Als erste auf die Straße gesetzt

Von Kristin Kupfer

Rund ein Zehntel der 225 Millionen Wanderarbeiter in China haben laut offiziellen Angaben infolge der weltweiten Wirtschaftskrise ihren Job verloren. Und die Aussichten sind düster: Hunderttausende kleine und mittelständische Betriebe haben Bankrott angemeldet, viele Fabriken planen Entlassungen oder wollen zumindest keine neuen Arbeiter einstellen. Peking fürchtet soziale Unruhen und hat ein milliardenschweres Konjunkturprogramm verabschiedet.

Kopfschüttelnd schaut Wang Chunqiao auf seine beiden Kollegen - Wanderarbeiter wie er -, die im Schatten von Bäumen in ihrem Wohnviertel Dachong in Chinas südlicher Metropole Shenzhen hocken. „Wollt ihr jetzt einfach alles mit euch machen lassen und aufgeben?", fragt der 26-jährige. Die beiden jungen Männer schauen zu Boden.

Im vergangenen Sommer streikten die drei noch mit ihren 200 Kollegen gegen ihren alten Arbeitsgeber, die Firma JingKe Optoelectronics Technology, weil die jahrelang keine Löhne ausbezahlt hatte. Sie flogen raus, beschwerten sich und klagten. Seitdem hangeln sie sich von Job zu Job. Nach einem längeren Heimaturlaub zum chinesischen Neujahrsfest sind sie vor fünf Tagen aus ihren eine Tagesreise entfernten Dörfern zurückgekehrt. Sie wollen nun endlich wieder eine feste Arbeit.

Shenzhen und die umliegende Provinz Guangdong waren lange Jahre eines der ökonomischen Aushängeschilder Chinas. Die Fabriken dort produzierten 2008 fast 80 Prozent der landesweiten Ausfuhren. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise sind aber im vergangenen Jahr Absatzmärkte und Aufträge weggebrochen. In ganz China haben 670.000 kleinere und mittelständische Unternehmen Bankrott angemeldet. Allein in der Provinz Guangdong sind nach Angaben der Provinzbehörden mehr als ein Viertel der Betriebe pleite.Von den verbliebenen will ein Fünftel weitere Arbeiter entlassen und knapp die Hälfte keine neuen einstellen.

Für Chinas rund 225 Millionen Wanderarbeiter brechen schwere Zeiten an. Nach offiziellen Angaben haben rund 23 Millionen infolge der Krise ihren Job verloren. Davon ist knapp die Hälfte noch in ihren Heimatdörfern, die andere sucht in den Großstädten nach einer Stelle. Wanderarbeiter haben meist den Status von Gastarbeitern mit nur rudimentärer sozialer Absicherung. Mit einem Teil ihres Gehalts versorgen sie die Verwandten auf dem Land, deshalb leben sie meist am Existenzminimum. Die Krise trifft sie besonders hart.

Im Stadtviertel Dachong schlurfen Gruppen von meist jungen Männern durch die engen Straßen. Dicht an dicht stehen leicht verfallene Imbissstuben, Tante-Emma-Läden und kleine Boutiquen. Auch im Februar ist es rund 22 Grad warm, die Luft steht. Rückkehrende Wanderarbeiter mieten sich oft tageweise in Hinterhaus-Schlafsälen für umgerechnet einen Euro ein. Die hygienischen Bedingungen sind schlecht und die Stimmung aufgrund der tristen Lage auf dem Arbeitsmarkt gereizt. Wang Chunqiao und seine Kollegen Xiao Zhou und Xiao Liang haben noch Glück: Sie sind vorerst bei Freunden untergekommen. Die wohnen in winzigen Zimmern mit einer Matratze, einem Tisch und einer Toilette für die ganze Häuserzeile.

Die drei jungen Männer sind frustriert. „Für jemanden wie mich gibt es nur Stellen mit Hungerlöhnen", sagt Xiao Liang, „ich habe einen Mittelschulabschluss und keine technischen Fertigkeiten." Die Eltern des 23-Jährigen machen Druck: Er muss bei der Abzahlung von Familienschulden helfen. Auch soll er bald heiraten. Daher braucht er schnell einen guten Job. Xiao Liang hat umgerechnet noch 5 Euro in der Tasche, deshalb überlegt er zu einem Vetter in die Nachbarstadt Guangzhou zu fahren. Vielleicht kann der ihm etwas vermitteln, meint er. Wang Chunqiao schaut ihn eindringlich an. „Halt noch eine Weile durch hier", sagt der drahtige junge Mann, „wir brauchen dich hier, um unsere Interessen gegen die Firma weiterzuverfolgen." Gerade in Zeiten der Krise dürfe man sich nicht abzocken lassen.

Wang ist der Typ Macher unter den Wanderarbeitern. Er arbeitet seit rund sechs Jahren in Shenzhen. Gekleidet in Jeans und dunkelblaue Windjacke, läuft er schnell und schaut oft um sich. Fast ständig telefoniert er oder tauscht sich über die chinesische Chat-Software QQ mit Kollegen in anderen Städten aus. Das Anfang vergangenen Jahres in Kraft getretene Arbeitsvertragsrecht kennt er fast auswendig. Mit dem Handy trommelt er Kumpels zusammen und gibt ihnen Tipps, wo sie billig wohnen können oder worauf sie bei der Arbeitssuche achten sollen. In der Firma JingKe Optoelectronics Technology hatte er es bis zum Produktionsleiter gebracht. Er führte im Sommer den Streik an. In zwei Klagen bei den städtischen Gerichten bekamen Wang und seine Kollegen Recht. Aber die Firma zögert die Umsetzung des Urteils und die Auszahlung der Restgehälter weiterhin hinaus.

Der 22-jährige Xiao Zhou hat die Ärmel seines weißen T-Shirts bis an die Schultern hinaufgerollt. Wang Chunqiao habe Recht, meint er, man dürfe jetzt nicht einfach aufgeben. Aber er könne nicht mehr so viel Zeit in Gerenne zu Rechtsanwälten und Arbeitsschiedsstellen investieren. Er brauche eine feste Stelle und die seien nun nicht leicht zu finden. „Wir ziehen einfach morgen vor die Tore der Stadtregierung", ruft Xiao Zhou plötzlich entschlossen, „und machen so lange Rabatz, bis endlich jemand was unternimmt." Wang überlegt kurz und nickt zustimmend. Manchmal seien Proteste das Einzige, was helfe, meint er.

Dieses Stimmungsgemisch unter den Arbeitern ist aus Sicht der chinesischen Führung hochgefährlich. Ihr Horrorszenario sind frustrierte Wanderarbeiter, die protestierend durch die Städte ziehen. In der Zentrale der Kommunistischen Partei werden die Wanderarbeiter als potenzielle neue Arbeiterbewegung betrachtet. Marxistische Ökonomen der Parteihochschule fordern „ungewöhnliche Maßnamen in ungewöhnlichen Zeiten". Politisch noch brisanter  würde es, wenn sich Wanderarbeiter mit städtischen Arbeitslosen und Dissidentengruppen solidarisierten. Der chinesische Gewerkschaftsfunktionär Sun Chunlan hat schon davon gesprochen, dass „feindliche Kräfte aus dem In- und Ausland" die Situation womöglich zu einem politischen Umsturzversuch nutzen könnten.

Deshalb hat Peking mittlerweile eine Großoffensive gegen die Erwerbslosigkeit unter Wanderarbeitern gestartet. Mit kostenlosen Fortbildungen will die Führung einen Teil aufs Land zurücklocken. Dort sollen ihnen die lokalen Regierungen  dann „attraktive Arbeitsbedingungen" in ländlichen Infrastrukturprojekten anbieten, die im Zuge von Konjunkturprogrammen geplant sind. Die Zentralregierung hatte im November 2008  Ausgaben von rund 460 Milliarden Euro unter anderem für den Bau von Straßen und Eisenbahnen bis 2010 angekündigt. Die Regionalregierungen legten mit ähnlichen Investitionsplänen von umgerechnet 1,2 Billionen Euro nach. In Städten mit hohem Wanderarbeiteranteil haben die Behörden zudem spezielle Arbeitsvermittlungsbörsen eingerichtet, die weniger gebildete und unerfahrene Arbeiter bei der Suche unterstützen sollen.

Angesichts des Lohndumpings und drohender Unruhen wurde auf dem Volkskongress - dem Parlament - Mitte März auch die Wichtigkeit des Arbeitsvertragsgesetzes betont. Unternehmer und Wissenschafter hatten im Vorfeld beklagt, dass das Gesetz in der Krise den Arbeitsmarkt zu sehr belaste. „Das Gesetz hat nichts mit der Krise zu tun und wird auch nicht wegen ihr geändert", entgegnete Xin Chunying, der Vizedirektor der Rechtskommission des Volkskongresses. Im Arbeitsvertragsgesetz sind unter anderem die Bezahlung von Überstunden, Urlaubstage und das Recht auf einen Arbeitsvertrag geregelt. Auch Wanderarbeiter dürfen nur noch mit einem schriftlich fixierten Arbeitsverhältnis beschäftigt werden.

Das Gesetz bekräftigt auch die von Firmenchefs wie einigen Ökonomen kritisierte Mindestlohngarantie. Laut der 2004 von der Zentralregierung verabschiedeten Regelung zu Mindestlöhnen sind Regierungen von Städten mit dem Status von Provinzen wie Peking oder Shenzhen, Provinzen und autonomen Regionen wie Tibet verpflichtet, Standards für Stunden- und Monatslöhne festzusetzen. Mit umgerechnet rund 85 Euro (75 Euro in Vororten) pro Monat beziehungsweise rund 48 Cent (43 Cent in Vororten) pro Stunde gilt in Shenzhen der höchste Mindestsatz in der Volksrepublik. Li Shouzhen vom Allchinesischen Gewerkschaftsverband, der quasi-staatlichen Einheitsgewerkschaft, hat sich dagegen ausgesprochen, diese Mindestlohngarantie wegen der Krise aufzulockern. Li hat die Firmen auch aufgefordert, nicht zu Lasten der Angestellten Kosten zu sparen. Zudem hat Peking an staatliche Betriebe appelliert, Kündigungen so weit es geht zu vermeiden.

Darüber kann der Wanderarbeiter Guo Haijun nur höflich lächeln. Dem 30-Jährigen ist im Januar als Vorarbeiter in der Xinli-Werkstofffabrik gekündigt worden. Sie liegt im Industrieviertel Nr. 4 im Südwesten der Stadt Dongguan, rund eine Busstunde von Shenzhen entfernt. Große Teile der Stadt sind eine Ansammlung von Fabriken. Viele unterschiedliche Stadtteile haben sich auf einzelne Branchen spezialisiert - in Guos Viertel wird vor allem Elektronik produziert. Die Gegend ist trist. Neben Häusern mit braun-gelb verputzen Wänden stehen graue oder weiß gefließte Fabrikgebäude, viele wirken wie ausgestorben.

Guo, in schwarzer Stoffhose und Sportjacke, zeigt auf drei große braune Gebäude hinter einem Eisentor. Das Jinxiebang-Unternehmen, die größte Elekrofabrik des Stadtviertels mit über tausend Mitarbeitenden, habe vor zwei Wochen pleite gemacht. Die drei Chefs aus Taiwan hätten sich seit Jahren auf Kosten der Arbeiter bereichert und das Management schleifen lassen, sagt Guo. Als dann die Aufträge ausblieben, brach alles zusammen. Die drei Chefs seien einfach abgehauen, lacht Guo bitter. Der ökonomische Abschwung ist aus seiner Sicht nur der Anlass, nicht die Ursache für die Misere der Fabriken. Schuld an vielen Firmenpleiten seien vor allem skrupellose Manager. „Die Krise hat die Ungerechtigkeiten des Produktionsmodells auf die Spitze getrieben", sagt Guo.

Ähnlich ging es bei seiner Entlassung zu. In seinem Betrieb mit rund 700 Arbeitern waren seit Mai die Aufträge für Computer- und Handygehäuse zurückgegangen, erzählt er. Der Chef stellte dann von sechs auf vier Tage Schichtdienst pro Woche um. Manche Arbeiter wurden bis auf unbestimmte Zeit unentgeltlich „beurlaubt". Um Abfindungen zu sparen, setzte das Management Arbeiter unter Druck, selbst zu kündigen. Der Betriebsratvorsitzende war gleichzeitig der Vizedirektor.

Guo machte schließlich den Mund auf. Der Chef entließ ihn deshalb fristlos und ohne Abfindung. Bekannte in anderen Fabriken haben ihm von ähnlichen Methoden erzählt. Viele sind stocksauer, meint Guo. Eine neue Arbeit ließe sich mit etwas Fachkenntnissen und Arbeitserfahrung schon finden. „Aber die Firmen nutzen die Krise als Vorwand, um die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern", sagt Guo. „Und die lokalen Behörden kümmern sich nicht um die Anweisungen aus Peking."

Deshalb erwartet Guo von den staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht viel. „Ich verlasse mich lieber auf mich selbst, meine Familie und meine Freunde", sagt er. Guo hat noch Glück - seine Frau hat Arbeit in der Personalabteilung einer Schmuckfabrik. Weil sein Gehalt wegfiel, musste das Ehepaar in ein 15 Quadratmeter kleines Zimmer mit Koch- und Waschnische umziehen. Aber er habe schon viel schlechter gewohnt, meint Guo. Vor zehn Jahren ist er zum ersten Mal aus der rund eine Tagesreise entfernten Provinz Shanxi nach Dongguan gekommen. Traurig macht ihn nur, dass er im Moment kein Geld an seine Eltern und den bei ihnen lebenden anderthalbjährigen Sohn schicken kann.

Guo will die Krise nutzen, um sich selbstständig zu machen. Vom Dasein als Fabrikarbeiter hat er endgültig die Nase voll. Als die Schichten in seiner Fabrik gekürzt wurden, hat Guo angefangen, für die Wellness-Unternehmen Wanmei („Perfekt") als Vertreter zu arbeiten. Ein Kollege hatte ihn dort einmal zu einem Vortrag mit hingenommen. Guo war begeistert, weil er in den kostenlosen Veranstaltungen endlich etwas lernen konnte. Ermutigt von dem Filialleiter, machte er sich mit der Produktpalette vertraut, übte sich in Kommunikation, lernte zu telefonieren und sich in einen Anzug zu kleiden. Guo merkte, dass ein gutes und sicheres Auftreten gut wirkt. „In Krisenzeiten muss man einfach an sich selbst glauben", meint Guo.

Sein Unternehmergeist und Selbstbewusstsein spiegelt die Einstellung vieler erfahrener oder gebildeter Wanderarbeiter wider. Sie sehen sich als Macher des chinesischen Wirtschaftswunders. Sie wissen, was sie wollen und was ihnen zusteht. Nicht ohne Grund betont die Zentralregierung so vehement die Einhaltung des Arbeitsvertragsrechts im Zuge der Wirtschaftskrise. Peking weiß sehr gut, dass das Produktionsmodell der vergangenen Jahrzehnte „Lieber schlecht bezahlte Arbeit als gar keine" das Potential für soziale Unruhen mehr und mehr vergrößert.

Kristin Kupfer ist Sinologin und arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für den epd, in Peking.

 

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