Traditionelle Lebensmittel
Höherer Ertrag oder bessere Widerstandskraft? Im Senegal begutachten ein Bauer und ein Agrartechniker Hirsepflanzen für Saatgutzüchtungen.  
Traditionelle Lebensmittel

Vom Feldversuch frisch auf den Tisch

Um traditionelle Lebensmittel wie Hirse oder Baobab hat sich die internationale Agrarforschung bislang wenig gekümmert. Das ändert sich langsam.

Was haben der aus dem Senegal stammende Starkoch Pierre Thiam und Bauersfrauen in der Provinz Koulikoro in Mali gemeinsam? Sie schwören auf traditionelle afrikanische Lebensmittel. Pierre Thiam verwöhnt die Gäste in seinem Edel­restaurant im nigerianischen Lagos und die Kunden seines Catering-Service in New York mit Speisen aus dem alten afrikanischen Getreide Fonio oder der Bambara-Erdnuss. Und die Bäuerinnen in Mali bauen auf ihren kleinen Feldern Sorghum an, eine ballaststoffreiche Hirseart. Aus Erfahrung haben sie gelernt, dass das eine gute Ergänzung zum Mais ist, den ihre Männer pflanzen. Vor allem den Kindern tut der Hirsebrei gut.

Wenn man in 20 oder 30 Jahren auf heute zurückblickt, kann man vielleicht sagen: Pierre Thiam und die Frauen von Koulikoro standen für eine wichtige Trendwende in der internationalen Ernährungspolitik und im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung. Sie haben geholfen, eine Entwicklung zu stoppen, die dazu geführt hat, dass viele über Jahrtausende kultivierte Nutzpflanzen nach und nach von den Speiseplänen rund um den Globus verschwunden sind und die Welternährung heute nur noch an einer Handvoll verschiedener Sorten hängt. Allein die großen Drei – Mais, Weizen und Reis – liefern die Hälfte der jeden Tag verbrauchten Proteine und Kalorien weltweit. Pierre Thiam und die malischen Bäuerinnen steuern dem entgegen und bringen wieder mehr Vielfalt in das Essen.

Aber noch steht diese mögliche Trendwende am Anfang. In den vergangenen Jahrzehnten ging es in der Landwirtschaft weltweit vor allem darum, möglichst effizient möglichst viele Kalorien zu produzieren, denn an oberster Stelle stand der Kampf gegen den Hunger. Das hat auch die internationale Agrarforschung geprägt, die seit den 1950er Jahren immer ertragreichere Getreide- und Reissorten gezüchtet und damit die sogenannte Grüne Revolution und die Industrialisierung der Landwirtschaft vorangetrieben hat.

Abwechslungsreicher Speiseplan statt einseitiger Ernährung

Doch heute geht es in der internationalen Ernährungspolitik nicht mehr ausschließlich um Hungerbekämpfung. In vielen Regionen, in denen die Menschen früher zu wenig zu essen hatten, ernähren sie sich heute zu einseitig. Die Folgen sind Mangel an wichtigen Nährstoffen und Vitaminen einerseits, Übergewicht andererseits. Die Lösung: ein abwechslungsreicherer Speiseplan, auf dem eben auch sogenannte vernachlässigte Lebensmittel wie Sorghum, die Bambara-Erdnuss und die vielen in Vergessenheit geratenen Blattgemüse wie der Knollige Sauerklee aus Südamerika stehen.

Der Starkoch Pierre Thiam, hier in seinem Restaurant in Lagos, verhilft traditionellen afrikanischen Speisen zu neuen Ehren. Pius Utomi Ekpei/AFP/Getty images
Die Agrarforscher wissen um den Wert einer vielfältigen Ernährung, dennoch kümmern sie sich weiter vor allem um die Verbesserung der großen Drei und um wenige andere weit verbreitete Pflanzen. Für die Forschungslabore der privaten Saatguthersteller sind die vernachlässigten Lebensmittel  uninteressant, weil sich mit ihnen derzeit noch kein Geld verdienen lässt. Aber auch die öffentlich finanzierte Agrarforschung an Universitäten oder in den vielen staatlichen Instituten in Entwicklungsländern tut sich schwer, ihren Fokus von Weizen, Mais und Reis auf andere Nahrungsmittel zu verschieben. Denn öffentliche Geldgeber wollen, dass ihre Fördermittel möglichst große Wirkung erzielen – in diesem Fall: möglichst viele Menschen satt machen.

Autor

Tillmann Elliesen

ist Redakteur bei "welt-sichten".
Deshalb haben Förderanträge zu weltweit verbreiteten Pflanzen eine größere Chance als solche, in denen es um verbessertes Saatgut für vernachlässigte Lebensmittel geht. Sich mit einer nur lokal angebauten Pflanze zu befassen, von der zunächst nur die Bauern vor Ort profitieren, sei „der schlechteste Karriere­schritt, den ein ehrgeiziger Agrarforscher machen kann“, sagt Sayed Azam-Ali, der Leiter von Crops for the Future (CFF), einem Forschungszentrum für vernachlässigte Pflanzen in Kuala Lumpur in Malaysia. Die Agrarwissenschaftlerin Anja Christinck sagt zu den Erfolgsaussichten von Projektanträgen: „Wenn nur ein Dutzend Frauengruppen einen Nutzen davon haben, dann reicht das in der Regel nicht.“

Sayed Azam-Ali setzt deshalb große Hoffnungen auf Vorreiter wie Pierre Thiam. Denn sie schaffen international Aufmerksamkeit für vernachlässigte Lebensmittel – und zwar vor allem dort, wo das Geld ist. Azam-Ali spekuliert darauf, dass das Bewusstsein und die Nachfrage gewissermaßen vom reichen Norden in die Mittel- und Oberschichten im Süden durchsickern. In Afrika, erzählt Azam-Ali, habe er die Leute schon sagen gehört: „Wenn die das in New York essen, warum nicht auch wir?“

Die Märkte für vernachlässigte Lebensmittel im Blick haben

Um die Forschung zu vernachlässigten Lebensmitteln voranzutreiben, braucht es Märkte dafür. „Forschung, ohne gleichzeitig an die Märkte zu denken, ist sinnlos“, sagt Hannah Jaenicke von der Koordinationsstelle des Kompetenzzentrums Gartenbau in Rheinbach bei Bonn. Das gilt erst recht für vernachlässigte Pflanzen und Lebensmittel, für die es in den meisten Ländern noch keine funktionierenden Saatgutmärkte sowie Verarbeitungs- und Vermarktungsketten gibt – anders als im Falle von Mais oder Reis. Das Silodenken in der landwirtschaftlichen Forschung – hier die Biologen, die sich um besseres Saatgut bemühen, dort die Ökonomen, die die Märkte im Blick haben – müsse deshalb durchbrochen werden, fordert Azam-Ali.

Zu klein dürfe dabei nicht gedacht werden, findet der Agrarökonom Matin Qaim von der Universität Göttingen. „Viele Projekte für eine Diversifizierung der Landwirtschaft sind zu stark subsistenz­orientiert“, sagt Qaim. Bauern würden im Rahmen solcher Projekte häufig dazu motiviert, möglichst viele unterschiedliche Pflanzen für den Eigenbedarf anzubauen. Qaim empfiehlt stattdessen, sich auf eine Handvoll vernachlässigte Arten zu konzentrieren und die dann ordentlich zu vermarkten.

Das heißt jedoch nicht, immer gleich den Weltmarkt in den Blick zu nehmen. „Die Globalisierung ist eine riskante Strategie“, sagt Sayed Azam-Ali und nennt – wie viele andere Agrarforscher – Quinoa als Beispiel, wie es nicht laufen sollte. Das Getreide aus dem Hochland in Peru und Bolivien hat in relativ kurzer Zeit eine steile Karriere als weltweit nachgefragtes Superfood gemacht. Mittlerweile wird es auch in Asien, Europa und Nordamerika angebaut – mit der Folge, dass der Boom an den kapitalschwachen Kleinbauern in den Anden inzwischen weitgehend vorbeiläuft (siehe Seite 35).

Die Region ist der richtige Horizont für die Vermarktung vernachlässigter Lebensmittel, sagen die Forscher. In Südafrika etwa haben Agrarwissenschaftler von der University of KwaZulu-Natal eine Strategie zur landesweiten Förderung vernachlässigter Pflanzen erstellt: Zuerst haben sie aus der langen Liste der in Südafrika in kleinem und kleinstem Rahmen angebauten Lebensmittel die 13 ausgesucht, die etwa in punkto Nährstoffe besonders wichtig sind für das Land und die ein hinreichend großes Marktpotenzial haben. Anschließend haben sie studiert, für welche Art Forschung – etwa zum Nährstoffgehalt oder zur Widerstandsfähigkeit einer Pflanze gegen Trockenheit – es nationale Fördergelder gibt und inwiefern die Förderkriterien mit den Bedürfnissen der Bauern übereinstimmen. Ziel des Unterfangens ist ein Forschungs- und Wirtschaftsplan für besonders vielversprechende traditionelle Lebensmittel in Südafrika, darunter die Bambara-Erdnuss, Sorghum und die Augenbohne.

Für Hannah Jaenicke vom Kompetenzzentrum Gartenbau ist der Baobab- oder Affenbrotbaum ein Beispiel dafür, wie es richtig läuft. Die nährstoffreichen Früchte des Baumes erfreuen sich steigender Nachfrage in seinen Herkunftsregionen in Afrika. Zugleich finden auch die Europäer zunehmend Geschmack daran, ohne dass es bislang zu einem Hype wie bei Quinoa mit all seinen schädlichen Folgen gekommen ist.

Die Forschung muss dezentral sein

Die Forschung zu vernachlässigten Pflanzen muss dezentral organisiert sein, sagt Sayed Azam-Ali. Sie muss dort stattfinden, wo die Bauern sind, die das Wissen über diese Pflanzen haben, etwa in den nationalen Agrarforschungsinstituten in Afrika. Azam-Ali ist nicht nur Chef von Crops for the Future, sondern auch Vorsitzender der Association of International Research and Development Centers for Agriculture (AIRCA), eines vor sechs Jahren gegründeten Verbunds von neun Forschungseinrichtungen in Nord- und Mittelamerika, Europa, Afrika und Asien. Die Institute befassen sich vor allem mit vernachlässigten Pflanzen und mit den ökologischen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen sie angebaut und vermarktet werden. Der Verbund ergänzt insofern die 1971 ins Leben gerufene Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR). Diese Gruppe ist ein Kind der Grünen Revolution und widmet sich vor allem der Erforschung und Verbesserung der global angebauten Nutzpflanzen.

Dezentrale Forschung muss aber koordiniert werden, und das geschieht oft zu wenig, sagt Hannah ­Jaenicke, die früher das mittlerweile aufgelöste Internationale Zentrum für vernachlässigte Nutzpflanzen (International Centre for Underutilised Crops, ICUC) geleitet hat: „Es macht keinen Sinn, dass in Sri Lanka, Indien und Bangladesch zur Jackfrucht geforscht wird, aber niemand von der Arbeit der anderen weiß.“ Diese Art von Koordination voranzubringen, ist eine der Aufgaben von Crops for the Future in Kuala Lumpur, das aus dem ICUC hervorgegangen ist und seit 2011 arbeitet.

Finanziert wird die Arbeit von Crops for the Future von der Regierung Malaysias und von der University of Nottingham in Malaysia. Die Forschung zu vernachlässigten Pflanzen teilt ihr Schicksal mit der Forschung zu Medikamenten für Krankheiten, die vor allem in den Tropen vorkommen und von denen meistens arme Menschen betroffen sind: In beiden Fällen lohnt sich der Aufwand für die Privatwirtschaft nicht, weil es keine kaufkräftige Kundschaft gibt. Die meisten Fördergelder kommen von Regierungen, den Vereinten Nationen und von philanthropischen Stiftungen wie der von Bill und Melinda Gates. Es gibt aber Ausnahmen von dieser Regel: Am African Orphan Crops Consortium etwa, das die Genome von 101 traditionellen afrikanischen Pflanzen entschlüsseln will, beteiligen sich der Schokoladenhersteller Mars und der Internetriese Google.

Sayed Azam-Ali von Crops for the Future hätte die Privatwirtschaft gern stärker mit im Boot – nicht nur bei der Vermarktung von traditionellen Lebensmitteln, sondern auch bei der Forschung. Seine Idee: Die großen Saatguthersteller zahlen eine kleine Abgabe aus ihren Profiten, die sie mit Mais, Reis, Weizen und Co machen. Das Geld fließt in einen internationalen Fonds, aus dem dann Forschung an vernachlässigten Pflanzen finanziert wird.

Damit es so kommt, braucht es weiter Vorbilder wie Pierre Thiam und die Frauen von Koulikoro, die zeigen, wie wertvoll die Bambara-Erdnuss, Sorghum und Fonio sind – in der Sahelzone in Afrika ebenso wie Downtown in New York.

erschienen in Ausgabe 12 / 2018: Mehr als Reis und Weizen

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