Südsichten
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"Ich sauge viele Einflüsse aus Europa auf"

Fünf junge Menschen aus Afrika, Asien und Lateinamerika erzählen, was sie von Europa halten - und was der Kontinent von ihrer Heimat lernen könnte.

Palmira Silva, 33, Menschenrechtsanwältin, Mexiko-Stadt, Mexiko.
„Der Machismo ist noch tief verankert“

Ich habe vor einigen Jahren Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Holland und die Tschechische Republik besucht. Nach Holland würde ich gerne wieder reisen. Dort herrscht ein besonders entspanntes, lockeres Ambiente, das mich fasziniert hat. Überhaupt fand ich beeindruckend, dass es keine Grenzkontrollen gibt, und wie verschieden all diese Länder sind. Dennoch gibt es etwas, das die Europäer eint, ein Verständnis für bürgerliche Freiheiten, für Gemeinschaftssinn, für Ordnung. Die Europäer sind sehr tolerant, aber hauptsächlich gegenüber anderen Europäern. Wenn man aus Lateinamerika, Afrika oder der Türkei kommt, wird man schnell abschätzig angesehen oder behandelt.

Europa ist für viele Latinos ein Traum. Ich sehe das nüchterner. Auch Europa hat seine Probleme. In meinem Büro arbeiten junge Anwälte aus Spanien, weil sie in ihrer Heimat wegen der Wirtschaftskrise keinen Job finden. Trotzdem bleibt Europa für mich in vieler Hinsicht eine Referenz, in Sachen Menschenrechte, in Sachen Toleranz oder bei der Arbeitsgesetzgebung, die so fortschrittlich ist wie sonst nirgendwo. Manchmal wundere ich mich, dass die Europäer das nicht schätzen oder nicht nutzen. Zum Beispiel finde ich es super, dass auch die Männer ein Babyjahr nehmen können. Aber ich habe gemerkt, dass kaum ein Mann diese Chance ergreift. Trotz gegensätzlicher Reden von Politikerinnen und Politikern scheint mir der Machismo kulturell auch in Europa noch tief verankert zu sein.

 

Satish Thalla, 34, Promotionsstudent, Hyderabad, Indien. Sebastian Drescher
„Europa geht den richtigen Weg“

Viele Inder wissen gar nicht, was Europa ist. Manche halten es für einen Teil der USA. Bevor ich 2010 zum Studieren nach Deutschland kam, dachte ich, dass alle Europäer gut Englisch sprechen – ich habe schnell gemerkt, dass das nicht so ist. Ich lebe gerne in Europa. Hier kann ich mich freier bewegen, anziehen was ich will. Es gibt mehr persönliche Freiheiten. In Indien fühle ich mich ständig kontrolliert und eingeengt.

Ich bewundere die Europäische Idee. Dass alle Bürger überall studieren und arbeiten dürfen. Dass man gemeinsam Politik macht und die stärkeren Staaten die schwächeren stützen. Für mich ist das in einer globalisierten Welt der einzig richtige Weg. Die Europäische Union ist ein Vorbild für andere Regionen. Warum sollten Indien, Pakistan, Myanmar und Bangladesch nicht auch eine starke Union bilden? Davon würden alle profitieren – und es würde die Region sicherer machen.

Vielleicht können die Europäer ja auch von Indien lernen – es gibt einige Gemeinsamkeiten. Indien hat 29 Bundesstaaten, in denen die Menschen teils ganz andere Sprachen sprechen und unterschiedliche Kulturen haben. Auch dort gibt es Populisten, die zum Beispiel sagen, wir wollen in Mumbai weniger Nordinder haben. Aber die Regierung in Delhi bekräftigt immer wieder die Einheit des Staates. Man muss also für diese Freiheiten kämpfen und die Vorteile betonen.
 

Jacqueline P. Parditey, 24, Kommunikationswissenschaftlerin, Accra, Ghana
„Europa kann von uns Gastfreundschaft lernen“

In Europa bin ich noch nie gewesen, würde den Kontinent aber sehr gerne besuchen. Eine gute Ausbildung ist mir wichtig. Ich absolviere schon ein zweites Studium, im Fach Public Relations. Ich wünsche mir, das Studium an einer Universität in Europa fortzusetzen und vielleicht sogar eine Doktorarbeit zu schreiben. Welches Land das ist, würde von einem möglichen Stipendium abhängen.

Für uns ist es leider sehr schwer geworden, überhaupt ein Visum zu erhalten. Das finde ich ungerecht. Mein Land Ghana steht allen Menschen offen. Warum muss Europa da anders sein als Afrika? Wir sollten alle die gleichen Chancen haben. Auch wir sollten andere Länder besuchen können und erfahren, wie es sich dort lebt. Eine kurze Zeit würde schon reichen. Aber es wäre sehr wichtig.

Doch Europa blockt uns ab und tut so, als ob wir aus einer anderen Welt kommen. Aber auch wir Afrikaner sind wundervolle Menschen, die eine Chance verdienen. Das will aber offenbar niemand wissen. Stattdessen hat Europa einen Zaun gebaut und lässt uns draußen stehen. Eine gute Entscheidung ist das sicherlich nicht. Dabei könnte Europa auch von uns lernen. Wir sind schließlich diejenigen, die gastfreundlich sind und sich über Besucherinnen und Besucher freuen.

 

Rawan Baybars, 28, Studentin, Amman, Jordanien.
„Dieses Tempo ist mir einfach zu hoch“

Bei Europa denke ich zuallererst an die Architektur, klassische wie moderne, aber für mich ist auch das viele Grün etwas Besonderes. Dann kommt mir die europäische Zivilisation in den Sinn, das öffentliche Leben, Demokratie – und Recycling. Ich weiß, dass Europa für viele als das „gelobte Land“ gilt, aber für mich ist das nicht so. Ich war 2015 drei Monate lang für ein Praktikum in Deutschland und momentan mache ich meinen Master in London. Offen gesagt glaube ich nicht, dass Europa seit dem Aufstieg der Rechtspopulisten noch ein einladender Ort für Fremde ist.

Ein „gelobtes Land“ ist für mich ein Ort, an dem man sich zugehörig fühlen kann. Das verbinde ich nur mit meiner Heimat Jordanien. Aber es wäre schön, wenn es auch bei uns so etwas wie Meinungsfreiheit gäbe. Hoffentlich kommen wir eines Tages dahin. Denn Rechtssicherheit und Demokratie in Europa gefallen mir ausgesprochen gut.

Auch wie effizient der öffentliche Nahverkehr und die sozialen Sicherungssysteme funktionieren, ist bewundernswert. Es klingt vielleicht etwas pauschal, aber für mich sind Europäer im Vergleich zu Menschen aus anderen Regionen der Welt einfach privilegiert. Schön sind auch die öffentlichen Plätze, an denen man sich in den Städten treffen kann. Andererseits können gerade die großen Städte auch sehr unpersönlich sein. Jeder scheint die meiste Zeit in Eile zu sein, dieses Tempo ist mir einfach zu hoch.

 

Sizwe Mbebe, 34, Unternehmer aus Kapstadt, Südafrika.
Es sind die dummen Leute, die dem Lärm folgen“

Mit Europa bin ich seit meinem zwölften Lebensjahr verbunden. Ich komme aus Gugulethu, einem Township in Kapstadt, über ein Stipendium bin ich nach dem Ende der Apartheid an die „Deutsche Schule“ gekommen. Mir war damals schnell klar, dass ich meinen Lebensunterhalt mit Fußball verdienen wollte. Ich war talentiert, zwei Monate war ich bei Werder Bremen bei einem Probetraining, später habe ich ein Austauschjahr in Hamburg gemacht. Für eine Profikarriere hat es nicht gereicht, heute verdiene ich mein Geld als Gründer der Sportmarketing­agentur „Diski Nites“.

Ich sauge weiter viele Einflüsse aus Europa auf. Der deutsche Fußball ist sehr innovativ, welche andere Liga ist so kontinuierlich und nachhaltig gewachsen? Für mich steht der Kon-tinent weiter für Fortschritt. Und für Freundlichkeit, besonders in Dänemark und den Niederlanden. Die Leute sind ein wenig zurückhaltend in Deutschland, aber ich habe die meisten als sehr angenehm erlebt – weit offener als die Menschen in den USA, wo ich vor drei Jahren war. Natürlich verfolge ich das Aufleben des Rechtspopulismus in Europa mit Sorge. Ich beschäftige mich beruflich viel mit den Sozialen Medien, und dort werden über Face­book fremdenfeindliche Attacken organisiert. Wir sind so weit gekommen, die Welt zu öffnen und zu einem wirklich tollen Ort zu machen. Manchmal habe ich Angst, dass wir nun auf den letzten Metern scheitern und diese großartige Chance nicht nutzen. Aber wirklich gefährlich wird es erst, wenn diese Tendenzen auch die gebildete Bevölkerung ergreifen. Und das ist in meinen Augen nicht der Fall, es sind die dummen Leute, die dem Lärm folgen. Ich bin mir sicher, dass Europa stark genug ist, um die derzeitigen Turbulenzen zu überstehen.

Aufgezeichnet von Sandra Weiss, Sebastian Drescher, Katrin Gänsler, Claudia Mende und Christian Putsch.

erschienen in Ausgabe 2 / 2017: Europa: Die zaudernde Weltmacht

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