Wachstum

Nichts geht mehr: Stau auf einer Hauptverkehrsstraße in Indiens Haupstadt Neu-Delhi.

Wachstum

Die Party ist zu Ende

Konsum war gestern: Nur ein neues Wirtschaftsmodell kann das Überleben der Erde sichern. Die Asiaten sollten bei seiner Entwicklung vorangehen.

Eine Grundsatzerklärung, die achtzehn Wissenschaftler und Akademiker aus verschiedenen Ländern verfasst und im April veröffentlicht haben, hat Aufsehen unter Umweltschützern erregt. Dieses „Ökomodernistische Manifest“ erklärt, der beschleunigte technologische Fortschritt werde zusammen mit dem sozio-ökonomischen Wandel (etwa der Verstädterung) die Wirtschaftstätigkeit von ihren Auswirkungen auf die Umwelt „abkoppeln“. In naher Zukunft werde also das unablässige Streben nach Wohlstand keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt mehr haben. Das begründen die Autoren, die mehrheitlich aus westlichen Ländern stammen, mit technischen Innovationen und dem menschlichen Erfindergeist.

Das ist eine naiv optimistische Zukunftsvision. Sie widerspricht jeder Logik und den meisten Diagnosen der Tatsachen. Die Autoren sehen den Schlüssel zur Entkoppelung von Entwicklung und Umweltauswirkungen darin, die Wirtschaftstätigkeit und besonders „Landwirtschaft, Energiegewinnung, Forstwirtschaft und menschliche Siedlungsflächen“ so zu intensivieren, dass trotz Wachstum der Flächenverbrauch und die Eingriffe in die Natur sinken. Das ist, als würde man behaupten: Wenn sich zu einer Party mehr Gäste ansagen als erwartet, dann backt man einen größeren Kuchen als ursprünglich geplant und benötigt trotzdem weniger Mehl. Doch egal wie technisch raffiniert der Ofen ist und wie ausgefeilt die nanotechnologischen Zusätze: Für einen größeren Kuchen braucht man mehr Mehl.

Eine einfache Rechnung macht das Problem klar. 16 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen heute 80 Prozent der Ressourcen. Doch wir haben bereits vier der neun Belastungsgrenzen unseres Planeten überschritten: Artensterben, Entwaldung, Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre und Eintrag von Stickstoff und Phosphor, die als Dünger dienen, in die Ozeane. Heute leben weniger als 1,7 Milliarden Menschen in relativem Wohlstand, aber wir beobachten bereits veränderte Wetterverläufe, eine Dezimierung wild lebender Tiere und eine beispiellose weltweite Umweltverschmutzung. Was soll geschehen, wenn die restlichen 84 Prozent der Menschheit ebenfalls konsumieren wie jetzt die privilegierte Minderheit? Keine technologische Zauberei kann den Schaden ausgleichen, den ungehemmter und wachsender Verbrauch an den Naturschätzen und globalen Gemeingütern anrichten wird.

Fatale Folgen für die Umwelt: Wenn Indiens Energiehunger steigt, muss immer mehr Kohle abgebaut werden – wie in dieser Mine im Bundesstaat Jharkhand. Jonas Gratzer/Lightrocket via Getty Images
Die Weltbevölkerung wird in den nächsten 35 Jahren voraussichtlich einen Höchststand von neun bis zehn Milliarden erreichen. Chinesen und Inder haben gerade erst begonnen, die „Freuden“ des modernen Lebens zu entdecken, die sich aus dem Modell ergeben, dass unablässiger Konsum das Wirtschaftswachstum aufrechterhält. Falls wir den Punkt, an dem das System kippt, noch nicht erreicht haben, dann wird das in Kürze der Fall sein. Die einfache Wahrheit ist, dass fünf bis sechs Milliarden Menschen allein in Asien den Lebensstil, der im Westen selbstverständlich ist, nicht anstreben dürfen. Zu behaupten, sie könnten das, ist völlig unverantwortlich.

Zum Beispiel: Nach einer Prognose des Weltwirtschaftsforums werden bis 2025 zwei Drittel der Weltbevölkerung unter Wassermangel leiden. Der weltweite Energieverbrauch hat seit 1990 um mehr als 50 Prozent zugenommen. Bei einem so hohen Ressourcenverbrauch ist die Regenerationsfähigkeit von anderthalb Erden erforderlich, damit wir auf Dauer ungehemmt unsere Wünsche erfüllen können. Kann dann eine Bevölkerung von neun bis zehn Milliarden Menschen ernährt werden? Ja, sagen die Ökomodernisten. Sie vertrauen auf die Technologie – genau die Technologie, die den Planeten seiner Naturschätze beraubt.

Spielzeug für die "Öko-Reichen"

Bis 2050 wird Asien 53 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt stellen, 2014 waren es noch 32 Prozent. Wenn die heutigen wirtschaftlichen Wachstumsraten anhalten, ist die Weltwirtschaft 2100 ungefähr 16 Mal größer als heute. Wenn die Chinesen und Inder einen genauso hohen Energieverbrauch pro Kopf hätten wie die Amerikaner, wäre ihr Stromverbrauch 14 Mal so hoch wie der der Vereinigten Staaten. Niemand kann hoffen, dass der globale Energieverbrauch derart zunimmt – vor allem weil wir auch künftig auf fossile Brennstoffe angewiesen sein werden. Sie werden in den Entwicklungsländern weiter zu preiswert sein, als dass erneuerbare Energien sie ersetzen. Der Ausstoß an Kohlendioxid wird dann die Erde untragbar belasten. Atomkraft wäre eine technische Lösung, doch wegen ihrer Kosten, der Sicherheitsbedenken und der öffentlichen Meinung in vielen Ländern wird ihr Beitrag global begrenzt bleiben.

Oder Autos: Wenn China, Indien und andere Entwicklungsländer den westlichen Motorisierungsgrad erreichen, könnte es in vier Jahrzehnten schätzungsweise drei Milliarden Autos weltweit geben, viermal so viele wie heute. Bis zum Auto mit Wasserstoffantrieb ist es noch ein weiter Weg. Elektroautos verschieben nur die Umweltbelastung und werden im besten Fall ein Spielzeug für die „Öko-Reichen“ sein; sie sind keine Lösung für die Mobilitätsprobleme in den bevölkerungsreichsten Regionen. Fünf Milliarden Asiaten, die Auto fahren wie die Amerikaner, wären eine Katastrophe. Die Vorstellung, dass Technik das ändern kann, ist eine Lüge.

Wenn Technologie das Patentrezept für die Lösung aller Probleme wäre, warum hat sie dann das Problem menschlicher Exkremente in Städten wie Mumbai oder Nairobi nicht längst gelöst? Die sind eine der Hauptursachen für die Wasserverschmutzung und die Ausbreitung von Krankheiten. Die Technik zur Lösung des Problems existiert seit mindestens einem Jahrhundert: Toiletten, Klärgruben, Abwasserkanäle und Aufbereitungsanlagen. Doch immer noch werden die meisten menschlichen Ausscheidungen weder hygienisch noch umweltfreundlich entsorgt. Das liegt nicht an der Technik, sondern am Geschäftsmodell und seinem Scheitern.

Selbstverständliches infragestellen

Die Wege, Fortschritt und Umweltschutz wieder ins Gleichgewicht zu bringen, hängen von unserer Fähigkeit ab, die Wirtschaftstätigkeit an die Grenzen der verfügbaren Technologien und Ressourcen anzupassen. Dafür müssen allerdings etablierte Interessen und viele Dinge, die wir für selbstverständlich halten, infrage gestellt werden.

Zunächst müssen wir anerkennen, dass unser Wirtschaftsmodell auf einem im Kern falschen Prinzip beruht: Altmodisches Wachstum, dessen Nutzen zu den Armen heruntersickern soll, wird gefördert von Schleuderpreisen für Rohstoffe und von der Auslagerung – der Externalisierung – von Kosten. Zum Beispiel: Ein Preisnachlass auf Ihr neues Hemd erlässt Ihnen nicht nur einen Teil des ursprünglichen Verkaufspreises. Sie tragen auch nicht die Kosten, die die Produzenten für die Nutzung von Wasser, Luft und anderen „Dienstleistungen“ der Natur nicht zahlen mussten. Ausgelagerte Kosten, die mit der Ausbeutung von Arbeitskräften in Entwicklungsländern wie Sri Lanka und Kambodscha verbunden sind, sind noch nicht mitgerechnet.
Das Vertrauen in technische Innovationen als Allheilmittel für ökologische Probleme beruht nicht selten auf dem quasi-religiösen Glauben, Technik könne alle Probleme lösen. In Wirklichkeit hat der technische Fortschritt die Probleme in vielen Fällen verschärft. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden Bäume mit Sägen und Äxten gefällt. Dadurch hatten Millionen Menschen Arbeit und doch hatten die Wälder genügend Zeit, sich zu regenerieren. Heute können Holzfäller die Bäume hundert bis tausend Mal schneller fällen und die Stämme werden von Hubschraubern abtransportiert – das nennt sich Produktivitätssteigerung.

Ähnlich treibt die globale Fischereiindustrie mithilfe der Technik Raubbau an den Ozeanen. Ihre Schiffe, die mit GPS ausgestattet sind und große Reichweite haben, durchpflügen die tiefen Ozeane auf der Suche nach Schwärmen von Fischen, die bis vor kurzem für traditionelle Fischer zu weit entfernt und damit unerreichbar waren. Über die Hälfte der Fanggebiete weltweit sind überfischt; wenn diese hochtechnische industrielle Fischerei nicht beendet wird, könnten bis 2048 alle jetzt überfischten Bestände zusammenbrechen. Wenn die Asiaten pro Kopf so viel Fisch verzehren würden wie zurzeit Australier oder Europäer, wären die Meere leer. Die Technik ist hier das Problem. Nach Überzeugung der Ökomodernisten ist sie auch die Lösung. Nun ja – allenfalls wenn man Thunfisch essen mag, der in einem Labor in einer Petrischale entsteht und mit genmanipuliertem Futter in Zuchtanlagen gemästet wird.

Warum bekommen wir immer wieder die abgedroschene Geschichte zu hören, Entwicklung lasse sich von den Auswirkungen auf die Umwelt entkoppeln? Die Antwort ist einfach. Sie ermöglicht es dem Westen, sein neokoloniales Wirtschaftsmodell auszubreiten und zugleich gegenüber dem Rest der Welt seine intellektuelle Autorität zu erhalten, die auf dem Streben nach angeblich intelligenten Lösungen beruht. Und sie erlaubt es, eine sehr unbequeme Wahrheit zu leugnen: Die Party ist zu Ende. Die Nachzügler, die Inder, Chinesen und Afrikaner, können nicht so im Konsum schwelgen wie bisher der Westen.

Wir werden unsere Gesellschaften neu organisieren müssen, um sie an die Tatsache anzupassen, dass die Ressourcen begrenzt sind. Das erfordert ein neues sozioökonomisches und politisches Leitbild in Bezug auf Nachhaltigkeit, individuelle Rechte, Freiheiten und die Rolle des Staates. In vieler Hinsicht wird es im Gegensatz zu den heutigen, westlich dominierten Leitbildern des Kapitalismus, der freien Märkte und der Demokratie stehen. Daher müssen die Entwicklungsländer den Diskurs über dieses neue Leitbild anführen.

Der Beginn einer neuen industriellen Revolution

Ein neues Wirtschaftsmodell muss drei wesentliche Veränderungen enthalten. Erstens muss akzeptiert werden, dass in einer Welt mit begrenzten Ressourcen auch das Wachstum begrenzt ist; für Rohstoffe müssen Preise gelten, die den wahren Kosten entsprechen. Zweitens muss die Wirtschaft dem Ziel untergeordnet sein, die Lebensfähigkeit der Naturschätze zu erhalten – nicht andersherum wie heute. Drittens muss eine Wirtschaft für das im 21. Jahrhundert das Gemeinwohl über Individualrechte stellen.In Asien zu beginnen, wäre ein guter erster Schritt. Schließlich leben hier mehr Menschen als irgendwo sonst auf der Erde; ihre Konsumgewohnheiten werden das 21. Jahrhundert prägen. Leider leugnen Politiker, Ökonomen und Investoren noch immer die Tatsachen und verbreiten unter Berufung auf die Technologie, auf freie Märkte und das Finanzwesen Botschaften von Innovation und Hoffnung. Asiatische Regierungen müssen die kurzsichtigen Vorstellungen zurückweisen, laut denen sie ungezügelten Konsum politisch fördern sollten, um die Weltwirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen (heute entsteht ein Ungleichgewicht im Welthandel daraus, dass in Asien mehr produziert als konsumiert wird, in den USA umgekehrt). Asiens Länder müssen erkennen, dass sie mehr sind als Fabriken, die Wachstum produzieren.

Das soll nicht heißen, dass die Menschen arm bleiben müssen. Es ist auch kein Argument gegen wirtschaftliche Entwicklung. Aber gefordert ist eine Begrenzung des Konsums. Er muss so gelenkt werden, dass die Naturschätze nicht immer stärker beansprucht, unsere Umwelt nicht immer weiter geschädigt und die Existenz und die Gesundheit von Millionen nicht gefährdet werden.

Autor

Chandran Nair

ist Gründer der Denkfabrik Global Institute For Tomorrow in Hongkong und Autor des Buches „Der große Verbrauch: Warum das Überleben unseres Planeten von den Wirtschaftsmächten Asiens abhängt“ (Riemann-Verlag).
Wenn Asien das Management der Ressourcen sowie der Auswirkungen auf die Umwelt zum entscheidenden Ziel machen will, dann braucht es starke Staaten. Nur öffentliche Institutionen können Entwicklung vorantreiben und zugleich das Gemeinwohl sichern, die Umweltzerstörung rückgängig machen und die Erschöpfung der Ressourcen verhindern. Diese Ziele dürfen nicht den Launen des Marktes oder dem Fortgang der Technologie überlassen werden. Um Wohlstand für die große Mehrheit seiner Bevölkerung zu erreichen, muss Asien alternative Wege der menschlichen und wirtschaftlichen Entwicklung finden. Priorität müssen Anreize haben, die wirtschaftliches Handeln nach dem Motto „Weniger ist mehr“ belohnen und das Management der Ressourcen in den Mittelpunkt stellen.

Der entscheidende erste Schritt in diese Richtung ist eine Steuer auf Kohlenstoff und Ressourcen; sie setzt einen Anreiz für Unternehmen, weniger Material und Energie in ihrer Produktion zu verwenden. Der nächste Schritt ist die Abschaffung der Subventionen für fossile Brennstoffe. Sobald die Verkaufspreise für Lebensmittel, Kleidung und Autos die tatsächlichen Kosten widerspiegeln, werden die Verbraucher beginnen, ihre Konsumgewohnheiten zu ändern.

Das wird den Beginn einer neuen industriellen Revolution markieren – einer, die anders als die vorige nicht auf Externalisierung der wahren Kosten gegründet ist. Es kann aber nur geschehen, wenn die Nationen und ihre Entscheidungsträger aus dem Traum erwachen, die Technologie werde schon irgendwie Lösungen für die Gefahren finden, die das neue Zeitalter des Anthropozän hervorgebracht hat. Wir müssen die Grenzen der Technologie erkennen und unsere Konsumgewohnheiten infrage stellen.

Aus dem Englischen von Elisabeth Steinweg-Fleckner.

erschienen in Ausgabe 9 / 2015: Entwicklung - wohin?

Kommentare

Der Mann hat soo recht. Mich erinnern solche Aufsätze an die Propheten der Bibel, die es zwar geschafft haben, noch heute gelesen und zitiert zu werden, bewirkt haben sie nichts. Sowenig sich der Bevölkerungszuwachs allein aufgrund menschlicher Einsicht begrenzen lässt, werden die Völker aufhören nach "mehr" zu streben. Ch. Nair hat Freude daran, auf die Entwicklung in China und Indien hinzuweisen. Dabei erwähnter auch, wie sehr dort das Vorbild des westlichen Kapitalismus umgesetzt wird. Die Weichenstellung hierfür ist politisch gewollt, denn die Marktwirtschaft erreicht blitzschnell auch den allerletzten Konsumenten, was unmittelbar zur Stärkung der herrschenden Eliten führt. Dass die Mohrrübe vor der Nase in Form von billigen Habdys, Autos und Konsumgütern aller Art ein schleichendes Gift enthält, bemerkt kaum ein Konsument. Bei meinen Aufenthalten in China und Afrika durfte ich erleben, wie sehr den Einzelnen der wirtschaftliche Aufschwung freut. Ein Zurück zur Planwirtschaft, und das sind die meisten von Ch. Nair angedeuteten Rezepte, wird es nicht geben. Bremsend auf eine offenbar falsche Entwicklung einwirken kann nur jeder für sich selbst. Voraussetzung dafür wäre jedoch eine Form von Sättigung, von der Chinesen, Inder und Afrikaner Jahrzehnte entfernt sind. Formeln wie ".. das Überleben der Erde" sind dumme Sprüche, allein der Mangel an unersetzbaren Ressourcen wird Richtungsänderungen bewirken.

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