Flüchtlinge in der Türkei
Syrische Flüchtlinge in Istanbul im August 2016. Für die meisten ist es schwer, hier ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Flüchtlinge in der Türkei

„Meine Ehe war wie Sklaverei“

Rund dreieinhalb Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben in der Türkei; die meisten müssen sich ohne Hilfszahlungen durchschlagen. Manche Männer verkaufen sich deshalb selbst als Gatten an reiche Frauen.

Zwei Jahre lang lebte Alaa in Istanbul in einer Kellerwohnung mit seiner Mutter und seiner Schwester. Er sorgte allein für beide und erzählt, dass er jeden Tag zwölf Stunden als Kellner arbeiten musste, um genug für die Miete und die laufenden Kosten zu verdienen. Der 33-jährige Syrer hatte vor rund vier Jahren aus Damaskus fliehen müssen und lebt seitdem als Flüchtling in der Türkei.

Alaa sagt, dass er nicht genug verdiente, um einen Schleuser zu bezahlen, der seine Familie nach Europa bringen könnte. Deshalb suchte er einen anderen Weg, an das nötige Geld zu kommen: Er verkaufte sich selbst in eine Ehe mit einer älteren Frau aus Kuwait. „Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages gezwungen wäre, meinen Körper einer Frau zu verkaufen, die ich nicht liebe – einer Frau, die ich nicht anziehend finde. Aber ich hatte keine Wahl“, sagt Alaa.

Dass Syrerinnen in der Türkei in Ehen verkauft wurden, ist belegt. Doch man weiß kaum etwas über syrische Männer, die sich selbst als Ehemann verkaufen. Internationale Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen haben noch keine Berichte darüber publiziert, dass ihnen solche Fälle in ihrer Arbeit in der Türkei begegnet sind. Syria Deeply hat mit zwei Betroffenen gesprochen, die sagen, dass sie von „vielen“ solcher Fälle wissen. Ohne verlässliche Daten bleibt unklar, welches Ausmaß der Trend zu solchen Heiraten hat. Aber die Geschichten dieser beiden Männer werfen ein Schlaglicht darauf, welche extremen Schritte syrische Flüchtlinge unternehmen, um die Folgen eines Krieges zu überstehen, in dem seit 2011 mehr als fünf Millionen Menschen vertrieben worden sind.

Alaa erzählt, dass er seine 45-jährige künftige Braut das erste Mal während seiner Arbeit in einem Restaurant in Istanbuls beliebtem Distrikt Sultanahmet getroffen hat. Die Frau und ihre Familie waren dort Stammkunden. „Eines Abends luden sie mich ein, nach meiner Arbeit zusammen mit ihnen zu essen. Ich dachte, sie wären einfach freundliche Leute“, sagt er. „Als sie dann vorschlugen, dass ich für Geld ihre Tochter heiraten sollte, bekam ich einen hysterischen Lachanfall.“

Nach diesem ersten Angebot mied die Familie drei Tage lang das Restaurant. Als sie erneut kam, hatte Alaa sich entschieden. Man einigte sich, dass die kuwaitische Familie ihm 10.000 US-Dollar zahlen sollte; damit konnte er die Kosten decken, um seine eigene Familie nach Europa schleusen zu lassen. Die Familie der Braut stimmte außerdem zu, Alaa zusätzlich 500 Dollar jeden Monat zu zahlen, mit denen er seiner Mutter und seiner Schwester die Miete zahlen würde. Sie stellte nur eine Bedingung, sagt Alaa: Die vollen 10.000 Dollar sollte er dann erst im zweiten Jahr der Ehe erhalten, um seine „Loyalität“ zu seiner Frau zu sichern.

Alaas Frau ging es mit der Ehe vor allem Sex

Warum hat die Braut sich wohl für diese Art Ehe entschieden? Alaa ist der Meinung, dass sie keine Chance hatte, einen Mann aus einem Golfstaat zu heiraten – zum Teil wegen ihres Alters. Außerdem, sagt er, ging es seiner Frau mit der Ehe „vor allem um Sex“. Und in der konservativen Kultur der Golfregion ist Sex außerhalb der Ehe verboten.

Nach einer kleinen und unauffälligen Zeremonie zogen die frisch Verheirateten in ein „luxuriöses“ Wohnanwesen in Istanbul, sagt Alaa. Hier wohnte er zum ersten Mal seit Jahren in einer Wohnung, die von Sonnenlicht erhellt wurde. „In dem neuen Haus war ich glücklich. Doch leider behandelte meine Frau mich wie etwas, das sie gekauft hatte“, erzählt Alaa. „Meine Ehe war mehr wie Sklaverei.“

Schlimmer noch, sagt Alaa: Die Familie seiner Frau hielt ihren Teil der Abmachung nicht ein. Mehr als ein Jahr nach der Hochzeit hielt sie jedes Mal, wenn er um Geld bat, die Zahlungen auf oder verschob sie. Am Ende verließ er das Haus und drohte, erst zurück zu kommen, wenn er vollständig bezahlt würde.

Statt der Forderung nachzugeben, reichte seine Frau die Scheidung ein und weigerte sich, die zuvor vereinbarte Summe zu zahlen. „Ich erniedrigte mich über mehr als ein Jahr und machte damit am Ende keinerlei Geld“, sagt Alaa. „Ich fand dann sogar heraus, dass meine Exfrau kurz nach unserer Scheidung einen anderen Syrer heiratete.“

Während Alaa von der Familie seiner Braut direkt angesprochen wurde, gehen andere Syrer den Weg über Vermittler, die sie mit heiratswilligen Frauen zusammenbringen. Solche dritten Parteien haben auch Heiraten von syrischen Frauen mit Türken oder mit heiratswilligen Männern aus Golfstaaten arrangiert.

Sie erhält 1000 US-Dollar für jede vermittelte Ehe

Der 30-jährige Ahmad lebt als syrischer Flüchtling in Istanbul, seit er vor zweieinhalb Jahren Damaskus verlassen musste. Er berichtet, dass seine Nachbarin, Umm Mohammad, auf ihn zugekommen sei und ihm angeboten habe, eine „reiche“ Frau vom Golf für ihn zu finden.

Laut Ahmad ist Umm Mohammad eine Frau aus Syrien, die für jede von ihr vermittelte Ehe eine Kommission von ungefähr 1000 US-Dollar erhält. Sie sei auch dafür bekannt, für eine niedrigere Gebühr von 400 Dollar syrische Paare zusammenzubringen. „Sie ist wie die Bürgermeisterin der Syrer in unserem Distrikt“, sagt Ahmad.

Er erzählt, dass er ihr Angebot zunächst abgelehnt hat. Aber als sich am Ende seine Finanzlage verschlechterte, weil er keinen Job finden konnte, nahm er Umm Mohammads Offerte an, ihn mit einer Frau aus Saudi-Arabien zusammenzubringen. Von seiner Heirat mit der 37-jährigen Frau habe er seiner eigenen Familie nie etwas erzählt. „Ich wusste, dass ich nicht anständig behandelt werden würde, weil ich arm bin“, sagt er. „Aber ich beschloss, das anzusehen wie einen Job.“

Vereinbart wurde, dass die Familie der Braut seine Lebenshaltungskosten übernehmen und ihm dazu monatlich 700 US-Dollar zahlen würde, von denen er die Hälfte seiner Familie in Syrien schicken wollte. Doch im Gegenzug, sagt Ahmad, wurde er zum Gefangenen. „Meine Frau erlaubte mir überhaupt nicht, das Haus zu verlassen, und drohte, mich hinauszuwerfen, wenn ich es doch tun sollte. Ich war ein Gefangener. Mir war auch nicht erlaubt, einen Job anzunehmen oder auch nur Freunde anzurufen. Mein Leben drehte sich darum, ihr und allein ihr zu Diensten zu sein.“
Ahmad hat einen Sohn gezeugt und darf ihn nicht einmal sehen

Nach einem Jahr der Ehe wurde seine Frau schwanger, erzählt Ahmad. Diese Neuigkeit habe ihn „überschwänglich“ glücklich gemacht und im Entschluss bestärkt, bei seiner Frau zu bleiben, obwohl er so roh behandelt worden sei. „Meine Eltern sind geschieden und ich wollte nicht, dass mein Kind so wie ich in einer zerbrochenen Familie aufwächst“, sagt er.

Doch einen Monat vor dem Geburtstermin reiste Ahmads Frau nach Europa, um dort in einem Krankenhaus zu gebären. Ahmad sagt, sie habe gehofft, für das Kind die Staatsangehörigkeit eines europäischen Landes zu bekommen; die Saudi-Arabiens konnte das Kind nicht erhalten, weil das Königreich es Frauen, die Ausländer heiraten, per Gesetz sehr schwer macht, ihre Staatsangehörigkeit an die Kinder weiterzugeben.

„Meine Frau gebar einen Sohn. Wir nannten ihn Ahmad“, erzählt Ahmad. „Kurz danach rief sie mich an und erklärte mir, dass sie die Scheidung einreichen würde und dass sie mich nur aus dem Grund geheiratet hatte, um schwanger zu werden.“

Seitdem, sagt Ahmad, hat er weder von seiner Frau noch von dem Kind je wieder etwas gehört. „Ich kenne eine Menge Syrer, die auf dieselbe Art wie ich geheiratet haben. Aber ich denke, ich habe ein noch härteres Los. Niemand anderer, den ich kenne, ist so wie ich daran gehindert worden, sein eigenes Kind zu sehen.“

Ahmad Zaazaa ist syrischer freier Journalist und schreibt regelmäßige für Syria Deeply. Auf dieser Plattform für tiefgehende Berichte und Analysen ist das englische Original des Textes erschienen.

Die Namen der Protagonisten sind geändert.

Aus dem Englischen von Bernd Ludermann.

erschienen in Ausgabe 4 / 2018: Globale Politik von unten

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