Sklaverei in Libyen

Die Heuchler aus Europa

Protest gegen die Sklaverei in Libyen vor der Botschaft des Landes in Madrid.
Das Video des US-amerikanischen Senders CNN schlug ein wie eine Bombe: Es beweist, dass in Libyen immer wieder afrikanische Migranten als Sklaven versteigert werden. Das löste allenthalben Entrüstung aus, doch nicht überall war sie ehrlich.

Besonders hoch schlugen die Emotionen in Westafrika, von wo die meisten der in Libyen gestrandeten Migranten stammen, insgesamt sind es etwa 700.000. Die schockierenden Bilder erinnern an den massenhaften Handel mit afrikanischen Sklaven vom 16. bis zum 19. Jahrhundert; die Beteiligung arabischer Händler und Reiche daran ist noch weniger aufgearbeitet als die der Europäer und Amerikaner. Und nur wenige Verbrechen lösen so schnell und so universell Empörung aus wie offene Sklaverei.

Dass der Aufschrei überall ernst gemeint ist, muss man aber bezweifeln. In Libyen werden die Geschäfte der Menschenhändler als Argument im Ringen um die Macht missbraucht: Oppositionelle Parteien und Milizen beschuldigen die Regierung, denn gefilmt worden ist ein Sklavenmarkt auf deren Gebiet – als ginge es Migranten in anderen Landesteilen besser.

Die Afrikanische Union kümmert sich kaum

Den afrikanischen Staatschefs, die bei Libyens Regierung protestierten, wirft der kamerunische Ökonom Thierry Amougou vor, damit über eigenes Versagen hinwegzutäuschen: Sie schafften keine Arbeitsplätze zu Haus. Und die Afrikanische Union (AU) habe sich kaum um in Libyen gestrandete Bürger gekümmert und keine Alternative entwickelt zu der von Italien erwirkten Vereinbarung, nach der das nordafrikanische Land seit diesem Jahr Migranten an der Weiterreise hindert.

Die größte Heuchelei aber kommt aus Europa. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnete die Vorfälle als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und rief nach einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats. Das veranlasste Alpha Condé, den Präsidenten der AU, zu einem undiplomatischen Ausbruch: Die erste Verantwortung hätten doch jene, die Libyen aufforderten, Flüchtlinge festzuhalten, obwohl bekannt sei, „dass es dort keine Regierung gibt, sondern nur Milizen“.

Condé hat damit Recht. In der Migrationspolitik kann sich Europa nur auf eins einigen: Abwehr. Es versperrt Afrikanern legale Zugangswege und überlässt illegal Zugewanderte den südeuropäischen Ländern, in denen sie stranden. Deshalb hat Italien den Handel mit Libyen – und wohl auch mit Milizen dort – geschlossen, der die Afrikaner noch schutzloser macht. Diese Folge war absehbar. Doch der Abschied von der Menschlichkeit gegenüber Migranten ist inzwischen der Preis für den Zusammenhalt der Europäischen Union.

erschienen in Ausgabe 12 / 2017: Internet: Smarte neue Welt

Neuen Kommentar schreiben