Ein Recht auf Arbeit

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) setzt sich seit Jahrzehnten für ein Verbot der Kinderarbeit ein. Soziale Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher aus Afrika, Asien und Lateinamerika sehen das als Diskriminierung. Sie fordern menschenwürdige Arbeitsbedingungen und eine Beteiligung an den Verhandlungen. Doch die wird ihnen häufig verwehrt – wie bei der jüngsten ILO-Konferenz im Mai.

Für viele arbeitende Kinder ist nicht ihre Arbeit das Problem. Sie wehren sich gegen die Bedingungen, unter denen sie ausgeübt wird. Soziale Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher, die seit den 1980er Jahren in Lateinamerika und seit den 1990er Jahren auch in Afrika und Asien aktiv sind, stellen deshalb ein generelles Verbot und die Abschaffung jeglicher Kinderarbeit in Frage. Sie sehen sich dadurch diskriminiert und in die Illegalität gedrängt. Sie fordern, die Ursachen der Ausbeutung zu bekämpfen und unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten und ihre Familien unterstützen zu können.

Die Bestrebungen zur Abschaffung der Kinderarbeit haben sich in zwei internationalen Konventionen unter dem Dach der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) niedergeschlagen. In der Konvention 138 wird jegliche Erwerbstätigkeit unter einem bestimmten Mindestalter (13, 15 oder 18 Jahre je nach Art der Tätigkeit und „Entwicklung“ des Landes) untersagt. In der Konvention 182 werden die Vertragsstaaten zusätzlich verpflichtet, die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ sofort zu unterbinden. Diese Konventionen werden durch ein ebenfalls unter dem Dach der ILO angesiedeltes „Internationales Programm zur Beseitigung der Kinderarbeit“ (IPEC) untermauert, das 1992 auf Initiative der deutschen Regierung eingerichtet wurde und heute mit Aktionsprogrammen in 88 Ländern vertreten ist.

Autor

Manfred Liebel

ist Koordinator des European Net-work of Masters in Children‘s Rights (ENMCR) und Berater der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher.

Um der zunehmenden Kritik an einer zu pauschalen Betrachtung der Kinderarbeit zu begegnen, begann die ILO gegen Ende der 1980er Jahre zwischen „Child Labour“ und „Child Work“ zu unterscheiden – eine Unterscheidung, die bei der Übersetzung ins Deutsche und in andere Sprachen allerdings verloren geht. Unter „Child Work“, die aus der Sicht der ILO als tolerabel gilt, werden Tätigkeiten verstanden, die Kinder in der eigenen Familie und in geringem Umfang ausüben und die für den Lebensunterhalt unerheblich sind. Als „Child Labour“ gilt dagegen jede entlohnte oder nicht entlohnte Erwerbstätigkeit von Kindern, die Produkte oder Dienstleistungen hervorbringt, die einen Marktwert haben und in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu Buche schlagen. Viele Tätigkeiten von Kindern, die von der ILO als schädlich eingestuft werden, werden von dieser Definition nicht erfasst. Deshalb ist die Organisation inzwischen dazu übergangen, auch unbezahlte  Haushaltsdienste, die über einen längeren Zeitraum und in „ungesunder Umgebung“ stattfinden, als „Child Labour“ zu werten. Mit der Konvention 182 wurde unter der Bezeichnung „schlimmste Formen der Kinderarbeit“ das Verständnis von „Child Labour“ erheblich erweitert. Als solche gelten nun nicht mehr nur von Kindern ausgeübte Tätigkeiten, die deren „Gesundheit, Sicherheit und moralische Entwicklung gefährden“, sondern auch der Handel mit Kindern, ihre Rekrutierung als Kämpfer in bewaffneten Konflikten und ihr Missbrauch für Prostitution, pornografische Darstellungen oder den Drogenhandel.

Da hier nicht mehr die Tätigkeit der Kinder betrachtet wird, sondern das, was mit Kindern geschieht, stellt sich die Frage, ob ein solches Verständnis von Kinderarbeit überhaupt noch sinnvoll ist. Die Bewegungen arbeitender Kinder sehen sich durch diese Umdeutung des Arbeitsverständnisses diskriminiert und bezeichnen solche Formen des Missbrauchs von Kindern als Verbrechen, die strafrechtlich zu verfolgen sind. Für sie ist Arbeit dagegen eine Tätigkeit, die menschliches Leben erhält und dem Dasein Sinn gibt.

Die Arbeit von Kindern wird so definiert, dass sie nur negative Bewertungen zulässt

Bei ihrer „Global Child Labour Conference“ vom 10. bis 11. Mai in Den Haag gestand die ILO in einem neuen Bericht ein, ihre vor vier Jahren gemachte Ankündigung, das Ende der Kinderarbeit sei „zum Greifen nah“, könne nicht aufrecht erhalten werden. Nach ihren Berechnungen ist die Zahl der arbeitenden Kinder weltweit zwischen 2004 und 2008 nur um drei Prozent von 222 auf 215 Millionen gesunken. „Der Fortschritt ist weder schnell noch umfassend genug, um das Ziel zu erreichen, das wir uns gesteckt haben“, sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavía. Die Kinderarbeit hat nach den Angaben der ILO zwar bei den 5- bis 14-Jährigen dank einer geringeren Beschäftigung von Mädchen um 10 Prozent abgenommen, aber in Afrika südlich der Sahara sowie bei den 15- bis 17-Jährigen hat sie zugenommen. Die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ sind in dieser Altersgruppe sogar um fast 20 Prozent gewachsen, von 52 auf 62 Millionen Fälle.

Die von der ILO veröffentlichten Daten stehen aber auf schwankendem Grund. Denn sie beruhen auf Kategorien und Erhebungen, die nur einen Bruchteil der Arbeit von Kindern erfassen. Auch der Vergleich mit früheren Angaben ist nicht seriös, da diese auf äußerst lückenhaften und nicht vergleichbaren Erhebungen in wenigen Ländern beruhten. Ein weiteres Grundproblem des ILO-Reports besteht darin, dass die Arbeit von Kindern – wie schon in früheren Berichten und Stellungnahmen – in einer Weise definiert wird, die ungeachtet der vorgenommenen Differenzierungen nur eine grundsätzlich negative Bewertung zulässt.

Kinderarbeit gilt als unvereinbar mit (schulischer) Bildung und in erster Linie als „Entwicklungshindernis“ – insbesondere für das wirtschaftliche Wachstum und die Überwindung von Armut. So wird nicht nur der Blick eingeengt auf die schädlichen Aspekte der Arbeit von Kindern, sondern es bleiben auch viele lebenswichtige und von Kindern bejahte Tätigkeiten in den statistischen Daten und strategischen Erwägungen der ILO unberücksichtigt. Obwohl die Autoren des Berichtes nicht müde werden, die Gefahren der Arbeit für die Kinder zu betonen, lassen sie jedes Verständnis für die Nöte, Bedürfnisse und Erwartungen der arbeitenden Kinder vermissen.

Unter dem Einfluss der Weltbank, mit der die ILO und das UN-Kinderhilfswerk UNICEF eine „weltweite Bewegung gegen Kinderarbeit“ anstreben, werden die arbeitenden Kinder nun in erster Linie als Ausdruck für die Verschwendung von „Humankapital“ betrachtet. Damit gewinnt eine Sichtweise die Oberhand, die sich einseitig an den Verwertungsinteressen der Wirtschaft orientiert und dem Recht der Kinder auf eine menschenwürdige Gegenwart keinen Raum mehr lässt. Die Berufung auf die Kinderrechte, die sich an einigen Stellen des Berichts findet, wird so zu einer hohlen Floskel.

In ihrem Bericht äußert die ILO manche Selbstzweifel über die Reichweite und Wirksamkeit bisheriger Maßnahmen, die im Rahmen des IPEC-Programms meist mit nichtstaatlichen Organisationen (NGO) und anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen verwirklicht wurden. Um endlich im Kampf gegen die Kinderarbeit voranzukommen, setzt sie nun vor allem auf ein strategisches Bündnis von Gewerkschaften und Geschäftswelt („trade union and business alliance“). Die Selbstzweifel gehen allerdings nicht so weit, auch über die schädlichen Folgen nachzudenken, die mit vielen Maßnahmen gegen die Kinderarbeit einhergehen. So werden etwa in Peru, Kolumbien oder Mexiko Kinder, die auf der Straße Süßigkeiten oder kunsthandwerkliche Produkte verkaufen, unter Verweis auf die ILO-Konvention 182 häufig von der Polizei vertrieben. Oder Mütter, die von ihren Töchtern und Söhnen bei der Arbeit auf dem Markt begleitet werden, sehen sich gezwungen, sie zu verstecken, um nicht wegen Verletzung der Aufsichtspflicht bestraft zu werden. Maßnahmen zum „Schutz“ der Kinder vor den „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ dienen unter der Hand oft der Legitimation sozialer Säuberungen.  

Die Probleme arbeitender Kinder werden nicht gelöst, indem man ihnen die Arbeit verbietet

Laut UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder das Recht, in allen sie berührenden Angelegenheiten gehört zu werden und ihre Meinungen vorrangig berücksichtigt zu sehen. Dem wurde weder in dem jüngsten ILO-Bericht noch auf der Konferenz Rechnung getragen. Im Unterschied zu früheren Berichten werden die arbeitenden Kinder und ihre Organisationen nicht einmal mehr als mögliche Partner erwähnt. Dem entspricht, dass sich unter den 380 Teilnehmenden der Konferenz zwar zahlreiche Repräsentanten von Regierungen, UN-Organisationen, Banken, Unternehmerverbänden, Gewerkschaften und einigen NGOs befanden, aber kein einziger Vertreter der Organisationen arbeitender Kinder und Jugendlicher. Die „Partizipation“ von Kindern beschränkte sich auf den fünfminütigen dekorativen Auftritt einer holländischen Kindertanzgruppe bei der Eröffnungsveranstaltung und die offenbar abgestimmte Dankesrede eines 14-jährigen ehemaligen Kinderarbeiters aus Indien im Beisein der holländischen Königin am Ende der Konferenz.

Auf der Konferenz wurde per Akklamation ein Fahrplan für die völlige Ausrottung der „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ bis 2016 angenommen, allerdings herabgestuft von einer verbindlichen Selbstverpflichtung zu einem moralischen Appell. In seinen Leitprinzipien werden die Regierungen zwar ermahnt, „the best interests of children“ (im Deutschen meist als „Kindeswohl“ übersetzt) nicht aus dem Auge zu verlieren und die Sichtweisen der Kinder und ihrer Familien zu beachten. Aber aus dem ersten Entwurf wurde eine Passage gestrichen, wonach zur Vermeidung von Risiken kein Kind „ohne adäquate Schutz- und Hilfsangebote“ aus der Arbeit entfernt werden sollte. Dies lässt sich nur so verstehen, dass weiterhin der Durchsetzung des Kinderarbeitsverbots Vorrang zukommen soll, egal, welche Folgen das für die Kinder und ihre Familien hat.

Bereits im Vorfeld der Konferenz hatte die lateinamerikanische Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen gegen den Mangel an Respekt protestiert, „den die Organisatoren der Konferenz von Den Haag uns gegenüber demonstriert haben, indem sie uns nicht zur Vorbereitung dieser Konferenz eingeladen und noch nicht einmal über sie informiert haben“. Die ausschließliche Anwesenheit von Erwachsenen, „die in ihrer Mehrheit von unserer Lebensrealität weit entfernt sind“, bestätige aufs Neue, dass „die Partizipation der Kinder allein auf die Verkündung guter Absichten und juristische Dokumente beschränkt bleibt“. Zum Ende der Konferenz sprach die Bewegung dem Fahrplan jede Legitimität ab, da er ohne Beteiligung der arbeitenden Kinder zustande gekommen sei, und machte die holländische Regierung und die ILO als Veranstalter der Konferenz für die darin zum Ausdruck kommende Verletzung der UN-Kinderrechtskonvention verantwortlich.  

In der Frage, wie dem Missbrauch und der Ausbeutung arbeitender Kinder zu begegnen sei, ist die Kluft zwischen der ILO und den sie tragenden Regierungen, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden auf der einen und den Organisationen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen sowie manchen NGOs auf der anderen Seite weiterhin groß. Sie kann nur überbrückt werden, wenn anerkannt wird, dass die Probleme der arbeitenden Kinder nicht gelöst werden, indem man ihnen die Arbeit verbietet, sondern indem man die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse abschafft, die auf der Ausbeutung der Menschen – gleich welchen Alters – basieren.

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2010: Vom klein sein und groß werden