Unmut an der Basis

Seit der Chef von Nestlé Schweiz im Juni 2008 in den Stiftungsrat des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS) gewählt wurde, reißen die Diskussionen darüber nicht ab. Vertreter der kirchlichen Basis sehen Interessenkonflikte zwischen der Arbeit des Hilfswerks und den Geschäften des Nahrungsmittelkonzerns. Sie wollen deshalb eine Grundsatzdebatte über die Arbeit des HEKS in Gang bringen.

Seit dem Milchpulver-Skandal in den 1970er Jahren, als Nestlé wegen seiner aggressiven Vermarktung von Säuglingsnahrung in Entwicklungsländern in der Kritik stand, haben nichtstaatliche Organisationen und Hilfswerke immer wieder die Geschäftspraktiken des Konzerns angeprangert. Dass nun ein Nestlé-Spitzenmanager ausgerechnet im Stiftungsrat des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen der Schweiz sitzt, sorgt deshalb für Irritationen. Viele sehen unvereinbare Interessen: Nestlé ist zum Beispiel im Wassergeschäft tätig, das HEKS hingegen engagiert sich seit geraumer Zeit gegen die Privatisierung von Wasser.

Das Konfliktpotenzial zeigt sich am Fall des brasilianischen Aktivisten Franklin Frederick, der sich mit Unterstützung der Schweizer Kirchen gegen die Privatisierung von Wasser einsetzt. Vor kurzem war bekannt geworden, dass Frederick von der Bespitzelung der Organisation Attac durch Nestlé betroffen war: Der Konzern hatte eine Westschweizer Attac-Gruppe infiltriert und dadurch Kenntnis vom Inhalt seiner E-mails erhalten (siehe welt-sichten 8/2008, S. 54). Frederick fordert die Kirchen und Hilfswerke auf, in der Kontroverse um den Nestlé-Mann klar Stellung zu beziehen. Ansonsten seien ihre Voten gegen die Privatisierung von Wasser bloße Lippenbekenntnisse.

An der kirchlichen Basis rumort es entsprechend: In Leserbriefen und Rundschreiben fordern Gemeindemitglieder Decorvets Rücktritt. Der Nestlé-Manager setzt sich zur Wehr – und heizt die Stimmung damit zusätzlich an. In einem Interview sagte er, Nestlé sei „die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt“. Die Kritiker bezeichnete er als „eine kleine Gruppe von Kirchenleuten, die politisch extrem links sind und viel Lärm machen“. Eine Teilnehmerin in einer Debatte des Kirchenparlaments der Kantone Bern, Jura und Solothurn reagierte darauf mit den Worten: „Wir werden so lange Lärm machen, bis wir gehört werden.“ Manche Synodale drohten unverhohlen damit, das Hilfswerk nicht mehr für Spenden zu empfehlen. Der Synodalrat (Exekutive) hielt fest, Nestlé sei ein gewinnorientiertes Unternehmen und verfolge somit nicht dieselben Ziele wie eine Entwicklungsorganisation. Das HEKS erklärte unterdessen auf Anfrage, es verzeichne bislang keinen Spendenrückgang als Folge der Debatte.

Das Hilfswerk versucht, die Gemüter zu beschwichtigen. Es betrachte einen multinationalen Konzern nicht als Entwicklungsorganisation, liess es in einem Brief an Kirchenvertreter verlauten. Decorvet bedaure, dass er die Kritiker als Linksextreme bezeichnet habe. Die Bespitzelung von Aktivisten verurteile er. Im übrigen habe der Nestlé-Manager bekräftigt, dass er sich als Privatperson bei HEKS engagiere.

In der Kontroverse geht es jedoch um mehr als die Person Roland Decorvets. Die Kritiker sehen seine Wahl als Zeichen für die „schleichende Entpolitisierung“ der Entwicklungszusammenarbeit (siehe welt-sichten 8/2008, S. 6). Ende Januar hat die Kommission für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit (OeME) der Stadt Bern, die sich aus Vertretern und Vertreterinnen sämtlicher Kirchgemeinden der Stadt zusammensetzt, eine Petition „für ein politisch engagiertes HEKS“ lanciert, um eine Grundsatzdebatte in Gang zu bringen.

Das HEKS betont derweil sein politisches Engagement. Entwicklungszusammenarbeit könne nur effizient und nachhaltig sein, wenn benachteiligte Menschen in ihrem Kampf für Rechte unterstützt würden. „Daran ändert sich mit dem Einsitz von Roland Decorvet im Stiftungsrat absolut nichts“, heißt es in dem HEKS-Brief. Charlotte Walser, InfoSüd

erschienen in Ausgabe 2 / 2009: Migration: Zum Schuften in die Fremde