Südafrika

Campen macht unabhängig: Fikile Hlathswayo und ihr Ehemann Mathieu, Tochter Lesedi und Sohn Leo genießen die Landschaft.

Südafrika

Fikile geht zelten

Südafrikas schwarze Mittelschicht gilt als wichtige neue Zielgruppe der Tourismusbranche. Die meisten verbringen ihren Urlaub in der Heimat – aber kaum jemand auf dem Campingplatz. Das ändert sich jetzt langsam.

Als ihr Mann und ihre zwei Kinder vor einigen Jahren vorschlugen, gleich drei Monate am Stück zu campen, zögerte Fikile Hlathswayo keine Sekunde. „Nein“, sagte sie, „auf keinen Fall.“ In Südafrikas schwarzer Mittelschicht, in die sich Hlathswayo mit zwei Universitätsabschlüssen mühsam hochgearbeitet hat, ist Camping verpönt. Jahrzehnte hatte sie dafür gekämpft, nicht in einer zugigen Hütte schlafen zu müssen. Oder Gemeinschafts­toiletten zu benutzen. Und jetzt dafür bezahlen, obendrein mit Schlangen und Spinnen in der Nähe? Nicht mit ihr.

Am Ende gab sie nach. 10.000 Kilometer legte die Familie aus Durban mit ihrer neunjährigen Tochter und dem siebenjährigen Sohn zurück, besuchte 25 Campingplätze in allen neun südafrikanischen Provinzen. Zunächst fühlte sich Hlathswayo in ihren Vorurteilen bestätigt. Beim Abspülen traf sie eine weiße Frau. Wie viel sie verlangen würde, um auch ihr Geschirr zu säubern, fragte die – offenbar in der festen Annahme, sie spräche mit einer Mitarbeiterin der Anlage. Hlathswayo korrigierte sie höflich aber bestimmt: „Auch Schwarze campen“, erwiderte sie – und beschloss in diesem Moment trotzig, dem Zelten eine Chance zu geben.

Inzwischen ist Hlathswayo eine der wohl leidenschaftlichsten Camperinnen des Landes. Mehr als 30.000 Kilometer ist sie in Südafrika und Swasiland mit dem Wohnwagen gereist. Vor ihrem ersten Campingtrip stand sie nach vielen Jahren harter Arbeit im Finanzsektor kurz vor dem Burnout. Das typische Leben der Mittelschicht in Südafrika, umgeben von Mauern und der Furcht vor Kriminalität, hatte sie krank gemacht. „Reisen hat mich geheilt“, sprudelt es geradezu aus ihr heraus, „auf dem Campingplatz gibt es keine Angst, keine Mauern, kein Alarmsystem. Es gibt dieses Gefühl der Zugehörigkeit, die Natur hat mir geholfen, zu mir selbst zurückzufinden.“

Die Nachbarländer sind zu teuer

Über diese Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben. Der Titel entstand in Anlehnung an die Begegnung mit den weißen Mitcampern: „Auch Schwarze reisen im Wohnwagen.“ Es zählt in diesen Tagen zu den beliebtesten Sachbüchern in Südafrika, Tausende Exemplare wurden verkauft. Hlathswayo bewertet 80 Campingplätze, die sie besucht hat, spricht über ihren Weg zur Selbstheilung, die Stärkung ihrer Familie – und ihre neue Liebe zur Natur und Nation. Nirgends wird die Kluft zwischen Weiß und Schwarz schneller überwunden, sagt sie. Trotz der Episode am Spülbecken.

Inzwischen trifft sie immer häufiger schwarze Familien beim Campen, vereinzelt noch, aber ihr Anteil wächst stetig. Rund sechs Millionen der 45 Millionen schwarzen Südafrikaner werden zur Mittelschicht gezählt, Marketingagenturen sprechen von den „Black Diamonds“ (Schwarze Diamanten). Ihre jährliche Kaufkraft hat nach Angaben des Kapstadter Marktforschungsunternehmens „Unilever“ mit 26 Milliarden Euro die der weißen Mittelklasse (21 Milliarden Euro) überholt – Tendenz steigend. Ins Ausland reisen jedoch nur wenige. Das liegt zum einen an der Währungsschwäche des Rand, der allein 2015 ein Drittel seines Wertes eingebüßt hat. Zum anderen aber auch an den ohnehin horrenden Kosten für Reisen in andere Länder.

Flüge in afrikanische Länder sind wegen der noch immer relativ geringen Nachfrage oft teurer als nach Europa. Hinzu kommen die Kosten für Visa: Die Elfenbeinküste berechnet den meisten Afrikanern für einen Monat umgerechnet 112 Euro. Länder wie Burkina Faso, Togo und Benin sind kaum billiger. Anträge sind zudem mit einem wahren Behördenmarathon verbunden.

Die große Mehrheit der schwarzen Südafrikaner verbringt ihren Urlaub deshalb im eigenen Land – wenn sie überhaupt Ferien machen. 28 Millionen Reisen werden laut dem südafrikanischen Tourismusministerium innerhalb von Südafrika jährlich angetreten, drei Viertel davon dienen dem Besuch der oft weitverstreuten Verwandtschaft. Immerhin ein Zehntel wird zu Urlaubszwecken angetreten, die meisten davon führen an die Küste. Durban führt vor Kapstadt bei den beliebtesten Urlaubszielen.

Auch manche Leute aus den Townships können reisen

Für die meisten Afrikaner haben Reisen nicht die oberste Priorität. In Südafrika verdienen Schwarze – wenn überhaupt – erst seit wenigen Jahren gut, so dass andere Anschaffungen im Vordergrund stehen: ein ordentliches Haus, Autos, ein Kühlschrank mit Gefrierfach oder ein Fernseher. Die meisten Gutverdienenden unterstützen andere Familienangehörige, denen oft schon das Geld für die Schule fehlt. Eine Reise im Wert von Tausenden Euro lässt sich da nur schwer rechtfertigen.

Und so sind Touristen wie Mosima Masoga noch eher selten. Das 23-jährige Model aus Durban stammt aus einer schwarzen Familie, die bereits in der zweiten Generation zur Mittelschicht gezählt werden kann, ihre Eltern betreiben eine Baufirma. „Sie haben mir früh vermittelt, wie wichtig das Reisen für die Erweiterung des eigenen Horizonts ist“, sagt Masoga, „Reisen ist eine der wichtigsten Investitionen, egal, wie viel Geld man hat.“ Die Familie flog vor vier Jahren in die USA, besuchte Jazz-Konzerte in New Orleans und den Central Park in New York.

Autor

Christian Putsch

ist freier Südafrika-Korrespondent in Kapstadt (www.christianputsch.de).
Masoga lebt inzwischen in Johannesburg. Sie reist gerne alleine, im Januar möchte sie nach Amsterdam. Der Community-Marktplatz „Airbnb“ mache den Trip bezahlbar, sagt die junge Frau. Sie spart seit mehr als einem Jahr auf die Reise, das meiste Geld ihrer Fotoshootings legt sie zur Seite. Und sie träumt von einem Besuch auf Barbados. „Ich lese alles über diese Insel“, sagt Masoga, „über Google Street View schaue ich mir schon die Straßen an.“ Bislang war sie vor allem in Südafrika unterwegs, wie die meisten ihrer Freunde. Sie war in Kapstadt, George, Knysna, Durban – oft hat sie bei Freunden übernachtet, um Geld zu sparen. „Was bringt es, ins Ausland zu gehen, wenn man das eigene Land nicht kennt?“, fragt sie, „Man muss den Leuten doch etwas über die Heimat erzählen können.“

Damit liegt sie auf einer Wellenlänge mit Fikile Hlathswayo. Sie hat ihr Buch in einfachem Englisch geschrieben, oft mit Slang aus den Townships. Das Buch soll nicht nur die Mittelschicht, sondern auch die arme Bevölkerung ansprechen, die von den Marketingagenturen der Tourismusbehörden weitgehend ignoriert wird. Schließlich könne sich auch in den Townships so mancher die umgerechnet zehn Euro am Tag für einen Zeltplatz leisten, findet Hlathswayo. Ihr geht es darum, dass die Menschen die Schönheit ihrer Heimat wiederentdecken: Sternschnuppen in der Halbwüste Karoo, Ausritte in den Drakensbergen, Schnorcheln südlich von Durban.

Mehr noch: Das einfache Leben in der Natur, Zelt an Zelt, bringe nicht nur die Familie zusammen, sondern auch die verschiedenen ethnischen Gruppen Südafrikas. „Dieses Gemeinschaftsgefühl braucht unser Land dringend“, sagt die Autorin. Wer in südafrikanischen Gasthäusern absteige, sei wieder von Mauern und Sicherheitspersonal umgeben. „Wir vergessen manchmal, wie schön und unbeschwert unser Land sein kann.“ Vor kurzem schlug ihr Mann vor, zur Abwechslung eine Reise nach Mauritius zu planen. Hlathswayo zögerte kurz: „Warum?“, antwortete sie, „wir haben alles, was Mauritius zu bieten hat, vor unserer Haustür.“ Sie werden in den nächsten Ferien wieder campen gehen.

Literaturtipp:
Fikile Hlatshwayo
Blacks Do Caravan
Derzeit nur in südafrikanischen Buchhandlungen erhältlich. Ein E-Book ist in Planung und soll auf Amazon vertrieben werden.

erschienen in Ausgabe 9 / 2016: Tourismus: Alles für die Gäste

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