Was der Wald wert ist

Die Abholzung von Wäldern trägt erheblich zum Klimawandel bei. Strittig ist, wie der Waldschutz in ein künftiges Klimaabkommen integriert werden soll. Im Zentrum steht die Frage, wer dafür bezahlen soll, wenn Entwicklungsländer darauf verzichten, ihre Wälder abzuholzen. Eine Gruppe von Experten und Interessenvertretern hat dazu Empfehlungen vorgelegt.

Wälder haben einen großen Einfluss auf das lokale, regionale und globale Klima. Als CO2-Speicher können sie den Klimawandel verlangsamen. Umgekehrt beschleunigt die Abholzung der Wälder die globale Erwärmung. Rund 20 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen werden durch Rodungen verursacht. Weltweit verschwinden jedes Jahr 13 Millionen Hektar Wald, eine Fläche dreimal so groß wie die Schweiz. In Indonesien fallen Tausende von Hek­tar Wald der Palmölproduktion zum Opfer, in Brasilien der Fleischproduktion. Umweltorganisationen beziffern die Kosten für das Stoppen der Abholzung auf jährlich rund 30 Milliarden Euro.

Bislang habe der Waldschutz in den Klimaverhandlungen keine große Rolle gespielt, doch nun sei seine Bedeutung erkannt worden, sagt Stewart Maginnis von der International Union for Conservation of Nature. Maginnis ist Ko-Leiter des Wald-Dialogs (The Forests Dialogue), einer Gruppe aus Vertretern staatlicher Stellen, der Weltbank, der Holzindustrie, Umweltorganisationen und indigener Bevölkerungsgruppen, die sich seit zehn Jahren treffen, um gemeinsame Positionen zum Wald­schutz zu erarbeiten. Ihre Sitzungen im vergangenem und in diesem Jahr dienten dazu, Vorschläge für die Delegationen der Klimakonferenz in Kopenhagen zu formulieren. Auf der Vorbereitungskonferenz in Bangkok Ende September legten sie Empfehlungen vor.

Zur Debatte steht, wie der Schutz von Tropenwäldern vergütet werden soll. Denn künftig sollen Entwicklungsländer entschädigt werden, wenn sie Wälder erhalten statt abholzen. Auf der Klimakonferenz 2006 in Montreal war der sogenannte REDD-Prozess gestartet worden (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation): die Suche nach Wegen, dem im Holz gespeicherten Kohlenstoff einen ökonomischen Wert zu geben.

Viele Organisationen warnen davor, Wälder in den Handel mit Verschmutzungsrechten einzubeziehen. Sie befürchten, dass wegen der großen Menge an Emissionsrechten für den Waldschutz die Preise für die Zertifikate einbrechen würden. Die Industriestaaten hätten dann keine Anreize mehr, die eigenen CO2-Emissionen zu reduzieren und in erneuerbare Energien zu investieren. Diskutiert wird deshalb auch über eine Entschädigung mittels Fonds, die von den Industrieländern und der Wirtschaft zu speisen wären. Den Teilnehmer des Wald-Dialogs empfehlen laut dessen Direktor Gary Dunning eine Mischlösung: In einer ersten Phase soll der Waldschutz mit Geld aus Fonds finanziert werden. Längerfristig  aber sollte die Entschädigung an den Markt gebunden werden, wobei das Angebot an Wald-Zertifikaten im Emissionshandel gedeckelt würde, um einen Preissturz zu verhindern.

Die Wald-Experten zerbrechen sich aber nicht nur über Finanzierungsmechanismen den Kopf, sondern auch darüber, wie gewährleistet werden kann, dass das Geld tatsächlich in den Waldschutz fließt. Mögliche Probleme zeigen sich am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo, dem Land mit dem größten Tropenwald Afrikas – und einer der korruptesten Regierungen. „Im Fall von Kongo glaubt niemand, dass die Gelder am richtigen Ort landen“, sagt Forstingenieurin Asti Rösle von Greenpeace Schweiz. Auch bei der Vergabe von Einschlagskonzessionen an die Holzindustrie sei Korruption im Spiel.Carl Ulrich Gminder, der für das im Kongo tätige multinationale Holzunternehmen Danzer am Wald-Dialog teilnimmt, gibt zu bedenken, dass der größte Teil der Abholzung auf das Konto der lokalen Bevölkerung und nicht auf das der Holzindustrie gehe. Danzer beispielsweise setze auf nachhaltige Waldbewirtschaftung. Für Asti Rösle greift diese Sichtweise aber zu kurz. Zum einen rode die Bevölkerung vornehmlich dort, wo die Holzindustrie mit dem Bau von Forstwegen die Voraussetzungen dafür geschaffen habe. Zum anderen sei beim Modebegriff „nachhaltige Waldbewirtschaftung“ Vorsicht angebracht. Eines der Kriterien für die Vergabe des Nachhaltigkeitslabels FSC sei die Einhaltung der lokalen Gesetze, also ob beispielsweise ein ordentlicher Landrechtsvertrag vorliegt. „In einem nahezu rechtsfreien Raum nützt das wenig.“

Direktor Gary Dunning ist zuversichtlich, dass die Analysen und Empfehlungen des Wald-Dialogs auch zu diesen Problemen bei den Teilnehmern der Kopenhagen-Konferenz auf Interesse stoßen: „Wir repräsentieren die wichtigsten Stakeholder. Wird deren Meinung ignoriert, scheitern die Waldschutz-Projekte. Das wissen die Regierungen.“ (Charlotte Walser, InfoSüd)

erschienen in Ausgabe 10 / 2009: Homosexualität: Akzeptiert, verdrängt, verboten