Wenn Gewinn nicht alles ist

Gerade in wirtschaftlichen Krisen wird der Ruf nach neuen Wirtschaftsformen laut. Aus diesem Grund entstanden in Europa im 19. Jahrhundert die ersten Genossenschaften, als sich dort die freie Marktwirtschaft durchsetzte. Die Erwartung, Genossenschaften könnten einen „Dritten Weg“ zwischen Staats- und Marktwirtschaft ebnen, hat sich bislang zwar nicht erfüllt. Viele von ihnen zeigen aber, dass Formen des Wirtschaftens möglich sind, die nicht ausschließlich auf Profitmaximierung zielen.

Es ist kein Zufall, dass sich die modernen Genossenschaften im 19. Jahrhundert entwickelten und dort auch die Wurzeln der heutigen Sozial- und Wohlfahrtsstaaten zu finden sind. Damals breitete sich, begünstigt von Reformen wie der Bauernbefreiung und der Gewerbefreiheit – also der Aufhebung des Zunftzwangs – die freie Marktwirtschaft in Europa aus. Große Teile der Bevölkerung standen unter Anpassungsdruck. Die sogenannte Industrielle Revolution führte nicht nur zur Massengüterproduktion, sondern hatte auch die Verelendung großer Teile der Bevölkerung zur Folge. Am deutlichsten war das bei den Arbeitern zu sehen, aber die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche trafen auch Bauern, Handwerker und kleine Gewerbetreibende.

Autoren

Ingrid Schmale

ist Lehr- und Forschungsbeauftragte am Seminar für Genossenschafts­wesen der Universität Köln. Sie hat Volkswirtschaft und Soziologie studiert und in Genossenschaftslehre promoviert.

Johannes Blome-Drees

ist Lehr- und Forschungsbeauftragter am Seminar für Genossenschafts­wesen der Universität Köln. Als Betriebswirt hat er in Genossenschaftslehre promoviert.

Schon früh zeigten sich die bedrückenden sozialen Folgen in England. Kinderarbeit, katastrophale Wohnverhältnisse der Arbeiterfamilien, 12-Stunden-Arbeitstage bei einer 6-Tage-Woche, Sonntagsarbeit, Löhne in Höhe des Existenzminimums und Arbeitslosigkeit – die Lebenslage der Arbeiterfamilien war entwürdigend. Nicht selten wurden Arbeiter statt mit Geld mit Konsumgütern des täglichen Bedarfs entlohnt, für die hohe Preise berechnet wurden, oder sogar mit den von ihnen selbst erzeugten Waren, deren Absatz ihnen überlassen blieb. Eine staatliche Gewerbeaufsicht oder gar ein staatliches Sozial(hilfe)system existierte nicht. Die politisch rechtlosen und wirtschaftlich schwachen Arbeiter mussten selbst aktiv werden.

Schon ab 1760 entwickelten sich in Großbritannien Konsumvereine, durch die Arbeiter aufgrund der gemeinsamen Beschaffung preisgünstige Lebensmitteln beziehen konnten; um 1832 gab es in Südengland bereits zwischen 400 und 500 Konsumvereine für Industrie- und Landarbeiter. Als eigentliche Geburtsstunde der konsumgenossenschaftlichen Bewegung gilt aber der Zusammenschluss der sogenannten „redlichen Pioniere von Rochdale“ (nahe Manchester) 1843. Flanellweber, die von dem Vorzeigeunternehmer und Sozialreformer Robert Owen und dem christlichen Sozialreformer William King beeinflusst waren, eröffneten 1844 ihren berühmten genossenschaftlichen Konsumladen. Anfänglich verspottet und belächelt, propagierten die Pioniere aus Rochdale die Prinzipien der solidarischen Selbsthilfe, die später als die Prinzipien der internationalen Genossenschaftsbewegung Weltgeltung erlangen sollten:

Demokratieprinzip: Jedes Mitglied hat eine Stimme – unabhängig von der Höhe der gezeichneten Anteile und unabhängig von seinem Umsatz mit der Genossenschaft.

Gleichberechtigung: Männer und Frauen haben gleiche Rechte.

Offene und freiwillige Mitgliedschaft: Jeder darf zu jeder Zeit zu den gleichen Bedingungen wie die bisherigen Mitglieder der Genossenschaft beitreten; die Mitgliedschaft ist freiwillig.

Begrenzte Dividende: Die Verzinsung der eingezahlten Anteile ist fest und begrenzt. An steigenden Gewinnen sollten die Genossen als Kapitalgeber nicht teilhaben.

Stattdessen wird jeder anteilig in Höhe seines individuellen Umsatzes an den Überschüssen beteiligt. Dieses Prinzip der Rückvergütung ist das charakteristische Wesensmerkmal der genossenschaftlichen Wirtschaftsweise geworden.

Die Bildung von sozialisiertem Kapital: Ein Teil der Überschüsse wird einem unteilbaren Fonds der Genossenschaft zugeführt, um die Nachhaltigkeit der Genossenschaft zu sichern.

Barzahlung: Die Käufer müssen Waren bar zahlen.

Verbraucherschutz: Nur unverfälschte Waren mit vollem Gewicht kommen in den Verkauf.

Die Genossenschaft fördert Erziehung und Bildung der Mitglieder.

Die Genossenschaft ist politisch und religiös neutral.

Bei der Zeichnung eines Genossenschaftsanteils genügte eine geringe Anzahlung, die fehlenden Raten wurden durch Rückvergütung angespart. So war es jedem möglich, Mitglied der Konsumgenossenschaft zu werden. Die Identität von Kunden und Mitgliedern, beziehungsweise von Lieferanten und Mitgliedern in (landwirtschaftlichen) Absatzgenossenschaften, die die Produkte ihrer Mitglieder gemeinsam vermarkten, war lange Zeit selbstverständlich.

Aber die Pioniere von Rochdale wollten mehr als nur die Handelsstufe der Einzelhändler ausschalten. Ihr Ziel war die Errichtung einer autarken Gemeinschaftssiedlung. Dazu sollten die Mitglieder sich gegenseitig beim Bau von Wohnungen und Häusern helfen, und auf gekauften oder gepachteten Landgütern sollten arbeitslose Mitglieder die Waren für den Verkauf herstellen. Neue Lebens- und Arbeitsformen suchten auch Genossenschaftspioniere wie Charles Fourier und Louis Blanc in Frankreich. Durch Gruppenorganisationen sollte das Gute im Menschen gefördert und die soziale Neuordnung vorangetrieben werden. Dabei plädierte Louis Blanc wie später der Deutsche Ferdinand Lassalle dafür, dass der Staat das notwendige Kapital zur Gründung von Produktivgenossenschaften bereitstellen solle.

Die Prinzipien der Genossenschaften waren bewusst in Abgrenzung zu kapitalistisch orientierten Unternehmen formuliert worden: Die Genossenschaft dient dem Menschen und nicht dem Kapitalgeber. Auf die materiellen und ideellen, geistigen Bedürfnisse der Mitglieder richtet sich der Unternehmenszweck, nicht auf den Gewinn. Die Mitglieder geben die Richtung der Geschäftspolitik vor. Sie bestimmen die Satzung, wählen aus ihren Reihen den Aufsichtsrat sowie den Vorstand der Genossenschaft und stellen den Jahresabschluss fest.

Damit knüpften die Genossenschaften im 19. Jahrhundert an Traditionen an, die in die Antike und ins Hochmittelalter zurückgehen. In der vorindustriellen Zeit vereinbarten Mitglieder von Dorfgenossenschaften sowie der Wirtschaftsverbände alter Agrargenossenschaften und der Handwerkerzünfte gemeinsam Regeln für das Wirtschaftsleben. Das Beispiel der Schweizerischen Eidgenossenschaft zeigt, dass auch Staatenbildung durch genossenschaftliche Einigung möglich war. Das „Moderne“ an den Genossenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts ist jedoch die Freiwilligkeit und Offenheit der Mitgliedschaft.

Victor Aimé Huber, der als Pionier der Siedlungs- und Wohnungsbaugenossenschaften in Deutschland bekannt wurde, lernte schon früh auf seinen Reisen und durch persönliche Bekanntschaften die Verhältnisse in England kennen und machte sich daran, den sozialen Problemen der Industrialisierung mit genossenschaftlichen Wohnprojekten und entsprechenden Publikationen zu begegnen. Neben ihm wurden vor allem Hermann Schulze-Delitzsch, der Begründer des deutschen Genossenschaftsgesetzes, und Friedrich Wilhelm Raiffeisen aktiv. Auch sie schufen genossenschaftliche Selbsthilfeeinrichtungen – Schulze-Delitzsch vor allem im städtischen Bereich für Gewerbetreibende (Schuster-Einkaufsgenossenschaft, Darlehensvereine, später Volksbanken) und Raiffeisen im ländlichen Bereich (Hilfsvereine für die ländliche Bevölkerung, Raiffeisengenossenschaften und -banken). Ihr Ziel war es, selbstständige Handwerker, Gewerbetreibende und Landwirte durch gemeinsame Selbsthilfe zu stärken und ihnen den Marktzutritt zum Beispiel durch Kreditvergabe zu ermöglichen. Die Genossenschaften der Landwirte, der Handwerker und der Gewerbetreibenden, die sich nicht als Teil einer sozialen Bewegung sahen, haben sich zu einer bis heute oft unterschätzten Größe entwickelt. 16 Millionen Menschen sind heute in Deutschland Mitglied in einer Volksbank oder Raiffeisenbank, weitere vier Millionen in landwirtschaftlichen und gewerblichen Genossenschaften sowie in Wohnungsgenossenschaften und einigen noch verbliebenen Konsumgenossenschaften. Die in der Tradition von Schulze-Delitzsch oder Raiffeisen agierenden Genossenschaften sind eine alternative Form des Wirtschaftens, ohne dass sie den Anspruch der Gesellschaftsreform für sich reklamieren.

Nach vielen Gründungsproblemen gewann die Genossenschaftsbewegung in Europa an Fahrt. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es überall Genossenschaften, die sich als Teil einer sozialen Bewegung verstanden und in der genossenschaftlichen Wirtschaftsweise eine gesellschaftsverändernde Kraft vermuteten. Die Genossenschaftsbewegung wurde neben den Gewerkschaften und den Parteien die dritte Säule der Arbeiterbewegung. Die von konservativen Kräften abgelehnten und bekämpften Produktivgenossenschaften, die als Königsweg zum Sozialismus galten, konnten sich bis zum Zweiten Weltkrieg in Deutschland nicht als gestaltende Kraft im Sinne von Ferdinand Lassalle und Karl Marx durchsetzen. Umso mehr gelangten in der Weimarer Zeit Konsumgenossenschaften zur Blüte, die ganze Industrien zur Warenherstellung und so ein ganzes Verbundsystem aufbauten. Jedoch stießen sie nicht nur bei konservativen Kräften auf Widerstand und Ablehnung, sondern zunächst auch bei Sozialisten und Sozialdemokraten, die sie verächtlich als genossenschaftliche Kramläden bezeichneten. Außer in der Schweiz, wo COOP-Filialen und Geschäfte der Migros-Gruppe die Einkaufslandschaft bestimmen, sind die Konsumgenossenschaften in Europa eingegangen. Zum Teil lag das an Missmanagement oder kriminellen Machenschaften, zum Teil auch an ungünstigen staatlichen Reglementierungen.

Der französische Nationalökonom und Genossenschaftsexperte Charles Gide entwarf Ende der 1920er Jahre die Vision einer „Kooperativen Gesellschaft“, die durch das Wirken der Konsumgenossenschaften mit ihren Produktionsstätten Stück für Stück Wirtschaft und Gesellschaft mit einer genossenschaftlichen Struktur durchwebt (Pankooperatismus). Der Weg der Geschichte ist gepflastert mit derlei gescheiterten „Dritten Wegen“ wie Kooperatismus, Solidarismus, Mutualismus oder Genossenschaftssozialismus.

Heute erscheint es nicht mehr sinnvoll, von kooperativen „Dritten Wegen“ eine Reform der Gesellschaft zu erwarten. Praktiker und Genossenschaftswissenschaftler betonen nun den Wert der Vielfalt gegenüber Einheitskonzepten. Heute wird unter dem Stichwort „Wohlfahrtsmischung“ (welfare mix) eine ganze Palette von Betriebsformen in den Blick genommen – vom erwerbswirtschaftlichen Unternehmen, das sich an Wettbewerb und der Marktwirtschaft orientiert, bis hin zu monopolistischen Staatsbetrieben. Dazu gehören als Organisationen des Non-Profit-Sektors genossenschaftlich wirtschaftende Unternehmen, Vereine, Tauschringe oder selbstverwaltete Betriebe, die nicht primär gewinnorientiert arbeiten, sondern sich am Bedarf ihrer Mitglieder und an sozialen Gruppen – wie Frauen- oder Seniorengruppen, Gruppen mit einer speziellen Krankheit oder Behinderung, Arbeitslose oder Schüler – orientieren. Diese ordnungspolitische Vielfalt gilt als Wert an sich und ist daher zu etablieren und zu sichern.

Auch die Genossenschaften selbst weisen heute eine große Vielfalt auf. Es gibt eine beachtliche Anzahl von Genossenschaften, die gemäß der alten Tradition ihre Mitglieder fördern und nur für diese wirtschaften. Gleichzeitig gibt es viele Genossenschaften, denen das einzelne Mitglied aus dem Blick geraten ist und die als erwerbswirtschaftliche Unternehmen ihre Aufmerksamkeit voll auf ihre Bilanz richten. Insbesondere die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Deutschland haben sich in den letzten Jahrzehnten bemüht, Banken wie jede andere zu sein. Viele Genossenschaften und Genossenschaftsverbände propagieren heute die Rückbesinnung auf ihre Wurzeln. Beispiele dafür sind auch die großen Verbünde des Lebensmitteleinzelhandels Edeka und REWE, die von den Genossenschaften der selbstständigen Einzelhändler getragen werden. Erkannt wird zudem ein ganz besonderer Vorteil der genossenschaftlichen Rechtsform: Ohne Einwilligung der Mitglieder kann das genossenschaftliche Unternehmen nicht von Dritten gekauft werden.

Seit einiger Zeit werden in Deutschland Genossenschaften wieder verstärkt neu gegründet. Viele Beispiele zeigen, dass die Genossenschaftsidee ganze Dörfer, Berufsgruppen, Patientengruppen, Leser einer Zeitung, Gegner der Atomkraft und andere vereinen kann und neue Formen des Wirtschaftens entstehen. Beispiele sind das Bioenergiedorf Jühnde, das in einem Modellprojekt die komplette Strom- und Wärmeversorgung des Ortes auf Biomasse umstellen will, die Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein, die Genossenschaft der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater DATEV, die Spastikerhilfe Berlin, die Tageszeitung „taz“, Greenpeace Energy und viele weitere. Die zukünftige Bedeutung der Genossenschaften hängt heute ebenso wie vor 150 Jahren davon ab, ob es ihnen gelingen wird, für ihre Mitglieder nachhaltig innovative Geschäfts- und Aktionsfelder zu schaffen, die in dieser Form auf dem Markt nicht zu finden sind.

 

erschienen in Ausgabe 11 / 2009: Anders wirtschaften