Alleinerziehende Frauen ausdrücklich erwünscht

Von Knut Henkel

Mütter sind als Mitarbeitende bei der kolumbianischen Restaurantkette Crepes & Waffles ausdrücklich erwünscht. Das kolumbianische Unternehmen bekennt sich zur sozialen Verantwortung gegenüber dem Personal und profitiert von dieser Haltung. Zuverlässigkeit und eine hohe Identifikation der Angestellten mit ihrem Arbeitgeber haben die Restaurantkette über die Landesgrenzen hinaus wachsen lassen.

Lachend dirigiert Beatriz Fernández ihre Angestellten auf der mächtigen Stahlbrücke, die die Produktions- und Verwaltungstrakte von Crepes & Waffles verbindet. Hier lässt die agile Chefin der Restaurantkette gern die Mitarbeitenden für das „Familienfoto" zusammenkommen. Kolumbiens derzeit erfolgreichste Restaurantkette versteht sich als große Familie; allein in Kolumbien arbeiten derzeit rund 3000 Menschen für das Unternehmen, und es werden immer mehr. Crepes & Waffles wächst entgegen dem Trend, weil Fernández und ihr Ehemann Eduardo Macía denen eine Chance geben, die sonst nur selten eine bekommen: alleinerziehenden Müttern.

„Oh nein, hier gibt es auch Männer", scherzt Fernández und schiebt wie zum Beweis einen Mitarbeiter in den Vordergrund. Männer sind in der Minderheit in der Firmenzentrale im Nordosten Bogotás. Von hier, aus dem Stadtteil Toberín, werden die Restaurants der Kette versorgt, die über das riesige Stadtgebiet der kolumbianischen Hauptstadt verstreut sind. Deutlich über 90 Prozent der Angestellten sind Frauen, viele davon alleinerziehende Mütter.

Auf dem Arbeitsmarkt in Bogotá haben die oft schlechte Karten. Bei Crepes & Waffles werden sie hingegen mit Kusshand genommen, und das hat seinen Grund. „Wir setzen auf das Verantwortungsgefühl und das Engagement der Frauen, und damit haben wir Erfolg", erklärt Fernández. Sie gibt sich als gute Seele des Unternehmens, während ihr Mann für die wirtschaftliche Seite verantwortlich ist. „Wir ergänzen uns perfekt, sind wie die Flügel eines Schmetterlings", sagt die studierte Betriebswirtschaftlerin mit gespielter Ironie und deutet auf den neuesten Preis in Form eines Schmetterlings. Den hat sie gemeinsam mit ihrem Mann als Unternehmerin des Jahres von einer renommierten Universität in Bogotá erhalten.

Das Unternehmen ist aus einer kleinen Crêpes-Bude hervorgegangen. Eduardo, damals noch ein Freund und Kommilitone von Beatriz an der Hochschule für Verwaltung, hat die Firmenidee von einer Reise in die Schweiz mitgebracht. „Crêpes und Waffeln waren bis dahin in Kolumbien unbekannt und wir entschieden uns, es mit einem vollkommen neuen gastronomischen Konzept zu versuchen", schildert die aus einer Mittelschichtfamilie stammende Fernández die Idee. Die kam immer besser an, als die recht handfesten Crêpes der ersten Stunde leichteren und geschmackvolleren Varianten wichen und das Angebot in der kleinen Crêperie in der 85. Straße Bogotás kontinuierlich erweitert wurde.

Dort standen Fernández und Eduardo zunächst noch selbst hinter dem Tresen. Doch mit der Eröffnung von Filialen wurden immer mehr Koordination und eine Firmenphilosophie notwendig. Für letztere ist Fernández verantwortlich. Von ihr stammt die Parole „Frieden, Liebe, Harmonie und Fröhlichkeit", nach der bei Crepes & Waffles gearbeitet wird. Das Unternehmen bietet den Mitarbeitenden Leistungen, die in Kolumbien unüblich sind und für eine hohe Identifikation mit der Firma sorgen.

Der Betrieb zahlt zum Beispiel nach der Spätschicht die Taxifahrt nach Hause. Auch an die Zukunft der Angestellten wird gedacht. „Wir helfen unseren Mitarbeitenden mit zinslosen Krediten, wenn sie sich eine Wohnung kaufen oder bauen wollen", sagt die Chefin. Die Idee gehe auf ihren Vater zurück. Der wisse nur zu gut, wie schwer es sei, in Kolumbien einen bezahlbaren Kredit zu bekommen: „Als wir Crepes & Waffles gründeten, war mein Vater gerade pleite und niemand wollte ihm einen Kredit geben. Das ist bei unseren Mitarbeitenden nicht anders, denn sie haben schlicht keine Sicherheiten für einen Kredit", erklärt die Frau, die ihren Angestellten eine sichere Existenz ermöglichen will.

Diese Unterstützung ist ungewöhnlich in Kolumbien, wo es sich die meisten Menschen nicht leisten können, in die Zukunft zu investieren. Für kleine Angestellte aus einfachen Verhältnissen gilt dies besonders, denn weder können sie sich Zinssätze von 14 Prozent und mehr leisten noch sind sie in der Lage, mit den Banken um Kreditbedingungen zu feilschen. Das übernimmt Crepes & Waffles für sie, denn das Unternehmen handelt Sonderkonditionen im Paket für die Angestellten aus, damit der Traum vom Eigenheim wahr werden kann. „Möglich ist das ohnehin nur, weil die Restaurantkette ihre Mitarbeiterinnen anständig entlohnt", sagt Olga Cifuentes von der Sozialorganisation Codhes, die im armen Süden der riesigen Hauptstadt mehrere Frauenprojekte auf den Weg gebracht hat und große Stücke auf das Unternehmen hält. „Fairness wird in der kolumbianischen Arbeitswelt nicht gerade groß geschrieben, deshalb sind Beispiele wie Crepes & Waffles so wichtig", betont die 52-jährige Soziologin.

Das Erfolgsrezept des Unternehmens basiert jedoch nicht auf der sozialen Verantwortung, sondern auf Qualität und einem guten Verhältnis von Preis und Leistung. „Kunst mit Liebe und Fröhlichkeit zu vernünftigen Preise servieren", lautet das Motto von Crepes & Waffles. Bei Kunden wie Jaime Barrientos kommt das gut an. „Mir gefallen die Gerichte, denn sie unterscheiden sich deutlich von der schwereren kolumbianischen Küche", erklärt der Universitätsprofessor. Er schätzt das freundliche Ambiente der modern eingerichteten Restaurants und den sozialen Unternehmensansatz.

Dazu gehören auch die Weiterbildung für die Angestellten und Angebote für ihre Kinder. Fernández, die selbst Mutter von drei Kindern ist, hat das anfangs noch selbst in die Hand genommen und den Mitarbeiterinnen in der ersten Filiale Tischmanieren beigebracht. Heute träumt sie von einer betriebsinternen Universität. Ihr Ehemann sorgt mit kluger Expansionspolitik für das nötige Kapital. Längst hat die Restaurantkette in den Nachbarländern Peru, Ecuador und Venezuela Filialen eröffnet. Auch der Sprung über den großen Teich ist geglückt. In Spanien hat Crepes & Waffles bereits Fuß gefasst. Der europäische Markt gilt als Zukunftsoption für das Unternehmen, das weltweit 4000 Menschen beschäftigt.

Bei aller sozialen Verantwortung gelten allerdings auch bei Crepes & Waffles klare Regeln. Jeder Griff in die Kasse und jeder Diebstahl von Lebensmitteln wird mit einer fristlosen Kündigung geahndet. Eine zweite Chance gibt es nicht. „Auch unsere soziale Verantwortung hat ihre Grenzen", sagt Beatriz Fernández und eilt auf die Brücke zum Familienfoto.

Knut Henkel ist freier Journalist in Hamburg.

 

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2009: Alte Menschen: Zu wenig geachtet