Ernährung
Mit Holzstößeln wird im Niger Hirse gedroschen. Dieses Getreide ist für trockenes Klima gut geeignet.  
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Städter wollen keine Hirse

Reis aus Asien hat in Westafrika einheimische Lebensmittel wie Hirse und Sorghum verdrängt. Dabei sind die nahrhafter und für den lokalen Anbau besser geeignet. Doch die Anreize für Bauern und Verbraucher sind falsch gesetzt.

Seit 30 Jahren stehe ich in Kontakt zu einer Familie, die am Rand von Bamako lebt, der Hauptstadt des westafrikanischen Mali. Sie nahm mich 1987 vier Monate lang auf, als ich dort als Freiwilliger im US-Friedenscorps eine Ausbildung zum Agrarspezialisten machte. Damals lebte die Familie zum großen Teil von dem, was sie selbst anbaute: hauptsächlich Hirse, Sorghum, Erdnüsse und Augenbohnen. Gelegentlich kam auch Reis auf den Tisch, doch das galt als Luxus, den man sich meist nur an Hochzeiten und Feiertagen gönnte.

Wann immer ich später nach Mali zurückkehrte – anfangs als Entwicklungshelfer und dann als Hochschullehrer –, aßen wir wieder zusammen. Und mit der Zeit veränderten sich ihre Essgewohnheiten: Hirse und Sorghum traten als Stärkelieferanten in den Hintergrund, dafür kaufte die Familie mehr Reis, insbesondere Bruchreis aus Südostasien. Damit war sie nicht allein: Sie folgte einem allgemeinen Trend in der städtischen Bevölkerung in Westafrika.

Wie ist es zu diesem starken Wandel auf dem westafrikanischen Speisezettel gekommen? Warum fingen Familien in den Städten an, aus Asien importierten Reis zu essen? Schließlich gibt es auch afrikanischen Reis, der einst im Binnendelta von Mali zuerst gezüchtet und in der gesamten Region angebaut wurde. Und wie wirken sich globale Preisschocks bei Lebensmitteln unter diesen Umständen aus?

Die Entwicklung in den Städten Westafrikas wird nur verständlich, wenn man sie in Zusammenhang mit anderen Ernährungssystemen in der Welt betrachtet. In den 1950er und 1960er Jahren unternahm die internationale Gemeinschaft erhebliche Anstrengungen, um im globalen Süden den Hunger zu bekämpfen und insbesondere die Ernteerträge von Weizen und Reis zu erhöhen. Diese Initiative, bekannt als Grüne Revolution, setzte auf verbessertes Saatgut, auf Pestizide und Düngemittel. Die größten Erfolge erzielte sie nach allgemeiner Einschätzung in Lateinamerika und Asien. Die Grüne Revolution steigerte dort zwar die Erträge, vergrößerte aber auch die Kluft zwischen Arm und Reich auf dem Land. Sie schadete der Umwelt, weil Wasser umgeleitet werden musste, und Schädlinge wurden unempfindlich gegen die gängigen Pestizide.

Die Grüne Revolution in Asien führte dazu, dass von dort Anfang der 1980er Jahre große Reisexporteure nach Westafrika drängten. Die umfangreiche Produktion in China, den Philippinen und Indien blieb weitgehend auf deren großen heimischen Märkten. Doch mit Thailand und Vietnam entstanden zwei neue Reisproduzenten, die aufgrund ihrer kleineren Inlandsmärkte großes Exportpotenzial besaßen. So fand der Reis aus diesen Ländern zunehmend den Weg in westafrikanische Häfen. Besonders häufig wurde dort eine minderwertige, billige Sorte Reis entladen, sogenannter Bruchreis. Laut Studien stammte ein großer Teil davon aus alten Lagerbeständen, die asiatische Länder für Notzeiten angelegt hatten. Sie wurden in regelmäßigen Abständen ausgetauscht und auf den Markt geworfen. Dieser Reis, der manchmal 20 Jahre alt war, hatte fast keinen Nährwert mehr.

Die Öffnung der afrikanischen Märkte

Autor

William G. Moseley

ist Professor für Geografie und Leiter des Food, Agriculture and Society Program am Macalester College in Saint Paul, Minnesota. Er twittert unter @WilliamGMoseley
Ein Grund für diese Entwicklung war die Öffnung der afrikanischen Märkte. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) hatten Anfang der 1980er Jahre fast alle westafrikanischen Länder zu sogenannten Strukturanpassungsmaßnahmen gezwungen. Viele waren Ende der 1970er Jahre hoch verschuldet. Die Weltwirtschaft lahmte, die Preise für ihre wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte wie Kakao, Kaffee und Baumwolle sanken und die Energiepreise stiegen. Und die meisten von ihnen mussten Energie importieren. Einige afrikanische Regierungen förderten zudem neue Industriezweige, was ihren Staatshaushalt weiter belastete.

Um die drohende Zahlungsunfähigkeit abzuwenden, stimmten die Weltbank und der IWF weiteren Krediten an diese afrikanischen Länder zu, verlangten dafür aber eine Reihe marktwirtschaftlich orientierter Reformen. Dazu zählten eine stärkere Ausrichtung auf den Export, der Verkauf ineffizienter staatseigener Industrien, die Senkung von Steuern und Beihilfen sowie Einschnitte bei den Staatsausgaben.

Diese neoliberalen Wirtschaftsreformen begünstigten den Import von asiatischem Reis – teils auf offensichtliche, teils auf weniger deutliche Weise. Am direktesten wirkte sich der Abbau von Zöllen aus. Damit wurde es für asiatische Länder sehr viel billiger, minderwertigen Bruchreis in westafrikanische Länder zu exportieren. Zudem hatten die Reformen oft zur Folge, dass afrikanische Reisproduzenten weniger Agrarbeihilfen erhielten und die Landwirtschaftsministerien bei Aus- und Weiterbildungsprogrammen kürzten. Und drittens wurde heimischen Reisschälmühlen die Unterstützung entzogen.

Die Regierung der Elfenbeinküste etwa musste elf industrielle Schälmühlen stilllegen. An ihre Stelle traten sogenannte Minimühlen oder Mikromühlen, die von lokalen Unternehmern betrieben wurden. Der dort verarbeitete Reis war weniger hochwertig, und die Verbraucher in großen Städten wie Abidjan zogen die geschälten importierten Körner den lokalen vor. Die Kombination aus billigem und reichlich vorhandenem Reis aus Asien, Öffnung der westafrikanischen Märkte durch Zollabbau und Rückgang der lokalen Produktion führten dazu, dass viele städtische Getreidehändler ihren Kunden zunehmend asiatischen Reis anboten.

Aber auch die Urbanisierung in Afrika spielte eine Rolle. Wenn Menschen vom Land in die Städte ziehen, dann essen sie in der Regel mehr Fleisch, mehr Fett und mehr verarbeitete Lebensmittel und weniger lokal angebautes Getreide und Gemüse. Afri­ka ist zwar nach wie vor ein weitgehend ländlich geprägter Kontinent, doch die Urbanisierung schreitet nirgends so rasch voran wie hier. Westafrikanische Städte wie Abuja (Nigeria), Lomé (Togo), Ouagadougou (Burkina Faso) und Bamako (Mali) gehören zu den am schnellsten wachsenden Siedlungen des Planeten.

2009 habe ich in vier verschiedenen Vierteln von Bamako eine Reihe von Umfragen in städtischen Haushalten gemacht. Wir wollten unter anderem herausfinden, warum so viele Familien von Hirse und Sorghum auf Reis, insbesondere importierten Reis, umgestiegen waren. Dazu befragten wir die Person, die das Essen zubereitet, meistens eine Frau. Aus der Vielzahl von Antworten stachen drei Erklärungen heraus.

Die Mittelschicht will keine „Bauernnahrung“

Erstens: Reis gilt als modern. Wer den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft hat, möchte nicht länger „Bauernnahrung“ wie Sorghum und Hirse essen. Die Köchinnen erzählten, sie schämten sich, wenn sie zum Mittagessen keinen Reis auf den Tisch bringen könnten. Das Image von Reis als zeitgemäßes Nahrungsmittel geht auf die französische Kolonialzeit zurück. Die Franzosen behaupteten, Reis sei „zivilisierter“, und bevorzugten seinen Anbau gegenüber anderen Arten der Getreideproduktion – etwa durch den Bau von Bewässerungsdämmen.

Was Forscher über Vielfalt sagen

Was Menschen essen und wie sie ihre Lebensmittel erzeugen, verändert sich auch im globalen Süden. Geht der Trend zu mehr Auswahl oder im Gegenteil zum Verlust an Vielfalt? Beides, sagt die Forschung. Der Befund…

Zweitens erzählten die Frauen, das Leben in der Stadt bringe mehr Arbeit mit sich – sie hätten nicht mehr so viel Zeit fürs Kochen. Hier bietet Reis, der ziemlich schnell und einfach zuzubereiten ist, einen Vorteil gegenüber Hirse- und Sorghumgerichten mit ihren längeren Garzeiten. Drittens hoben die Frauen hervor, dass Reis, und insbesondere Bruchreis, während des Kochens beträchtlich an Volumen gewinnt. So wird der höhere Kilopreis, der im Vergleich zu Sorghum oder Hirse zu zahlen ist, durch die Menge ausgeglichen. Die Frauen schätzten diese Ergiebigkeit, weil sich die Familie nach der Mahlzeit satter fühle – auch wenn der tatsächliche Nährwert von Reis geringer ist als der von Sorghum oder Hirse.

In den 1980er und 1990er Jahren steigerten die städtischen Haushalte in Westafrika ihren Reiskonsum. Das führte zu einer wachsenden Abhängigkeit von Importen. Im Jahr 2008 führte die Region im Durchschnitt 40 Prozent des verbrauchten Reises ein. Der Importanteil ist von Land zu Land verschieden, er erreicht 85 Prozent in Gambia, beträgt über 60 Prozent an der Elfenbeinküste und nur 20 Prozent in Mali (vgl. auch den Beitrag auf Seiten 40-43). Diese Abhängigkeit war in den 1980er und 1990er Jahren kein größeres Problem, da die Weltmarktpreise für Lebensmittel relativ niedrig und stabil waren.

Lebensmittelunruhen in westafrikanischen Städten

Doch um das Jahr 2000 zogen die Nahrungsmittelpreise allmählich an. Und 2007/2008 stiegen sie im Schnitt um die Hälfte, für einige Grundnahrungsmittel wie Reis sogar auf das Doppelte. Das löste eine globale Lebensmittelkrise aus, die rund um die Welt zu Protesten führte. Es kam zu sogenannten Lebensmittelunruhen in westafrikanischen Städten wie Abidjan, Banjul, Ouagadougou und Dakar. Die Veränderung der Essgewohnheiten im städtischen Westafrika und die Abhängigkeit von Importen haben ein System geschaffen, das empfindlich auf Preisschwankungen reagiert.

Westafrikanische Regierungen bemühten sich deshalb in den darauffolgenden Jahren, die lokale Reisproduktion zu fördern. Sie versuchten, mit Hilfe internationaler Geber eine neue Grüne Revolution für Afrika anzustoßen. Damit sollen auf dem Kontinent dieselben Erfolge wie einst in Asien und Lateinamerika erreicht werden. In der gesamten Region gibt es neue Projekte zur Reisproduktion, die auf verbessertes Saatgut, Pestizide und Dünger setzen.

Kinder in Burkina Faso essen 2008 Maisbrei mit Gemüse. Viele ­bekamen damals nur eine Mahlzeit täglich, weil die globalen Preise für Nahrungsmittel gestiegen sind. Williamson/Washington Post/Getty Images
Aber ist die Produktion von mehr Reis, insbesondere asiatischer Sorten, unter Einsatz importierter Techniken wirklich die beste Lösung? Der westafrikanische Reis wurde ursprünglich in dieser Region kultiviert und ist traditionell Teil der dortigen Ernährung. Er war jedoch nie ein Grundnahrungsmittel – außer bei Anwohnern von Flüssen, etwa im Niger, in Gambia und im Senegal sowie in manchen regenreichen Küstenländern wie Sierra Leone. In den Trockengebieten weiter Teile Westafrikas sicherten hingegen dürreresistente Pflanzen wie Sorghum und Hirse die Grundversorgung. Diese Getreidesorten haben nicht nur einen höheren Proteingehalt, sie sind auch anpassungsfähiger gegenüber Klimaschwankungen. Und wenn sie mit anderen traditionellen Feldfrüchten wie Erdnüssen und Augenbohnen oder Blattgemüse und den Blättern des Affenbrotbaums kombiniert werden, dann ergeben sich daraus sehr nahrhafte Mahlzeiten.

Die nationale Agrarpolitik und die internationalen Hilfen für die Landwirtschaft sollten in Westafrika eher den Anbau lokaler Nahrungsmittel wiederbeleben, die nährstoffreicher und weniger anfällig gegenüber Klimaschwankungen sind. Das wäre passender, als das französische Kolonialerbe zu stärken, das Reis zum Symbol der Moderne erhoben hat. Es erfordert unter Umständen freilich eine Abkehr von neoliberalen Prinzipien und einen gewissen Schutzraum für die Entwicklung einer robusten lokalen Lebensmittelwirtschaft, auch mit Hilfe von Zöllen.

Allerdings darf man nicht die Verbraucherfreundlichkeit außer Acht lassen – schließlich ist die schnelle und bequeme Zubereitung einer der wichtigsten Gründe, aus denen westafrikanische Frauen Reis bevorzugen. Vielleicht wäre es eine Aufgabe für künftige Unternehmer, herauszufinden, wie man Sorghum und Hirse so vorbehandeln kann, dass sie ebenso einfach und schnell zuzubereiten sind? Der Nährstoffgehalt müsste dabei allerdings erhalten bleiben.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 12 / 2018: Mehr als Reis und Weizen

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