstag steht sie jede Woche ab sechs Uhr morgens auf dem Bürgersteig der Avenida Bernal, einer der am meisten befahrenen Straßen im Norden von San Salvador. Sie ordnet Körbe und Säcke mit Avocados, Tomaten, Ananas und Gemüse. Es soll ordentlich aussehen und Kunden anlocken.

Anfangs verdiente Liliana sechs Euro am Tag. Inzwischen ist sie aufgestiegen. Als Chefin des Standes bekommt sie elf Dollar und ein Mittagessen. Dafür muss sie schon um vier Uhr in der Frühe die Waren auf dem Großmarkt einkaufen, danach den Stand vorbereiten und die Preise für den Tag kalkulieren. Eigentlich wollte Liliana studieren und schrieb sich für einen Nachmittagsstudiengang in Betriebswirtschaft ein. „Es war immer mein Traum, einen richtigen Arbeitsplatz in einem Betrieb zu haben, und ich dachte, ein Studium sei der beste Weg“, erzählt Liliana. Mit der Arbeit am Obst- und Gemüsestand wollte sie das Studium finanzieren und ihrer Familie helfen. Doch nach drei Jahren brach sie ihr Studium ab. „Ich konnte einfach nicht mehr“, sagt sie. Um drei Uhr morgens aufstehen und dann arbeiten, bis der Stand um zwei Uhr am Nachmittag schließt, weil um diese Zeit die stechende Sonne Kräuter und Gemüse vertrocknen lässt. „Da bleibt vor dem Unterricht keine Zeit mehr, um zu lernen oder in die Bibliothek zu gehen“, erzählt sie mit leiser Stimme. „Und wenn ich einmal zum Lesen kam, bin ich gleich eingeschlafen.“

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Nachmittags und abends kümmert sich Liliana Palacios um den Haushalt und um eine pflegebedürftige Tante. Das ist typisch, sagt UNDP-Koordinatorin Hidalgo. Es entspricht den üblichen Erwartungen an eine Frau. Erschwingliche Kindergärten oder Tagesstätten für Kinder, Jugendliche oder pflegebedürftige Menschen gibt es nicht. Nur die schmale gehobene Mittelschicht kann solche – dann privaten – Dienstleistungen bezahlen.

Doch wer soll sich auch für eine frauen- und familienfreundliche Sozialpolitik einsetzen? Vom dritten Indikator des Millenniumsziels, nach dem 50 Prozent der Parlamentsabgeordneten Frauen sein sollen, ist El Salvador am weitesten entfernt. Seit der Wahl vom Januar 2009 beträgt der Anteil der weiblichen Abgeordneten gerade einmal 19 Prozent. Auf kommunaler Ebene sieht es noch düsterer aus: Nur 11 Prozent der 262 salvadorianischen Gemeinden haben eine Bürgermeisterin. Bei der nächsten Wahl Anfang 2012 besteht die Chance, dem Millenniumsziel wenigstens etwas näher zu kommen.

Eine Gruppe von Parlamentarierinnen will sie nutzen und bemüht sich derzeit gemeinsam mit Frauenorganisationen um eine Reform des Wahlrechts. „Wir wollen feste Frauenquoten für die Listen der Kandidatinnen und Kandidaten der einzelnen Parteien“, sagt Julia Evelyn Martínez, die Direktorin des staatlichen Salvadorianischen Instituts für die Entwicklung der Frau (Isdemu). „Und wir wollen, dass die Frauen auf Listenplätzen stehen, auf denen sie auch die Chance haben, gewählt zu werden.“

Obwohl El Salvador in dieser Hinsicht noch meilenweit vom Millenniumsziel entfernt ist, kommt das Land beim Ranking der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Sozial- und Genderpolitik auf einer Liste von 102 Ländern auf den beachtlichen 8. Platz. Nur Costa Rica (5. Platz) schneidet in Lateinamerika besser ab. Länder wie Brasilien und Chile liegen auf den Plätzen 24 und 26 weit dahinter. Allerdings wird diese Rangliste auf der Basis von Gesetzen wie dem Familien- und Eigentumsrecht erstellt. „In formaler Hinsicht hat es in den vergangenen Jahren tatsächlich bedeutende Fortschritte gegeben“, sagt Ima Guirola vom regierungsunabhängigen Institut für Frauenforschung (Cemujer). „In der Praxis aber hat sich so gut wie nichts bewegt.“ Zwar hätten Mädchen die selben Bildungschancen wie Jungen, aber in den Schulen und Familien würden weiterhin die alten Rollenbilder vermittelt. Auch UNDP-Koordinatorin Hidalgo hält das OECD-Ranking für nicht sehr aussagekräftig: „Wenn wir lediglich das Familienrecht ansehen, steht El Salvador nicht schlecht da.“ Das 1993 verabschiedete Familienrechtsbuch gilt als eine der wesentlichen Errungenschaften seit dem Ende des Bürgerkriegs. Doch das Gesetz blieb eine Absichtserklärung. „Es genügt nicht, dass man zum Beispiel sagt, dass Frauen bei der Kreditvergabe nicht diskriminiert werden dürfen“, sagt Ima Guirola. „Man muss auch in der Praxis überprüfen, ob sich die Banken und der gesamte Finanzsektor daran halten. Und man muss Frauen vermitteln, wie sie selbstständig mit Krediten und den Familienfinanzen umgehen können.“

Die OECD berücksichtigt in ihrem Gender-Ranking auch das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen. Viel Gewicht kann dieser Faktor allerdings nicht haben. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die jährliche Zahl der Frauenmorde verdoppelt. Zwischen 1998 und 2008 wurden nach der Statistik des Instituts für Gerichtsmedizin 2840 Frauen ermordet. Cemujer hat ausgerechnet, dass derzeit alle 13 Stunden eine Frau umgebracht wird, meist aus Eifersucht oder wegen Familienstreitigkeiten. „Angesichts dieses frauenfeindlichen Umfelds“, findet Imola Guirola, „werden formale Ziele und statistische Größen ziemlich bedeutungslos.“

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2010: Globale Eliten - Von Reichtum und Einfluss