Herausgeberkolumne
Herausgeberkolumne

Bildung für alle

Neun von zehn behinderten Kindern in Entwicklungsländern gehen nicht zur Schule. Das ist nicht nur moralisch falsch, es ist auch unwirtschaftlich.

Dr. Rainer Brockhaus ist Vorstand der Christoffel-Blindenmission Deutschland
Von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte über die UN-Behindertenrechtskonvention bis hin zur Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung: Internationale Rahmenwerke lassen es nicht an Willensbekundungen und Selbstverpflichtungen fehlen, das Recht auf Bildung für alle umzusetzen. Doch die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Laut UNESCO besuchen derzeit 263 Millionen Kinder und Jugendliche weltweit keine Schule. Besonders betroffen sind, wie so häufig, die Ärmsten der Armen, vor allem Kinder mit Behinderungen in Entwicklungsländern: Neun von zehn von ihnen können nicht zur Schule gehen.

Die Folgen sind gravierend. Und zwar nicht nur für jedes einzelne betroffene Kind, dem ein Leben in Armut und Abhängigkeit droht. Die gesamte Gesellschaft leidet, wenn es an Bildungschancen mangelt und Berufsperspektiven fehlen.

Was macht Deutschland, um das zu ändern?

Auf jeden Fall zu wenig. Bei der Finanzierungskonferenz der Globalen Bildungspartnerschaft Anfang dieses Jahres in Dakar hat sich die Bundesregierung sehr zurückhaltend gezeigt. So entsandte sie dorthin lediglich den deutschen Botschafter im Senegal, während ansonsten einige Staatschefs und viele Minister vertreten waren, und machte auch keine Zusagen für die weltweite Bildungsförderung, die über bisher Vereinbartes hinausgehen. Die Bildungsstrategie des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung weist erhebliche Mängel auf, denn sie zielt fast nur auf die Förderung der beruflichen Bildung. Diese spielt unbestritten eine wichtige Rolle, um mehr Menschen Zugang zu einer dauerhaften Erwerbstätigkeit zu verschaffen. Aber die besten Ausbildungsangebote helfen jungen Menschen nicht, wenn sie nie eine Schule besucht haben und ihnen dadurch die wichtigsten Schlüsselqualifikationen fehlen.

Für eine nachhaltige Wirkung müssten die entsprechenden Staaten, aber auch die deutsche staatliche Entwicklungszusammenarbeit zunächst eine flächendeckende Grundbildung sichern. Das passiert aber nicht, und erst recht nicht für Kinder mit Behinderungen. Gerade in Entwicklungsländern fehlt es an barrierefreien Schulgebäuden, an Büchern in Braille-Schrift sowie an Lehrkräften, die für den Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern ausgebildet sind. Dabei sollte genau das selbstverständlich sein, denn das Menschenrecht auf Bildung gilt für alle.

Inklusive Bildung ist möglich, und zwar überall auf der Welt

Wie so etwas funktionieren kann, zeigt das Beispiel der seit 1990 von der CBM geförderten German Church School in Äthiopien. Die von der deutschsprachigen evangelischen Kirchengemeinde betriebene allgemeinbildende Schule unterrichtet Kinder von der Klassenstufe eins bis acht nach dem äthiopischen Lehrplan. Sie liegt mitten in einem Armenviertel in der Hauptstadt Addis Abeba und unterrichtet vor allem Kinder aus ärmeren Familien. Das Besondere: Von den insgesamt 410 Schülerinnen und Schülern sind 56 Kinder blind oder stark sehbehindert, acht Kinder haben andere Behinderungen. Sie besuchen den Unterricht gemeinsam mit Kindern ohne Behinderungen.

Am Anfang eines jeden Schuljahres bilden jeweils ein blindes und ein sehendes Kind ein Team. Das dient sowohl der praktischen Hilfe im Alltag als auch dem Abbau von Vorurteilen und wirkt nicht nur in der Schule, sondern bis in die Familien der Kinder. Für die blinden und sehbehinderten Kinder gibt es außerdem Spezialkurse in Computernutzung und -kommunikation. Der Erfolg gibt dem Schulkonzept recht: Viele der sehbehinderten Absolventinnen und Absolventen schaffen später den Sprung an die Universität.

Die German Church School zeigt: Inklusive Bildung ist möglich, und zwar überall auf der Welt. Was wir brauchen, sind der Wille und ein verbindliches Bekenntnis zur Inklusion in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Gleichzeitig müssen die Mittel für die globale Bildungsförderung deutlich aufgestockt werden, insbesondere im Bereich der Grundbildung. Nur so geben wir Kindern mit Behinderungen die Chance auf Bildung und damit auf ein eigenständiges Leben ohne Armut.

erschienen in Ausgabe 6 / 2018: Neu ist Kult

Neuen Kommentar schreiben