Pharmaindustrie
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Mehr fragwürdig als freiwillig

Die entwicklungspolitische Organisation Erklärung von Bern wirft den Schweizer Pharmaunternehmen Roche und Novartis vor, in Ägypten ihre Sorgfaltspflicht bei klinischen Versuchen zu verletzen. Für viele Ägypter sind solche Tests die einzige Möglichkeit, überhaupt behandelt zu werden.

Die Pharmaindustrie führt klinische Versuche zunehmend in Schwellenländern wie Ägypten durch, wo die Kliniken verhältnismäßig gut ausgerüstet  sind, aber die Kosten für Klinikaufenthalte und Probanden niedriger sind als anderswo. In einer Studie haben Mitarbeiter der Erklärung von Bern (EvB; ab September „Public Eye“) in Ägypten 57 laufende klinische Tests erfasst, in mehr als der Hälfte ging es um Krebsmedikamente. Für knapp die Hälfte der Tests waren die Schweizer Pharmaunternehmen Roche und Novartis verantwortlich.

Beide Firmen beteuern, klinische Versuche würden nur in solchen Ländern durchgeführt, in denen das Medikament auf den Markt kommen soll. Laut EvB trifft das in Ägypten aber nicht zu: Ein Drittel der Medikamente aus der Studie seien in Ägypten nicht zugelassen – im Gegensatz zu Europa oder den USA. Und auch die zugelassenen Mittel könnten sich nur wenige leisten, heißt es weiter. So kostet beispielsweise eine Behandlung mit dem Krebs-Medikament Afinitor von Novartis pro Monat 19.100 ägyptische Pfund (rund 1900 Euro), was dem 15-fachen des gesetzlichen Mindestlohnes im Monat entspricht.

Lokale Ethikkomitees haben zugestimmt, heißt es

Aus Sicht der EvB verletzen die klinischen Versuche internationale ethische Standards. Auch könne man kaum von einer freiwilligen Teilnahme sprechen: Die Versuche sind für viele die einzige Möglichkeit, sich überhaupt ärztlich behandeln zu lassen. In Ägypten ist die Hälfte der Bevölkerung nicht krankenversichert.

Roche und Novartis weisen die Vorwürfe zurück. Sämtliche Studien würden von lokalen Ethikkomitees und vom ägyptischen Gesundheitsministerium genehmigt, erklärte eine Roche-Sprecherin gegenüber der schweizerischen Nachrichtenagentur sda. Die Versuche würden in Übereinstimmung mit der Helsinki-Deklaration des Weltärztebundes und international anerkannten Regeln für klinische Studien durchgeführt. Tests in Ländern, in denen es „keine Pläne für die Zulassung“ des Arzneimittels gebe, seien nicht erlaubt. Auch ein Novartis-Sprecher betonte, das Unternehmen wende in allen Ländern einheitliche und internationale Standards an.

Trotzdem fordert die EvB wirksamere ethische Kontrollen, etwa durch die Schweizer Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel, Swissmedic. Die EvB fordert zudem die ägyptischen Behörden dazu auf, Gesetze und Überprüfungsmechanismen zu schaffen, die den Schutz der Teilnehmer an klinischen Versuchen garantieren.

erschienen in Ausgabe 9 / 2016: Tourismus: Alles für die Gäste

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