Armutgrenze
Soll diese Familie in einem Slum in Colombo (Sri Lanka) als arm oder extrem arm ­gelten? Über die Armutsgrenzen streiten Fachleute heftig.  
Armutgrenze

Von Zahlen und Menschen

Extreme Armut trifft einen immer kleineren Teil der Menschheit – so zeigen es Statistiken von Ökonomen. Doch es wird heiß debattiert, was sie bedeuten und was sie verschleiern.

Armutsbekämpfung ist ein Kernanliegen der Entwicklungszusammenarbeit, der kleinste gemeinsame Nenner einer Industrie, in der jährlich mindestens 450 Milliarden Euro private Spenden und öffentliche Gelder umgesetzt werden und die weltweit mehrere Millionen Menschen beschäftigt. Es ist also selbstverständlich, dass es ziemlich unumstrittene Zahlen dazu gibt, wie viele Menschen weltweit in Armut leben und wie sich das über die letzten Jahrzehnte verändert hat.

Das dachte sich jedenfalls Bill Gates, der Gründer von Microsoft und Co-Vorsitzende der Bill & Melinda Gates Stiftung. Gates ist der vielleicht einflussreichste private Akteur in der globalen Entwicklungsdebatte, seine Worte finden in der Szene Beachtung. Auf Twitter hat er im Januar eine Infografik publiziert, die zeigt, dass sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen zwischen 1820 und 2015 von 94,4 auf 9,6 Prozent verringert hat. Damit hat er eine heftige Debatte über die Zuverlässigkeit dieser Daten und unser Verständnis von Armut ausgelöst.

Die von Gates verbreitete Infografik ist nicht neu; sie kursiert schon seit Jahren als Teil des Projekts „Our World in Data“ des Wirtschaftswissenschaftlers Max Roser. Gates, Roser und ihre Unterstützer sehen in ihr einen von vielen Belegen für den Erfolg der weltweiten Bemühungen zur Armutsbekämpfung. Der Anthropologe Jason Hickel, lautstärkster Vertreter der Kritiker, zweifelt dagegen schon die Zuverlässigkeit und Aussagekraft der zugrunde gelegten Daten an und kommt zu dem Schluss, dass bei einer realitätsnahen Definition von Armut sich die Zahl der betroffenen Menschen in den letzten Jahrzehnten nur unwesentlich verringert hat.

Simple Definition von „extremer Armut“

Die Debatte zwischen Gates, Roser und Hickel ist komplex und in Teilen esoterisch – aber es lohnt sich, sie zu verstehen. Denn im Kern geht es nicht um statistische Modelle und historische Datensammlungen. Auf dem Spiel steht vielmehr die viel grundlegendere Frage: Trägt eine wirtschaftsliberale kapitalistische Ordnung zur Armutsreduzierung bei, oder hält sie im Gegenteil Menschen grundlos in Armut?

Ein Grund, dass sich an dem Tweet von Bill Gates ein handfester Streit zwischen gestandenen Persönlichkeiten der Entwicklungsforschung entfachen konnte, ist die recht simple Definition von „extremer Armut“, die hier herangezogen wird. Den Vorgaben der Weltbank folgend gilt hier als extrem arm, wer pro Tag Waren und Dienstleistungen im Wert von 1,90 Dollar oder weniger konsumiert. Dabei handelt es sich um „internationale Dollar“, das heißt, die Summe wird um Unterschiede in der Kaufkraft von Land zu Land um die Inflation bereinigt.

2018 entsprach dieser Wert für Deutschland einem Konsum von etwa 1,50 Euro pro Person und Tag, für eine vierköpfige Familie also Waren und Dienstleistungen im Wert von etwa 195 Euro im Monat. Dieselbe Familie in Südafrika könnte monatlich umgerechnet höchstens etwa 93 Euro ausgeben, um als „extrem arm“ zu gelten. Staatliche Leistungen wie kostenlose oder von einer gesetzlichen Versicherung bezahlte Arztbesuche werden in diesen Summen genauso berücksichtigt wie Geschenke.

Lächerlich niedrige Armutsgrenze

Man muss kein Armutsforscher sein, um zu erkennen, dass diese Armutsgrenze schon fast lächerlich niedrig ist. Das Wort „extrem“ ist sicherlich angebracht, greift aber noch zu kurz. Selbst Subsistenzbauern, die auf frei verfügbare Naturgüter zurückgreifen können, können ohne ein gewisses Geldeinkommen ihre Felder nicht zuverlässig bewässern oder düngen und weder verbessertes Saatgut noch Maschinen kaufen. Eine schlechte Ernte, eine Krankheit und jede Art von Missgeschick kann bei einer solchen Existenz schnell zum Absturz führen.

Tatsächlich gibt es der Weltbank zufolge in Deutschland keine einzige Person, die mit so wenig Geld auskommen muss. Selbst gemessen an den Erwartungen der Menschen in den ärmsten Ländern der Welt ist ein Leben unterhalb dieser internationalen Armutsgrenze kaum vorstellbar. Zudem stellt sich die Frage, ob eine Person, die pro Tag 2 Dollar zum Konsum zur Verfügung hat, nennenswert weniger arm ist als eine, die nur 1,90 Dollar ausgeben kann.

Tatsächlich ist die Notwendigkeit einer realistischeren Armutsgrenze weitgehend unbestritten. Die Einigkeit endet allerdings bei der Suche nach der passenden Zahl. Die Weltbank bietet auch für die Grenzen von 3,20 und 5,50 Dollar Datensätze zur Zahl der Armen an. Viele Forscher sehen 7,40 Dollar als eine realistische Grenze, denn sie macht laut Hickel eine Ernährung ohne Mangel und eine einigermaßen normale Lebenserwartung möglich. Die höchsten Forderungen reichen bis zu 15 Dollar. Das würde dann etwa 1550 Euro für eine vierköpfige Familie in Deutschland bedeuten, wohlgemerkt inklusive dem monetären Gegenwert aller staatlichen Leistungen.

Legt man diese höheren Armutsgrenzen an, dann sieht das Bild der globalen Armutsbekämpfung nicht mehr ganz so rosig aus. 46 Prozent der Weltbevölkerung fielen 2015 laut Weltbank unter die Marke von 5,50 Dollar Konsum pro Tag. Und Daten von 2008 legen nahe, dass damals noch etwa 85 Prozent aller Menschen weniger als 10.89 Dollar pro Tag konsumierten, was laut Roser die Grenze für Zugang zu einer akzeptablen Gesundheitsversorgung darstellt. Diese höheren Armutsgrenzen führen auch zu einem erheblich schlechteren Bild über die zukünftige Entwicklung: Dass noch zu unseren Lebzeiten kein Mensch mehr mit weniger als 7,40 Dollar pro Tag auskommen muss, gilt mit Blick auf die gegenwärtigen Trends als unerreichbar. Von ambitionierteren Zielen ganz zu schweigen.

Keine rein objektiv-wissenschaftliche Frage

Forscher wie Jason Hickel finden rein am Konsum orientierte Armutsgrenzen darüber hinaus völlig unzureichend. Viele wichtige Dimensionen von Armut, die mit Konsum nicht erfasst werden, würden so ignoriert. Eine ehrliche Erfassung der globalen Armut würde neben dem Konsum auch die Lebenserwartung, Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und andere Indikatoren berücksichtigen, so die Argumentation.

Autor

Peter Dörrie

ist freier Journalist und berichtet über Ressourcen- und Sicherheitspolitik in Afrika.
Damit ist man mitten in einer ideologischen Debatte angekommen. Denn die Frage, was gemessen wird und auf welche Datengrundlage man sich bezieht, ist keine rein objektiv-wissenschaftliche. Für Hickel sind zum Beispiel die Berücksichtigung der Jahre 1820 bis 1980 in dem von Gates und Roser veröffentlichten Schaubild vor allem eines: kapitalistische und den Kolonialismus verherrlichende Propaganda. Durch eine selektive Definition von Armut und Wohlstand sollten die Zerstörungen der Kolonialisierung und die Schäden einer liberalen Wirtschaftspolitik aus der Geschichtsschreibung getilgt werden, so Hickel.

Tatsächlich haben die Kolonialisierung und die Verbreitung kapitalistischer Wirtschaftssysteme fast zwangsläufig zu erhöhtem Konsum geführt: Von Dakar bis Kapstadt wurden immer mehr Bauern in die Weltwirtschaft integriert. Mit dem Anbau von für den Markt bestimmten Früchten wie Baumwolle und Erdnüssen oder als Arbeitskräfte auf Plantagen und in Minen verdienten sie Geld und konnten es für importierte Waren ausgeben, während die Kolonialverwaltungen Verkehrsinfrastruktur und Dienstleistungen ausbauten.

Dieses Beispiel zeigt, dass Konsum und Lebensqualität nicht zwingend zusammenhängen. Im Kongo etwa erhöhte der systematische Ausbau der Kautschukproduktion ab 1890 sicherlich den Konsum der einheimischen Vorarbeiter und Kolonialbeamten. Dass zum Erreichen der Produktionsziele aber große Teile der Bevölkerung versklavt, systematisch verstümmelt oder umgebracht wurden, spiegelt sich in den Zahlen nicht wider. Denn die Betroffenen dürften auch vorher als „extrem arm“ gegolten haben, an ihrem Status im Sinne der Statistik änderte sich also nichts.

Die Effekte der Kolonialherrschaft:

Der Kongo ist ein extremes, aber typisches Beispiel für die Effekte der Kolonialherrschaft: Wo sich vorher kleine Gemeinschaften selbst versorgen und verwalten konnten, entstanden nun Abhängigkeitsverhältnisse. Wer sich widersetzte,  wurde verfolgt. Natürliche Ressourcen konnten in vorkolonialen Gesellschaften oft ohne monetäre Gegenleistung genutzt werden, denn ihre Verwaltung oblag der Gemeinschaft, nicht dem Individuum. Die neuen Herrscher aus Europa beschränkten dagegen zunehmend den Zugang zu Land und Wasser oder forderten Steuern und Abgaben für ihre Nutzung. Der scheinbare Widerspruch zwischen monetärem Wohlstand und Zugang zu technologischen Innovationen auf der einen Seite und gesellschaftlicher Entwurzelung und Zerstörung wirtschaftlicher und sozialer Strukturen auf der anderen Seite wird eindrucksvoll in der „Afrikanischen Trilogie“ des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe beschrieben.

Auch andere Aspekte der Armutsdebatte verschieben den Streit von der Statistik hin zur Ideologie. Für die Anhänger einer konsumorientierten und niedrigen Armutsgrenze sind die Daten ein Beleg dafür, dass Armut vor allem durch Wirtschaftswachstum verringert werden kann. Zu diesem Ergebnis kann man bei der Analyse der Zahlen leicht kommen: Kein einziges Land mit einem durchschnittlichen Einkommen pro Kopf von mehr als 15.000 Dollar hat nach dieser Definition ein nennenswertes Problem mit extremer Armut. Entsprechend finden sich unter den Verfechtern dieser Sichtweise vor allem Anhänger einer liberalen Wirtschaftspolitik. Denn wenn Wirtschaftswachstum bei der Bekämpfung von Armut hilft, ist natürlich alles schädlich, was das Wachstum der Wirtschaft behindern könnte. Diese Logik liegt auch den Strukturanpassungsprogrammen des Internationalen Währungsfonds zugrunde.

Eine multidimensionale Definition von Armut steht diesem Ansatz entgegen. So misst der „Global Multidimensional Poverty Index“ zehn unterschiedliche Indikatoren, darunter Ernährung, Unterkunft, Zugang zu Wasser, Strom und sauberen Energieträgern zum Kochen sowie Schulbesuch. Das rückt staatliche Interventionen ins Zentrum der Debatte, denn die Versorgung der breiten Bevölkerung mit Bildung und grundlegender Infrastruktur haben bisher noch nirgendwo Private erfolgreich geleistet.

Wasserverkäufer auf den Philippinen. Heute müssen auch Arme für Trinkwasser bezahlen – ­früher war der Zugang kostenlos. Artur Widak/Nurphoto/Getty Images
Eine andere Schwachstelle der Debatte ist die globale Perspektive. Egal, ob nur Konsum oder mehrere Armutsdimensionen: Ein sehr großer Teil der globalen Armutsminderung hat in den letzten Jahrzehnten in einigen wenigen Ländern stattgefunden, insbesondere in China. In der Volksrepublik lebten 1990 noch zwei Drittel aller Menschen von weniger als dem Gegenwert dessen, was heute 1,90 Dollar am Tag wert sind – heute nur noch weniger als ein Prozent. Auch der Anteil derjenigen, die mit weniger als 10 internationalen Dollar am Tag auskommen müssen, fällt in China seit etwa dem Jahr 2000 rapide, obwohl die Bevölkerung des Landes seitdem weiter stark gewachsen ist.

In Subsahara-Afrika konnte der Anteil der in ex-tremer Armut Lebenden seit 1990 dagegen nur ein gutes Zehntel auf 41 Prozent gesenkt werden. Der Anteil der Menschen, die weniger als 10 Dollar pro Tag konsumieren, liegt seit 1990 praktisch unverändert bei etwa 95 Prozent.  

Alternative zum Konzept der liberalen Armutsbekämpfung

Der Erfolg Chinas wurde lange Zeit als Triumph der wirtschaftlichen Öffnung des Landes gesehen. Heute gilt der Fall dagegen als Alternative zum Konzept der liberalen Armutsbekämpfung. Denn während die chinesische Regierung die staatliche Lenkung der Wirtschaft nie aufgegeben hat, sind viele afrikanische Staaten, die sich dem wirtschaftsliberalen Diktat westlicher Institutionen unterworfen haben, selbst bei der Bekämpfung extremster Armut nur wenig vorangekommen.

Auch wenn um unterschiedliche Definitionen und Bewertungen hart gerungen wird: Es ist ein großer Erfolg, dass in den letzten Jahrzehnten trotz einer rasant wachsenden Weltbevölkerung ein immer größerer Anteil der Menschheit aus extremer Armut entkommen und über die verschiedenen Armutsgrenzen hinweg aufsteigen konnte. Milliarden von Menschen leben heute länger und besser, als das zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorstellbar war. Dass viele von ihnen in China leben, macht diesen Erfolg nicht weniger wertvoll.

Das kann aber nicht davon ablenken, dass die internationale Armutsdebatte dringend eine Erneuerung braucht. Die Reduzierung eines so komplexen Phänomens wie Armut auf den Konsum ist nur noch wenig hilfreich. Auch weil Konsum zunehmend nicht mehr als zivilisatorische Errungenschaft, sondern als Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlage gesehen wird. Natürlich ist es weder sinnvoll noch notwendig, Armutsbekämpfung und Klimaschutz gegeneinander auszuspielen. Die Pflicht, Ressourcen einzusparen, liegt zuallererst bei den wohlhabenden Teilen der Weltbevölkerung. Wo immer möglich, sollte aber auch bei der Armutsreduktion eine Entkoppelung von Lebensqualität und Ressourcenverbrauch angestrebt werden. Das ist eher möglich, wenn Armut multidimensional verstanden wird und damit öffentliche Güter stärker beachtet werden. Es geht darum, auf nationaler oder lokaler Ebene Strategien zur Armutsbekämpfung zu entwickeln, die an tatsächlichen Bedürfnissen ansetzen.

Für die Verfechter freier Märkte und freien Handels wird dieses Umdenken unbequem. Eine kritische Betrachtung der letzten Jahrzehnte macht klar, dass eine liberale Wirtschaftspolitik bei der Bekämpfung von Armut oft eher Teil des Problems als der Lösung war. Internationaler Druck und Unterstützung wird sich zukünftig eher für die Stärkung staatlicher Leistungen stark machen müssen als für Schuldenabbau und Sparprogramme. Sonst wird weder das Entwicklungsziel der Vereinten Nationen, extreme Armut bis 2030 zu beenden, noch die Ausrottung von Armut im weiteren Sinne während unserer Lebenszeit erreichbar sein.

erschienen in Ausgabe 12 / 2019: Armut: Es fehlt nicht nur am Geld

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