Christen im Irak
Christen im Irak

Gefährliche Nähe zu den Schiiten

Die Kirchenführer im Irak haben einen christlichen Politiker und Milizenchef zurückgepfiffen. Hinter den harschen Worten steckt auch die Frage, wie weit die Christen im Irak mit den Schiiten kooperieren.

Ende Juni hat Rayan al-Kildani, der Generalsekretär der christlichen Babylon-Partei im Irak, einen Brief an das geistliche Oberhaupt der Schiiten im Irak, Ayatollah al-Sistani, geschrieben. Er bittet dort darum, auf diejenigen unter den Schiiten positiv einzuwirken, die sich abfällig über den christlichen Glauben geäußert hatten.

Die Kirchenführer brachte der Brief in Rage, weil al-Kildani sich anmaßte, im Namen aller Christen im Irak zu sprechen und weil er al-Sistani als „höchsten spirituellen Führer im Irak“ bezeichnete. Al-Kildani verletze das religiöse Empfinden der Christen im Irak, heißt es in einer Stellungnahme des Rates der Kirchenoberhäupter im Irak von Anfang Juli.

Es ist nicht das erste Mal, dass al-Kildani den Zorn der Kirchenführer auf sich zieht. 2014, als der Islamische Staat (IS) weite Teile des Irak erobert und Hunderttausende Christen und andere Minderheiten aus ihren Dörfern und Städten vertrieben hatte, griff al-Kildani zur Waffe und gründete die Babylon-Brigaden. Als christliche Miliz kämpfte sie fortan gegen den IS. Der chaldäische Patriarch Louis Sako distanzierte sich damals von den Brigaden und kritisierte al-Kildani für sein Bündnis mit schiitischen Milizen. Sako gehört zu denjenigen Christen im Irak, die sich für eine neutrale Haltung gegenüber Schiiten und Sunniten, den beiden religiösen

Hauptgruppen im Land, aussprechen. Er warnt vor einer Parteinahme,  um bei Konflikten nicht zwischen die Fronten zu geraten.
Aus den Babylon-Brigaden ging nach Ende der Kämpfe gegen den IS eine politische Partei hervor. Bei den Parlamentswahlen im Mai 2018 erlangte sie zwei der fünf für Christen vorgesehenen Sitze. Auch damals warfen Kritiker al-Kildani vor, er würde sich zu sehr auf schiitische Unterstützer verlassen.

Kritik bekommt al-Kildani jetzt aber auch von anderer Seite zu hören. Mitte Juli haben die USA Sanktionen gegen ihn und einen weiteren Milizenchef angekündigt. Sie werfen al-Kildani unter anderem Korruption und Menschenrechtsverletzungen vor. Die US-Behörden verweisen auf ein Video, das vor einem Jahr unter irakischen Menschenrechtsorganisationen die Runde machte  und in dem zu sehen sein soll, wie al-Kildani einem Gefangenen ein Ohr abschneidet.

erschienen in Ausgabe 9 / 2019: Mission und Macht

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