Katholische Bischöfe in Nordnigeria

Junge Fulani mit ihrem Vieh an einer Wasserstelle im Nordosten von Nigeria.

Katholische Bischöfe in Nordnigeria

Hirten sollen Bauern werden

Nomaden sollen sesshaft werden und ihre Herden auf gepachtetem Land weiden lassen. Dies hat der Erzbischof von Kaduna zur Lösung des Konflikts zwischen Bauern und Hirten in Nordnigeria vorgeschlagen. Ganz so einfach wird das nicht gehen, meinen Nigeria-Kenner.

Die Interessenskonflikte zwischen den nomadischen Fulani-Hirten und den sesshaften Bauern in Nigeria sind nicht neu. Seit vielen Jahren kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen, wenn Nomaden auf der Suche nach Weideland und Wasserstellen ihre Tiere über erntereife Felder von Bauern treiben. Allein in den vergangenen Monaten hat es im nigerianischen Bundesstaat Kaduna mehrere Hundert Tote gegeben. Ganze Dörfer wurden verwüstet.

„Die ständigen Konflikte zwischen Bauern und Hirten zeigen deutlich, dass das traditionelle System der Viehhaltung und Bodennutzung mit sogenannten Weide-Reservaten veraltet und heute nicht mehr tragbar ist“, sagte der Erzbischof von Kaduna, Mathew Man’Oso Ndagoso, Ende Januar. Er appellierte an Landbesitzer, ihre Grundstücke an Hirten zu verpachten. Bereits im vergangenen September hatten die katholischen Bischöfe der Kirchenprovinz Kaduna ein Ende des Nomadentums gefordert. Sie hatten Gemeinden, Regierung und Einzelpersonen aufgerufen, nach Optionen zu suchen, wie die Fulani-Hirten auf eigenen Farmen angesiedelt werden können.

„Die Hirten haben keinen legitimierten Vertreter“

Die Fulani leben seit Jahrhunderten als Nomaden. Ihre Lebensweise zu ändern, dürfte deshalb nicht so einfach sein. Schon die Frage, an wen das Land verpachtet werden soll, sei problematisch, gibt Pfarrer Jürgen Quack zu bedenken. Der Theologe aus Württemberg hat einige Jahre mit seiner Familie in Nordnigeria gelebt. „Die Hirten sind in der Regel nicht so organisiert, dass ein legimitierter Vertreter den Pachtvertrag abschließen und die Pacht zahlen könnte.“

Hinzu komme die Wasserversorgung. „Im Norden Nigerias regnet es in der Regel ein halbes Jahr lang keinen Tropfen. Die Hirten ziehen mit ihren Herden deshalb oft weite Strecken“, sagt Quack. Sollte eine Herde dauerhaft an einem Ort bleiben, müssten die Weiden bewässert und die Tiere getränkt werden. Das sei teuer. Grundsätzlich seien Vorschläge, um den Konflikt zwischen Sesshaften und Nomaden in Nordnigeria zu befrieden, jedoch zu begrüßen, meint Quack.

Die Zeit drängt, denn die Zahl und die Heftigkeit der Auseinandersetzungen nehmen zu, je kleiner der Lebensraum für die Hirten wird. Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums in Nigeria werden mehr Flächen für den Ackerbau benötigt. Neue Straßen und Siedlungen zerschneiden das ursprüngliche Weidegebiet der Fulani, die Böden erodieren durch Überweidung und Klimawandel. Mit dem Verkauf der oft mageren Tiere verdienen die Nomaden immer weniger; sie müssen ihre Herden vergrößern, um überleben zu können.

Der Konflikt ist religiös aufgeladen, die Lage explosiv

Darüber hinaus bekommt der Streit um Weiderechte schnell eine religiöse Komponente, weil die Fulani Muslime, die Bauern dagegen mehrheitlich Christen sind. Vor kurzem rief der landesweit bekannte freikirchliche Prediger Johnson Suleiman seine Anhänger in einem Gottesdienst dazu auf, alle Fulani zu töten. Andere sprechen davon, dass die Fulani einen Dschihad führten gegen diejenigen, die ihnen ursprünglich ihr Land weggenommen haben. „Die Atmosphäre ist vergiftet“, sagt die hessische Pfarrerin Renate Ellmenreich, die lange in Nigeria gelebt und den Norden des Landes im Januar besucht hat. „Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig. Hinzu kommt eine sehr hohe Inflationsrate. Alles wird immer teurer. Die Situation ist explosiv.“

Ellmenreich, die Vorsitzende eines Hilfsvereins für Witwen in Nigeria ist, bezweifelt, dass eine Abschaffung des Nomadentums den Konflikt lösen würde. Sie berichtet von einem anderen, erfolgreichen Weg: In Gurku, einem Ort in der Nähe von Abuja, hätten Sesshafte und Hirten einen Vertrag unterschrieben, um besser miteinander auszukommen. Die Fulani dürfen ihre Herden direkt an dem Dorf vorbei zur Wasserstelle treiben und sich selbst Trinkwasser aus dem Dorf holen. „Die Dorfbewohner haben sich verpflichtet, keine Kühe, Schafe oder Ziegen zu halten und diesen Erwerbszweig den Fulani überlassen.“ Dafür garantierten diese, dass sie das Dorf in Frieden lassen. „Der Vertrag hält nun schon im dritten Jahr“, sagt Ellmenreich.

erschienen in Ausgabe 3 / 2017: Indigene Völker: Eingeboren und ausgegrenzt

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