Wiedergutmachung
Gedenkgottesdienst in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin.
Wiedergutmachung

Gerangel um Plätze auf der Kirchenbank

Es war die bisher würdigste Übergabe von Gebeinen der Opfer des Genozids an den Herero und Nama. Doch ausgerechnet diejenigen, die sich seit Jahren für die Rückgabe einsetzen, waren beim Gedenkgottesdienst gestern in Berlin nicht dabei. Die namibische Botschaft hatte sie ausgeladen.

Eigentlich hätte der Gedenkgottesdienst zur feierlichen Übergabe der sterblichen Überreste für alle offen sein sollen. Für die Organisation der Feier im Französischen Dom hatten sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der Namibische Kirchenrat zusammengetan. Ende Juli hieß es auch noch, dass jeder dazukommen könne, der wolle – auch ohne Voranmeldung. Bei einem Treffen des Aktionsbündnisses „Völkermord verjährt nicht!“ mit dem namibischen Botschafter Andreas Guibeb in Berlin Anfang August, zeichnete sich allerdings ab, dass es ohne Teilnehmerlisten und vorherige Anmeldungen nicht gehen würde. Das Bündnis, in dem verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen aus Deutschland zusammengeschlossen sind, hätte gerne 80 bis 100 Leute angemeldet. Für die Botschaft war das zu viel. Aus Platzgründen wollte sie die Zahl gerne auf 25 limitieren.

Als die Botschaft dann auch noch – vom Bündnis selbst – erfuhr, dass eine kritische Mahnwache vor der Kirche abgehalten werden würde, schloss Andreas Guibeb alle Bündnismitglieder kurzerhand aus. Der Geist, in dem die Veranstaltung abgehalten werden solle, sei nicht vereinbar mit der Mahnwache, die die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Event ablenken würde, schreibt der Botschafter in einer E-Mail am 10. August. „Deswegen bedauere ich, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir nicht länger Einladungen für Mitglieder Ihrer Gruppe vorhalten werden. So können Sie dann zusammen mit den anderen aus Ihrer Gruppe gegen die Wünsche der Regierung und des Volkes Namibias demonstrieren.“ Mit der Mahnwache wollte das Aktionsbündnis die Bundesregierung auffordern, die Schuld für den Genozid an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 offiziell anzuerkennen und in Verhandlungen zur Wiedergutmachung einzutreten.

Die Bundesregierung entziehe sich ihrer Verantwortung

Auf die Frage, warum die namibische Botschaft Menschen von der Teilnahme an einem von der EKD organisierten Gottesdienst ausschließen könne, antwortete eine EKD-Sprecherin, die Türen der Kirchen stünden natürlich allen offen. Die Bündnismitglieder hätten sich aber selbst dafür entschieden, vor der Kirche stehen zu bleiben und zu demonstrieren. In einer gemeinsamen Presseerklärung hatten zuvor der Mainzer Arbeitskreis für das Südliche Afrika (MAKSA) und die Solidarische Kirche im Rheinland (SoKi) die EKD kritisiert, sie mache es der Bundesregierung mit der Ausrichtung eines feierlichen Gottesdienstes zu einfach: Die Kirche ermögliche es der Regierung auf diese Weise, sich ihrer politischen Verantwortung zu entziehen. Die notwendige Aufarbeitung des Genozids in Deutschland, vor allem aber in der EKD, hat nach Auffassung des MAKSA und der SoKi noch kaum begonnen.

Unterdessen forderte die EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber während des Gottesdienstes eine Anerkennung des „ersten Genozids des 20. Jahrhunderts“ in den früheren deutschen Kolonialgebieten. Das durch die deutsche Kolonialherrschaft begründete und danach fortwirkende Unrecht müsse überwunden werden, sagte Bosse-Huber. Die Bischöfin bekräftigte zudem das Schuldbekenntnis der Kirche. „Zwar haben nach allem, was wir wissen, Geistliche nicht selbst direkt zu Massentötungen aufgerufen. Aber ihr tief sitzender Rassismus vergiftete ihr Reden und ihr Handeln; er war gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität; verfälschte ihr theologisches Urteilsvermögen, ihr Denken und ihr praktisches Tun“, sagte Bosse-Huber.

Am 29. August wurden die sterblichen Überreste von 25 Opfern des Kolonialregimes im ehemaligen „Deutsch-Südwestafrika“ an eine große Delegation aus Namibia übergeben. Die Schädel und eine Kopfhaut stammen aus rasseanthropologischen Sammlungen in Berlin, Hannover, Witzenhausen, Hamburg, Greifswald und Jena. Es ist das dritte Mal, dass es zu einer solchen Übergabe gekommen ist. Zum ersten Mal gab es zu diesem Anlass einen Gottesdienst und eine feierliche Übergabe, bei der auch Vertreter des deutschen Bundestages und der Bundesregierung anwesend waren.

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