Religion und Entwicklung

Riten prägen das Zusammenleben: Mit einer Reinigungszeremonie feiern Hindus auf der indonesischen Insel Bali Anfang März den „Tag der Stille“. Mit ihm beginnt das neue Jahr.

Religion und Entwicklung

Sprung ins kalte Wasser

Gerd Müller hat die Religion entdeckt. Was halten die kirchlichen und säkulären Hilfsorganisationen davon?

Religion wirkt – im Guten wie im Schlechten. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit. Gerade in Afrika, Asien und Lateinamerika prägen religiöse Wertvorstellungen und Traditionen die Gesellschaft und den Alltag der Menschen. Imame oder Geistliche haben häufig mehr Einfluss als Bürgermeister oder Behördenchefs. Wer darauf keine Rücksicht nimmt, kann schnell in eine heikle Situation geraten – und riskieren, dass ein Entwicklungsvorhaben nicht den erhofften Fortschritt bringt.

Religiös begründete Werte wie der Erhalt der Umwelt, Genügsamkeit und soziale Gerechtigkeit gewinnen zudem angesichts der nachhaltigen Entwicklungsziele an Bedeutung, die sich die Weltgemeinschaft bis 2030 gesetzt hat. Religionsgemeinschaften sind deshalb wichtige Partner für die internationale Zusammenarbeit – das sehen die Weltbank und die Vereinten Nationen ebenso wie die USA, die Niederlande, die Schweiz und Großbritannien. London hat bereits 2012 Prinzipien für die Zusammenarbeit mit religiösen Organisationen beschlossen.

Nun hat die staatliche deutsche Entwicklungszusammenarbeit nachgezogen. Mitte Februar hat Minister Gerd Müller eine neue Strategie vorgelegt, mit der das Potenzial der Religionen für eine nachhaltige Entwicklung besser genutzt werden soll. Das Entwicklungsministerium (BMZ) will unter anderem die Zahl der Vorhaben steigern, in die religiöse Organisationen einbezogen sind. Interreligiöse Dialoge will es gezielter fördern, um die zu unterstützen, die sich für Frieden und Toleranz einsetzen und dem Extremismus entgegenwirken. Ein weiterer Baustein: Deutsche Entwicklungsfachleute sollen vor ihren Einsätzen im Ausland geschult werden, damit sie künftig sensibler auf religiöse und kulturelle Traditionen und Haltungen reagieren können.

"Task Force" und Pilotprojekte

Um seine Pläne mit Leben zu füllen, setzt das Ministerium auf eine breite Beteiligung. Intern wurde eine „Task Force“ mit Mitarbeitern verschiedener Abteilungen gebildet. Ein Thementeam aus Vertretern von Hilfswerken, Kirchen und Wissenschaft begleitet die Erarbeitung und Umsetzung der Strategie. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist mit dem Sektorvorhaben „Werte, Religion und Entwicklung“ beauftragt worden, das Pilotprojekte und die Weiterbildung der Fachleute in die Hand nehmen soll.

Darüber hinaus hat Deutschland die internationale Partnerschaft für Religion und Entwicklung mitgegründet. Geber, darunter bislang die Weltbank, Großbritannien und Norwegen, sowie zivilgesellschaftliche Organisationen wollen darin gemeinsam Ansätze für Kooperationen mit Religionsgemeinschaften erarbeiten.

Die beiden großen kirchlichen Hilfswerke Brot für die Welt und Misereor arbeiten seit mehr als 50 Jahren mit dem BMZ zusammen. Sie begrüßen die Initiative des Ministers, merken aber auch kritische Punkte an. Dietrich Werner von Brot für die Welt betrachtet sie vor allem als „längst überfälligen Lernprozess“ der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit, ihre Experten mit mehr Kompetenzen für eine kultur- und religionssensible Arbeit auszustatten. Die Auffassung, die Modernisierung sei mit einer automatischen Abnahme religiöser Bindung weltweit verbunden und Religion werde ins Private verdrängt, sei überholt. Es sei vielfach erwiesen, dass manches Verhalten sich nur mit Hilfe religiöser Führer verändern lasse, sagt der Theologe und verweist auf veränderte Beerdigungsriten während der Ebola-Epidemie in Westafrika, für die muslimische und christliche Religionsvertreter gemeinsam geworben hatten. 

Gezielt auf Geistliche und Imame zugehen

Markus Büker, Referent für Theologische Grundsatzfragen bei Misereor, sieht auf Partnerseite ein „Spannungsfeld“ zwischen der Entwicklungsorientierung mancher religiöser Organisationen und ihrer Haltung zu den Menschenrechten. „Ich kenne Bischöfe, die eine sehr gute Friedensarbeit machen. Doch auf die Anerkennung homosexueller Beziehungen darf man sie nicht ansprechen.“ Mit dem Spagat, einerseits den Schutz der Menschenrechte zu garantieren, und andererseits mit selbstbestimmten religiösen Partnern in Entwicklungsprojekten zusammenzuarbeiten, werde sich das BMZ künftig stärker auseinandersetzen müssen, meint Büker. Eine ähnliche Sorge treibt das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik um. Partnerschaften dürften nicht nur einem bestimmten Ziel dienen, sondern müssten das gesamte Handeln der Organisation berücksichtigen, fordern die Experten in einem Papier. 

Martin Mauthe-Käter hat das im Blick. Er ist sicher, dass sich die religiös begründete Ablehnung der Rechte von Frauen und Minderheiten nur im Dialog bearbeiten – und möglicherweise verändern lässt. „Wir wollen bewusst auf Geistliche und Imame zugehen, die solche Ansichten vertreten, und sie einbinden“, sagt Mauthe-Käter, der im BMZ den Arbeitsbereich Religion und Entwicklung verantwortet. Bei einer Konferenz in Sambia habe er vor kurzem ein sehr offenes Gespräch mit Bischöfen über den Umgang mit Schwulen erlebt. „Das hat etwas bewegt.“

Teile der säkularen Zivilgesellschaft reagieren mit Kritik und Skepsis auf die neue BMZ-Strategie – und auch im Ministerium und bei der GIZ ist die Resonanz gemischt. Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten nennt sie ein „falsches Signal“. Es bestehe die Gefahr, dass „tendenziell konservativ ausgerichtete Gemeinschaften“ von der staatlichen Förderung profitieren, heißt es in einer Stellungnahme. Mathias Mogge vom Vorstand der Welthungerhilfe erklärt: „Religiöse Kräfte tragen häufig dazu bei, dass Gesellschaften in paternalistischen Strukturen verharren“. Es gelte vielmehr, Organisationen zu unterstützen, die sich für Frauen- und Minderheitenrechte einsetzen und häufig aus religiösen Gründen unterdrückt werden.

Zudem sei es längst gängige Praxis, etwa im Kampf gegen die Genitalverstümmelung mit Imamen zusammenzuarbeiten, die in ihrer Gemeinschaft großen Einfluss haben, fügt Mogge hinzu, der auch dem Vorstand des Verbandes Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe (VENRO) angehört. Für säkulare Organisationen wie terre des hommes und medico international ist die Hinwendung des Entwicklungsministeriums zu den Religionen kein Thema, auch VENRO hat sich dazu noch nicht positioniert.

Ungeteilte Zustimmung kommt von der muslimischen Organisation Islamic Relief Deutschland und der christlichen Hilfsorganisation World Vision. Die Idee, das Potenzial der Religionen in der Entwicklungszusammenarbeit zu nutzen, sei zwar nicht neu. Aber mit der neuen Strategie erhalte es ein höheres Gewicht, sagt Sabrina Khan von Islamic Relief. „Unsere Kooperation mit dem BMZ, die seit 2011 besteht, wird enger werden“, meint Khan, die auch Mitglied im Thementeam ist. Beim Bündnis Aktion Deutschland Hilft, dem Islamic Relief und World Vision angehören, gibt es Überlegungen, sich demnächst näher mit der neuen BMZ-Strategie zu befassen.

Im indonesischen Palembang beten Muslime im September 2015 für Regen. Er soll den von Waldbränden verursachten Smog vertreiben. Beawiharta/Reuters

„Wir freuen uns, dass das Ministerium endlich aufgewacht ist“, meint Stefan Sengstmann von World Vision. Bislang habe man seine religiöse Identität in der Kooperation mit der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit eher herunterspielen müssen. Das ändere sich jetzt. Eine Konkurrenz um Partnerorganisationen befürchtet er nicht. „Not und Elend herrschen in so vielen Ländern. Je mehr Unterstützung, desto besser.“ Dietrich Werner von Brot für die Welt sieht das ebenfalls gelassen. Er glaube nicht, dass die GIZ eine „feindliche Übernahme“ kirchlicher Partner plane, oder dass die bewährte Zusammenarbeit in Frage gestellt wird, sagt er. Gleichwohl gebe es „kritische Anfragen“ an die Verfahren der Kooperation und an die Auswahl der Partner. Die will Werner im Thementeam zur Sprache bringen. Markus Büker von Misereor erkennt auch eine „Geschäftsfelderweiterung“ der GIZ, aus der eine Konkurrenz erwachsen könnte. „Da haben wir noch Gesprächsbedarf“, erklärt er. Der Staat begebe sich auf Felder, auf denen die Kirchen und andere religiöse Organisationen bislang erfolgreich gearbeitet haben, und stelle damit das Subsidiaritätsprinzip in Frage.

Die Frage der Partnerwahl wird im BMZ intensiv erörtert. Die Strategie gibt strenge Kriterien vor: Potenzielle Partner müssen menschenrechtliche Standards und Prinzipien achten, sie müssen hinter den UN-Nachhaltigkeitszielen stehen, technische und organisatorische Fähigkeiten vorweisen können, viele Menschen erreichen und „moralische Autorität und Vertrauen“ genießen. Derzeit werde für ausgewählte Partnerländer eine Übersicht der religiösen Akteure erstellt, sagt BMZ-Referent Mauthe-Käter.

Partner begrüßen, dass die Bedeutung der Religion anerkannt wird

Bei den Regierungen sei die Offenheit groß: „Viele Partner begrüßen es, dass westliche Geber die Bedeutung der Religion endlich anerkennen.“ So habe die burundische Regierung darum gebeten, die katholische Kirche in die Programme zur Familienplanung einzubeziehen. Mit Vorbehalten gegenüber regimekritischen religiösen Gruppen müsse man rechnen – aber das sei nichts Neues. Auch aus der „Instrumentalisierungsfalle“ sieht Mauthe-Käther einen Ausweg. Zwar gebe es Befürchtungen, die GIZ betrachte Religion nur als weiteres Werkzeug in ihrem Instrumentenkoffer, ebenso wie umgekehrt, die staatliche Entwicklungszusammenarbeit werde vor den Karren der Religionsgemeinschaften gespannt. Dem sei am ehesten damit zu begegnen, dass beide gemeinsam an den Entwicklungszielen arbeiten, betont Mauthe-Käter.

Auch in der Schweiz wird schon lange darüber diskutiert, wie Religion und Spiritualität in der Entwicklungszusammenarbeit mehr Beachtung finden können. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hatte dazu ein mehrjähriges Forschungsprojekt initiiert, das allerdings nicht ihre eigene Arbeit, sondern die der nichtstaatlichen Organisationen (NGO) untersucht hat. Ein „einseitiger Ansatz“, kritisiert der frühere Direktor der evangelischen Entwicklungsorganisation Brot für alle, Beat Dietschy. Die Erkenntnisse aus dem Projekt hätten deshalb keinen Eingang in die staatliche Entwicklungszusammenarbeit gefunden. 

Gemeinsam mit anderen NGOs, darunter Fastenopfer und mission 21, hat er 2012 eine Kooperationsgemeinschaft für einen Wissens- und Erfahrungsaustausch ins Leben gerufen. Sie haben unter anderem einen Leitfaden dafür entwickelt, wie sie mit religiösen und kulturellen Faktoren im praktischen Alltag von Entwicklungsprojekten sensibler umgehen können. Dazu zähle auch, mehr über Religion zu wissen. „Wir müssen die religiöse Alphabetisierung auch bei den Hilfsorganisationen vorantreiben“, sagt Dietschy selbstkritisch – ein Thema, das auch Brot für die Welt und Misereor beschäftigt.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".
Auf staatlicher Seite findet dieser Anspruch in der Schweiz keinen Widerhall – zumindest nicht offiziell. In seiner Botschaft zur internationalen Zusammenarbeit für die Jahre 2017 bis 2020 verpflichtet sich der Bundesrat zwar auf die UN-Nachhaltigkeitsziele und nennt die Förderung des Friedens und der menschlichen Sicherheit als eine von fünf Prioritäten. Die Religion oder die Kooperation mit religiösen Akteuren wird jedoch an keiner Stelle erwähnt.

In Berlin werden die ersten Pilotprojekte geplant, unter anderem in Jordanien, Tansania und Nigeria. Sie sollen bis zum Sommer angestoßen werden, die Erfahrungen daraus sollen in die weitere Arbeit einfließen. „Wir betreten ein Stück Neuland“, sagt Martin Mauthe-Käter. Und dabei wird er noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen – sowohl bei seinen Kollegen als auch in der Zivilgesellschaft.

erschienen in Ausgabe 5 / 2016: Religion: Vom Glauben und Zweifeln

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