Bewegungsmelder

"Strukturen, die Menschen unterdrücken"

Wir fragen Menschen aus der Szene, was sie bewegt und was sie wütend macht. Dieses Mal: Rob van Drimmelen, ehemaliger Generalsekretär von APRODEV.

Rob van Drimmelen ist ehemaliger Generalsekretär des Dachverbands der Europäischen Ökumenischen Entwicklungs- und Nothilfeorganisationen APRODEV in Brüssel.
Was treibt Sie an und was macht Sie wütend?
Als ich im Aufsichtsrat der Mikrokreditorganisation Oikocredit saß, habe ich viele inspirierende Menschen getroffen, die trotz aller Widerstände erfolgreich für ihre Rechte gekämpft haben. Ihr Vorbild ist mir eine große Motivation. Wütend bin ich eher selten. Aber wenn, dann auf ungerechte Strukturen, die Menschen unterdrücken und ihre Würde verletzen. Als Ökonom fällt mir da zum Beispiel die Position der Großbanken ein: Die Gewinne wandern in die Taschen der Banker, während Verluste auf die Steuerzahler abgeladen werden.

Wen würden Sie mit dem alternativen Nobelpreis auszeichnen?
Ich würde keine einzelne Person auszeichnen, sondern all diejenigen, die Jesus in der Bergpredigt als „gesegnet“ preist: alle, die weltweit täglich für Gerechtigkeit, Frieden und den Schutz der Schöpfung Gottes kämpfen; alle, die nicht aufgeben, und all diejenigen, die sich für Schwache und Verletzliche einsetzen.

Mit wem würden Sie gerne einmal streiten?
Mit zynischen Leuten, die die Hoffnung auf eine bessere Welt aufgegeben haben. Mit denen, die sagen, dass die Finanzierung von Entwicklungszusammenarbeit Geldverschwendung ist, aber gleichzeitig die Verteidigungsbudgets erhöhen und milliardenschwere Verträge mit autoritären Regimen abschließen.

Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz, was ist Ihnen besonders gelungen?
Ich möchte kein einzelnes Projekt hervorheben. Ich bin aber stolz darauf, dass wir in den 1990er Jahren eine der ersten Organisationen waren, die das Thema Kohärenz auf die Tagesordnung der Europäischen Union gebracht hat. Es bringt nichts, Entwicklungsprojekte zu fördern, wenn sie gleichzeitig durch die Handelspolitik untergraben werden. Wenn also die EU Bauern in Westafrika mit Entwicklungshilfe unterstützt, gleichzeitig jedoch Hühnerfleisch zu Dumpingpreisen dorthin exportiert. Kohärenz ist mittlerweile ein zentrales Thema in der europäischen Entwicklungspolitik, wenigstens auf dem Papier.

Was ist schief gegangen und wieso?
APRODEV hat lange und intensiv versucht, mit anderen nichtstaatlichen Organisationen und Politikern aus dem Globalen Süden nachhaltige Entwicklungskriterien in die Handelspolitik der Europäischen Union einzubringen. Leider ist uns das kaum gelungen. Die Eigeninteressen der Gegenkräfte waren immer zu stark.

Das Gespräch führte Johanna Greuter

erschienen in Ausgabe 8 / 2017: Wenn die Seele krank ist

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