Meilenstein auf dem Weg zum sauberen Strom

Neunzehn Jahre Vorbereitungszeit hatte es gebraucht, Ende Januar war es so weit: In Bonn wurde die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) aus der Taufe gehoben. Vertreter aus rund 120 Staaten hatten an der Gründungskonferenz teilgenommen. 75 Staaten traten ihr sogleich bei.

Einen „Meilenstein" für eine zukunftsfähige Energieversorgung und ein „starkes Zeichen" für die Bereitschaft der Staatengemeinschaft, auch den ärmsten Ländern Zugang zu sauberer Energie zu ermöglichen, nannte emphatisch Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul den Gründungsakt. Die Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien (Eurosolar) sprach von einem „institutionellen Gegengewicht" zur Internationalen Atomenergieagentur (IAEA). Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hob den Nutzen der erneuerbaren Energien für die deutsche Industrie und den deutschen Arbeitsmarkt hervor - neben dem Nutzen für Umwelt und Klima.

Hauptaufgabe der neuen Organisation ist es, die Nutzung der erneuerbaren Energien weltweit zu beschleunigen und zu koordinieren. Und als wenige Tage später mit Indien auch eines der großen Schwellenländer beigetreten war, sah Eurosolar-Präsident Hermann Scheer, der Initiator von IRENA, nicht nur das Ende des fossilen wie des atomaren Energiezeitalters heraufziehen, sondern auch die Versorgung der gesamten Menschheit mit erneuerbaren Energien näher rücken. Schließlich lebten in den IRENA-Unterstützerstaaten schon heute 2,7 Milliarden Menschen, weit mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung, rechnete Scheer vor.

Freilich sieht es derzeit so aus, als stehe gerade die Atomenergie angesichts knapper werdender fossiler Ressourcen und wachsender Sorge ums Weltklima vor einer Renaissance. Und in Afrika hängt nach Zahlen der Internationalen Energie-Agentur (IAE) die Stromerzeugung weiterhin ganz überwiegend von den fossilen Energieträgern Kohle, Öl und Gas ab. Lediglich Wasserkraft spielt - zumeist über große Staudämme - eine größere Rolle (17 Prozent).

Allerdings trägt Afrika gerade einmal drei Prozent zu den globalen CO2-Emissionen aus dem Energiesektor bei. Umso größer sind deshalb die Chancen, den auch in dieser Weltregion stark steigenden Energiebedarf mit erneuerbaren Energien zu decken, zumal es an Sonne nicht fehlt. Zu diesem Ergebnis kam zumindest mehr als ein halbes Dutzend Experten aus Wissenschaft, Entwicklungszusammenarbeit und Solarwirtschaft, die der Entwicklungsausschuss des Bundestags (AWZ) pünktlich zur IRENA-Gründung zur Anhörung geladen hatte. Ob diese Chancen auch genutzt würden, sei weniger eine Frage der technischen Machbarkeit und des Geldes als „eine Frage des politischen Willens und der Motivation", meinte Dieter Holm von der International Solar Energy Society. Gerade jetzt in der Krise gelte es, „völlig neue Energiepfade zu beschreiten", forderte Bruno Wenn von der KfW Entwicklungsbank. Zu denken sei vor allem an dezentrale Systeme - zuvorderst mittels Solarenergie.

Vertreter der Atomindustrie, der Internationalen Energie-Agentur oder der Weltbank, die stark den herkömmlichen Energieträgern oder Großprojekten das Wort reden, waren zu der Anhörung nicht geladen. Es blieb dabei, ihre Lobbyübermacht zu beklagen. Genau damit wird sich künftig auch IRENA auseinandersetzen müssen, wenn die Vision einer schönen neuen Energiewelt, wie sie dem SPD-Politiker und Träger des Alternativen Nobelpreises Hermann Scheer vorschwebt, wahr werden soll.

Johannes Schradi

 

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2009: Südafrika: Neue Freiheit, alte Armut

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