Lithiumabbau in Bolivien
Lithiumabbau in Bolivien

„Die Anwohner wollen profitieren“

Janine Romero erklärt, warum ein deutsch-bolivianisches Projekt zum Lithiumabbau gestoppt wurde.

Die Politikwissenschaftlerin Janine Romero hat an der Universität Erfurt zur Frage promoviert, wie die lokale Bevölkerung in Bolivien die Förderung von Lithium wahrnimmt. Privat
Bolivien hat Anfang November die Zusammenarbeit mit der deutschen Firma ACI Systems Alemania (ACISA) beim Abbau von Lithium überraschend für beendet erklärt. Was ist passiert?
Das hat mit der politischen Krise in Bolivien zu tun. Als Evo Morales entschieden hat, das Projekt auf Eis zu legen, war er noch nicht als Präsident zurückgetreten, aber schon stark unter Druck geraten – auch innerhalb der Bevölkerung um den Salzsee Salar de Uyuni, wo das Lithium gewonnen wird. Als ich vor drei Jahren dort Interviews geführt habe, haben die meisten Anwohner das Projekt befürwortet, weil sie sich davon Einnahmen erhofft haben. Streit gab es darüber, wie diese Einnahmen verteilt werden. Aber viele haben der Partei von Evo Morales vertraut, dass sie das Problem lösen wird. In den vergangenen Monaten ist das Vertrauen aber gesunken und die Kritik wurde lauter. Also hat die Regierung das Projekt gestoppt, um ihre Anhänger bei der Stange zu halten und zu zeigen, dass man die Bedenken lokaler Gruppen ernst nimmt.

Worum dreht sich der Streit genau?
Boliviens Bergbaugesetz sieht vor, dass drei Prozent der Umsätze von Bergbauprojekten an die lokale Bevölkerung gehen. Davon erhält die Provinz 85 Prozent, in diesem Fall Potosí. Die restlichen 15 Prozent gehen an die lokale Abbaugemeinde. Die Regierung hat aber nie richtig transparent gemacht, welche der fünf Gemeinden um den Salzsee davon profitieren wird. Hinzu kommen historisch belastete Spannungen zwischen den Gemeinden, in denen verschiedene indigene Gruppen leben.

Geht es auch um mögliche Umweltschäden wie den Wassermangel?
In der Vergangenheit hat das für die Menschen vor Ort so gut wie keine große Rolle gespielt, obwohl dies natürlich ein Problem ist. Wichtiger war es den Menschen aber, wirtschaftlich vom Abbau zu profitieren. Die Region ist eine der ärmsten in Bolivien. Im Zuge der aktuellen Kritik wurden aber auch Forderungen laut, die Umweltfolgen stärker in den Blick zu nehmen.

Wie kann es jetzt weiter gehen?
Wer auch immer künftig die Regierung stellt, kommt um das Thema nicht herum. Der Abbau kann nicht einfach beendet werden. Es wurde schon viel investiert, Anlagen wurden gebaut. Außerdem hat die Politik unter der Bevölkerung mit dem Projekt hohe Erwartungen geschürt. Eine Neuorganisation muss daher auch einen wirklichen Dialog mit der lokalen Bevölkerung beinhalten.

Was kann der deutsche Partner tun?
Die Möglichkeiten sind begrenzt. ACISA kann auf ein seriöses und unabhängiges Umweltgutachten und eine mehr Transparenz bei der Verteilung der Einnahmen drängen, aber umsetzen muss das die Politik in Bolivien. Die deutsche Firma wollte ja die lokale Wertschöpfung stärken, zum Beispiel mit der Herstellung von Batteriezellen vor Ort und der Ausbildung. Wenn sie sich jetzt zurückziehen würde, stünden die Gemeinden mit leeren Händen da.

Das Gespräch führte Sebastian Drescher.

erschienen in Ausgabe 12 / 2019: Armut: Es fehlt nicht nur am Geld

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