Nachhaltiger Kakao
Arbeiter in der Elfenbeinküste verpacken Kakaobohnen.
Nachhaltiger Kakao

Die Preisfrage

Die Bundesregierung will dafür sorgen, dass in Deutschland nur noch als nachhaltig zertifizierter Kakao verkauft wird. Schon jetzt tragen viele Produkte die Siegel von Fairtrade, Rainforest oder UTZ. Doch die Einkommen der Bauern sind kaum gestiegen.

Entwicklungsminister Gerd Müller hat einen ehrgeizigen Plan: Langfristig soll 100 Prozent des in Deutschland verkauften Kakaos aus nachhaltigem Anbau stammen. So steht es in einem 10-Punkte-Plan für einen nachhaltigen Kakaosektor, den Entwicklungs- und Landwirtschaftsministerium Ende Januar gemeinsam vorgestellt haben – und der dazu beitragen soll, die Lebensbedingungen der Kakaobauern entscheidend zu verbessern.

Die Ministerien wollen demnach Verbraucher besser über die Situation der Bauern informieren und sich zudem gegen Kinderarbeit und für den Waldschutz in den Anbaugebieten einsetzen. Und es sollen einheitliche Standards für einen nachhaltigen Anbau formuliert werden, möglichst auf europäischer Ebene.

Hersteller und Händler sehen sich auf einem guten Weg: Nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) ist der Anteil des nachhaltig zertifizierten Kakaos seit 2011 von drei auf 55 Prozent gestiegen. Unter den Produzenten, die mit den beiden federführenden Ministerien und Vertretern der Zivilgesellschaft im „Forum nachhaltiger Kakao“ zusammengeschlossen sind, liegt er inzwischen sogar bei 60 Prozent.

Allerdings ist unter den Mitgliedern des Forums umstritten, was solche Zahlen aussagen. Die Industrie beruft sich auf Siegel wie Fairtrade, Rainforest und UTZ. Johannes Schorling vom Inkota-Netzwerk hält es für problematisch, die so zertifizierten Produkte als „nachhaltig“ zu bewerben. Die Zertifizierung bedeute nicht, dass die Bauern von ihrer Arbeit leben könnten.

Fairtrade will den Bauern mehr zahlen

Tatsächlich hat sich die Situation der Kakaobauern in Ghana und in der Elfenbeinküste, wo rund 70 Prozent der weltweiten Ernte eingefahren werden, in den vergangenen Jahren kaum verbessert. Kinderarbeit ist noch immer weit verbreitet, die Einkommen der durchschnittlichen Bauernfamilien liegen weit unterhalb eines existenzsichernden Niveaus – obwohl der Anteil des zertifizierten Kakaos deutlich zugenommen hat. Fairtrade räumt in einer Studie von 2018 selbstkritisch ein, dass rund 60 Prozent der Fairtrade-zertifizierten Haushalte im Kakaoanbau der Elfenbeinküste unterhalb der absoluten Armutsgrenze leben.

Experten machen für den Missstand vor allem den Preisverfall verantwortlich. Zwischen September 2016 und Januar 2017 fiel der Weltmarktpreis für Kakao aufgrund einer guten Ernte und Börsenspekulationen von 3200 US-Dollar pro Tonne auf unter 2000 Dollar, aktuell wird für eine Tonne Kakao rund 2200 Dollar bezahlt. Schorling vom Inkota-Netzwerk begrüßt deshalb, dass Fairtrade angekündigt hat, den Mindestpreis um 20 Prozent auf 2400 Dollar anzuheben: „Das ist ein erster Schritt, nötig wären langfristig aber mindestens 3000 Dollar, um den Bauern ein existenzsichernde Einkommen zu sichern.“ 

Die Hersteller wollen mehr tun

Bei Fairtrade befürchtet man indes, dass ein deutlich höherer Mindestpreis Unternehmen dazu bewegen könnte, zu einer anderen Siegelorganisation zu wechseln. Rainforest und UTZ, die sich 2018 zur neuen Rainforest Alliance zusammengeschlossen haben, garantieren ihren Produzenten bislang keinen Mindestpreis, der Kakao bleibt damit für die Abnehmer günstiger. Der neue Standard, den die Organisation derzeit erarbeitet, werde daran voraussichtlich nichts  ändern, kritisiert Schorling. Auch die Prämien könnten das nicht auffangen: Laut einem Reuters-Bericht zahlte UTZ den Bauern in Westafrika zuletzt im Schnitt lediglich 83 Dollar Prämie pro Tonne – deutlich weniger als die 200 Dollar Fairtrade-Prämie.

Nach Ansicht des Kakao-Experten Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut kann die Armut der Bauern nicht alleine durch Zertifizierung beseitigt werden. Nötig seien unter anderem Schulungen sowie Investitionskapital für die Bauern, um ihren Baumbestand zu verjüngen oder den Anbau zu diversifizieren. Chancen sieht Hütz-Adams in direkten Lieferbeziehungen verbunden mit höheren Preisen oder Prämien, wie sie etwa der niederländische Hersteller Tony's Chocolonely pflegt. Nicht zuletzt müssten Länder wie Ghana und die Elfenbeinküste investieren, und etwa bessere Straßen bauen, um den Transport zu erleichtern.

Die deutschen Hersteller hätten die Probleme erkannt und wollten mehr tun, beobachtet Hütz-Adams. Aber es fehlten noch immer verbindliche Standards, um einheitliche Bedingungen zu schaffen. Auch der 10-Punkte-Plan der Bundesregierung bleibe in dieser Frage schwammig: „Wir brauchen eine Regulierung innerhalb der Europäischen Union, das fordern auch viele Unternehmen“, sagt Hütz-Adams. Die EU-Kommission sei bei dem Thema aber eher zurückhaltend. Auch in der deutschen Regierung gebe es Stimmen gegen eine zu starke Regulierung landwirtschaftlicher Importe. Hoffnung nährt dagegen der im Februar vom Entwicklungsministerium vorgelegte Entwurf für ein Gesetz, das Unternehmen verpflichtet, ökologische und soziale Standards entlang der Lieferkette einzuhalten.

Bis gesetzliche Regelungen greifen, könnten auch die Unternehmen noch mehr tun – vor allem bei der Preisfrage: Bei einer Tafel Schokolade mit 30 Prozent Kakao-Anteil entfallen nur sieben Cent des Gesamtpreises auf den Kakao, rechnet Hütz-Adams vor, rund vier bis fünf Cent kommen bei den Bauern an. Die Hersteller könnten den Produzenten doppelt so viel für den Rohstoff bezahlen, ohne dass der Preis für eine Tafel Schokolade allzu stark steigen würde.

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