Globalisierungskritiker

Der Gipfel als Chance

Enrique Maurtua Konstantinidis hofft, dass der internationale Druck Argentinien dazu bewegt, eine Klimastrategie zu entwickeln.
Drei Wochen vor dem G20-Gipfel kommt in Hamburg die internationale Zivilgesellschaft zusammen. Der Argentinier Enrique Maurtua Konstantinidis will Umweltthemen mehr Gehör verschaffen – auch auf der Straße. Er ist zuversichtlich, dass die Proteste friedlich bleiben.

Die Abendsonne taucht den Río de la Plata in ein sanftes Licht. Enrique Maurtua Konstantinidis blickt auf den sedimentbeladenen, braungrauen Fluss, auf dem ein einsamer Segler gleitet. „Es tut gut, mal nicht auf Häuser zu blicken, oder?“ sagt der 33-Jährige, der bei der Umweltorganisation FARN (Fundación Ambiente y Recursos Naturales) für Klimathemen zuständig ist. Hinter ihm liegt das Häusermeer der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Den meisten Menschen dort liegt die Sorge um den Umweltschutz in diesen Tagen fern – zu sehr kämpfen sie mit der galoppierenden Inflation, den steigenden Preisen für Strom und Gas, der wachsenden Arbeitslosigkeit.

Auch der G20-Gipfel in Hamburg ist für die wenigsten im Land ein Thema. Maurtua Konstantinidis dagegen bereitet sich seit Monaten auf das Treffen vor: „Ein solcher Gipfel ist auch eine Chance, etwa für die erneuerbaren Energien.“  Aber auch ein Risiko, das räumt der Argentinier ein: Die US-Regierung könnte Initiativen zum Klimaschutz ausbremsen. „Wie die Trump-Regierung sich in Hamburg verhält, das ist eins der größten Fragezeichen“, meint er. Nach Deutschland wird Argentinien Ende 2017 die G20-Präsidentschaft übernehmen: „Ich hoffe, dass die Regierung die Chance nutzen wird, die Diskussionen zum Thema Klimawandel zu moderieren und als Mediator zu wirken“, sagt Maurtua Konstantinidis. „Doch bisher scheint sie das Treffen eher als eine Chance zu sehen, Investoren ins Land zu locken.“

Seinen komplizierten Doppelnamen verdankt der studierte Biologe seinen Vorfahren, die aus dem Basken- und aus Griechenland nach Südamerika kamen. Schon als Kind beschloss Maurtua Konstantinidis, sich für die Umwelt einzusetzen. Als Jugendlicher begann er, Freiwilligenarbeit in seiner Heimatstadt La Plata bei Buenos Aires zu leisten. Er half, solarbetriebene Heißwasserspeicher zu installieren, baute an Gewächshäusern aus PET-Flaschen mit und unterstützte Stadtmenschen beim Anlegen eines Gemüsegartens. Heute arbeitet er an Energieszenarien für die Zukunft, berät argentinische Abgeordnete in Sachen Klimastrategie, und war schon bei vielen Klimakongressen, überall auf der Welt. „In Deutschland faszinieren mich die vielen Dächer mit Solarzellen“, sagt er. „Und die weiten Landschaften mit Windrädern.“ Kritik daran kann er nicht verstehen: „Das sieht doch wunderschön aus, oder?“

Den Klimawandel bekämpfen - nur nicht im Alltag

Kämpfen gegen den Klimawandel – das ist eine gute Sache, sagen die meisten Argentinierinnen und Argentinier zwar in Meinungsumfragen. „Doch die wenigsten stellen eine Verbindung zu ihrem Alltag her“, sagt Maurtua Konstantinidis. „Sie verstehen, dass es einen Fisch umbringt, wenn Müll im Fluss landet. Aber sie lassen das Auto beim Warten auf Freunde 20 Minuten laufen und sind für die weitere Nutzung von fossilen Energieträgern. Dass das mit Überschwemmungen in argentinischen Provinzen zusammenhängen könnte, kommt den meisten gar nicht in den Sinn.“

Schon jetzt sei die Durchschnittstemperatur in Argentinien in den vergangenen drei Jahren stetig gestiegen, sie waren die wärmsten Jahre in der Geschichte des Landes. Deshalb sehe es die Organisation FARN als Teil ihrer Aufgabe an, in der Bevölkerung Bewusstsein für Umweltthemen zu schaffen. Auch für Transparenz, für das Konzept des „open government“, setzt sich Maurtua Konstantinidis ein: „Wenn eine Regierung Daten offenlegt, kann das die Grundlage für einen nationalen Klimaschutzplan sein.“ Er nutzt jede Möglichkeit, Gesetzgebungsverfahren zum Klimaschutz mit Verbesserungsvorschlägen zu beeinflussen und bittet regelmäßig um Gespräche mit Abgeordneten und Regierungsvertretern.

Dass Argentinien in einer Energiekrise steckt, so dass regelmäßig der Strom abgeschaltet wird, ist für den Klimaexperten absurd: „Argentinien könnte den gesamten Kontinent mit Windenergie versorgen“, erklärt Maurtua Konstantinidis. „Fast drei Viertel der Landesfläche sind dafür geeignet.“  Der Energiesektor verursacht etwa die Hälfte der argentinischen Treibhausgase. Dass seit dem Regierungswechsel im Dezember 2015 Bewegung in die Energiepolitik gekommen ist, freut und beunruhigt Maurtua Konstantinidis gleichermaßen. „Die Vorgängerregierung argumentierte defensiv: Die reichen Länder verschmutzen mehr, also müssen sie etwas tun“, erklärt er.

Gigantische Erdölvorkommen in Patagonien

Die neue Regierung habe von Anfang an signalisiert, erneuerbare Energien fördern zu wollen – aber auch die Entwicklung der Märkte. Das sei Chance und Risiko zugleich. Es bestehe die Gefahr, dass mehr Flächen landwirtschaftlich genutzt oder entwaldet werden. Nach wie vor würden zudem fossile Energieträger gefördert: „Wenn viele über das gesteigerte Interesse an erneuerbaren Energien in Argentinien jubeln, haben sie dazu zwar Grund“, sagt der Experte. „Doch es ist keine Trendwende. Die Regierung setzt auf Vaca Muerta, dort wird fünf Mal mehr investiert als in erneuerbare Energien.“ Vaca Muerta, tote Kuh, so heißt das Gebiet in Patagonien, auf das sich Maurtua Konstantinidis bezieht: Dort wurden vor wenigen Jahren gigantische Erdöl- und -gasvorkommen entdeckt. Zudem garantiere die Regierung einen Minimalpreis pro Barrel Erdöl. Das gebe den fossilen Energieträgern einen Vorteil gegenüber den Erneuerbaren.

Maurtua Konstantinidis hofft, dass Argentinien hier international unter Druck gerät – auch in der Gruppe der G20-Staaten: „Die meisten Industrieländer diskutieren nicht mehr, ob sie die Subventionen für fossile Energie reduzieren sollen, sondern wann das passieren soll.“ Als Präsident Mauricio Macri allerdings im April in den USA zu Besuch war, war die Förderung fossiler Energien in Patagonien eins der wichtigsten Themen.

Autorin

Karen Naundorf

ist freie Journalistin in Buenos Aires, Argentinien.
Argentinien habe noch keine langfristige Klimastrategie vorgelegt, kritisiert der Experte. Er hofft jedoch, dass dies bald geschieht: „Womöglich kann die G20-Präsidentschaft Argentiniens einen Anreiz darstellen. Die Regierung sucht internationale Anerkennung.“ Dass die argentinische Zivilgesellschaft im nächsten Jahr an Einfluss gewinnen könnte, glaubt der Experte nicht.

Maurtua Konstantinidis wird als Vertreter der argentinischen Zivilgesellschaft zum Civil20-Treffen im Juni in Hamburg fliegen, der im Vorfeld des G20-Gipfels stattfindet. Daran wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. „Wir werden Empfehlungen und Forderungen an die G20-Staaten vorstellen. Schließlich sind diese Länder für mehr als drei Viertel der weltweiten Treibhausgase verantwortlich. Und unter den Folgen leiden werden wir alle“, sagt er. Auf die Straße gehen wird er auch. Denn auf eins ist er stolz: „Die Proteste zu Umweltthemen waren bisher immer friedlich. Und ich glaube nicht, dass sich das in diesem Jahr ändert.“ Der Argentinier hofft, in Hamburg etwas bewegen zu können, gemeinsam mit anderen Vertretern der Zivilgesellschaft. „Unsere Atmosphäre schert sich nicht um Klimaabkommen oder Verhandlungen“, sagt er und fordert: „Alle Länder müssen am gleichen Strang ziehen und handeln. Nicht morgen, heute!“

erschienen in Ausgabe 6 / 2017: G20: Deutschland übernimmt

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