Gipfeltreffen
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Afrika braucht keine Verehrer

Afrika wird immer nur in Relation mit dem Westen gesehen, kritisiert Nanjala Nyabola.

Nanjala Nyabola ist Autorin und Menschenrechts-aktivistin und lebt in Nairobi, Kenia. Sie twittert unter @Nanjala1.
Afrika als wehrlose Frau, von lüsternen Männern begrapscht. Oder als Straßendirne, die um die Gunst des reichen Mannes buhlt. Was sagen solche Bilder darüber, wie Afrikaner ihren Kontinent sehen?

Vergangenen September reisten die Führer von 40 Staaten Afrikas nach Peking, um die chinesische Regierung zu treffen. Diese Gipfel finden alle drei Jahre statt, abwechselnd in einer afrikanischen Stadt und in Peking. Und alle drei Jahre folgen diesen Treffen Papiere und Analysen zur Frage, was Chinas zunehmendes Engagement in Afrika für den Kontinent und für andere Länder bedeutet, die ebenfalls an der Region interessiert sind.

Mich haben schon immer die Begleiterscheinungen dieser Art von Multilateralismus fasziniert: Was sagen solche Zusammenkünfte darüber, wie wir über unsere Gesellschaften denken und reden? Beim jüngsten China-Afrika-Treffen ist mir aufgefallen, dass die Leute Afrika immer noch als Rohmasse sehen, die verzehrt werden kann – nicht als einen Ort, an dem Menschen leben. Die Analysen, ob das wirtschaftliche Engagement Chinas gut ist für Afrika und wie die USA und Europa darauf antworten sollten, sind von einer Art stillschweigendem Übereinkommen geprägt: Afrika ist vor allem wichtig als Lieferant für Rohstoffe, die anderswo verarbeitet und konsumiert werden.

Der Westen betrachtet China entweder als Bedrohung, die ihm „sein“ Afrika streitig macht, oder als Anregung für neue Wege in der Ausbeutung des Kontinents. Die Debatte, ob China gut oder schlecht ist für Afrika, erscheint kontroverser, als sie wirklich ist: Beide Positionen drehen sich um Afrikas Wertgegenstände und nicht um seine Menschen. Afrikas Wert bemisst sich nur daran, welche Möglichkeiten der Kontinent für andere bietet.

Eine Frau, die von China begrapscht wird

Das ist die Sprache des Kolonialismus – und es ist bemerkenswert, dass selbst Leute sie manchmal benutzen, die ihr ansonsten widerstehen. Vor dem China-Afrika-Gipfel im September veröffentlichte der anerkannte kenianische Maler Michael Soi eine Bilderserie in einer Galerie in Nairobi, die Chinas Beziehungen zu Afrika thematisiert. Soi malt Afrika als Frau, die von China begrapscht wird, während westliche Länder – ebenfalls als Männer dargestellt – ratlos zusehen. Oder: Afrika als schwarze Frau, auf einem Massagetisch liegend, während China als Mann ihren Po betatscht und halb nackte weiße Männer, die Europa und die USA darstellen, traurig dabeistehen.

Ein anderes Beispiel: Vom populären Cartoonisten Gado gibt es eine umstrittene Karikatur, die eine schwarze Limousine zeigt; sie wird von knapp bekleideten Frauen umlagert, die um die Aufmerksamkeit des offensichtlich reichen Autoinsassen buhlen. Die Frauen sind verschiedene afrikanische Staaten und der Insasse ist China.

Warum wird Afrika immer als Frau dargestellt? Was sagt das darüber, wie wir über uns selbst als Afrikaner und Afrikanerinnen denken und wie wir Frauen sehen? Was halten wir davon, dass es in Debatten über ausländisches Engagement in Afrika stets vor allem darum geht, die afrikanischen Staaten müssten einen wünschenswerten oder angemessenen Verehrer finden – und nicht etwa darum, dass Afrika für sich selbst sorgen kann?

Selbst Leute, die es besser wissen, machen es sich einfach und beschreiben Afrika lediglich in Relation zu Wertschöpfungsketten des Westens und jetzt auch des Ostens. Sie übernehmen die Sichtweise, dass es darum geht, einen Verehrer zu finden, statt zu betonen, dass die Menschen in Afrika selbst handeln. Indem wir solche Bilder übernehmen, verstärken wir sie noch.

Wenn der Westen ruft, kommen Afrikas Führer gerannt

Afrika steht für wirtschaftliches Neuland und nicht, zum Beispiel, für Heimat. „Was denkt Trump über Afrika?“, fragen wir uns hektisch, als ob Afrika nicht existieren könnte, ohne dass Trump seine Meinung äußert. Ja, es liegt in der Natur internationaler Diskurse zu Wirtschaft und Politik, die Menschen unsichtbar zu machen. Aber sollten wir dieser entmenschlichenden Sprache nicht widerstehen?

Es ist ja etwas Wahres daran, dass afrikanische Führer gern alles stehen und liegen lassen und stattdessen in der Welt herumschlurfen, die Bettelschale in der Hand, und von den Führern anderer Länder herumkommandiert werden. Vor vier Jahren zum Beispiel bestellte Barack Obama sie alle nach Washington, statt selbst mal ein paar Länder in Afrika zu besuchen. Der damalige britische Premierminister Tony Blair hat 2004 dasselbe gemacht. Unsere Präsidenten hasten nach Brüssel, Paris und China.

Ich habe wenig Vertrauen zu Autokraten, die davon profitieren, dass sie auf multilateraler Bühne die Schwachen spielen. Uns, die wir es besser wissen, muss es da­rum gehen, das Handeln normaler Afrikaner und Afrikanerinnen in den Vordergrund zu stellen. Deshalb müssen wir sehr genau prüfen, wie wir mit der Sprache und den Symbolen umgehen, mit denen Afrikas Platz in der Welt dargestellt wird.

erschienen in Ausgabe 11 / 2018: Eingebuchtet

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