„Die Politik tut nichts gegen die Ursachen der Gewalt“

In Nigeria liefern sich Christen und Muslime immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen, vor allem im Norden des Landes, wo die Muslime in der Mehrheit sind. Laut Emir Alhaji Haruna Abdullahi, dem religiösen Oberhaupt der Muslime im Bezirk Wase in Zentralnigeria, haben diese Konflikte jedoch häufig nicht religiöse Ursachen. Emir Abdullahi versucht gemeinsam mit christlichen Amtsträgern Spannungen zwischen Christen und Muslimen in Nigeria zu entschärfen, zum Beispiel mit dem Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama, mit dem er kürzlich auf Einladung des katholischen Missionswerks missio zu Gast in Deutschland war.

Weshalb kommt es in Nigeria zwischen Muslimen und Christen immer wieder zu Gewalt?

Die Nigerianer sind in ihrer großen Mehrheit sehr religiös. Aber die Konflikte in Nigeria haben meiner Meinung nach andere Ursachen. Die unterschiedlichen Interessen werden lediglich mit religiöser Rhetorik kaschiert. Nehmen wir die Situation in der Stadt Jos. Hier leben sehr viele Christen. Im Laufe der Zeit sind aber mehr und mehr Menschen nach Jos gezogen, die ethnisch und religiös nicht der Mehrheit angehören. Diese Menschen leben dort teilweise seit Jahrzehnten und sind oft erfolgreiche Farmer und Geschäftsleute. Dennoch werden sie weiterhin als Zugereiste behandelt. Sie haben  schlechtere Chancen, öffentliche Ämter zu bekommen, ihre Kinder in öffentliche Schulen zu schicken und ähnliches. Der Konflikt in Jos im November 2008 entzündete sich an Wahlergebnissen in einem muslimischen Viertel. Die Muslime wollten nicht glauben, dass bei ihnen ein christlicher Kandidat so viele Stimmen bekommen hatte. Andernorts kam es zum Konflikt, weil christliche Händler auf einem Markt Stände aufbauten, der traditionell von muslimischen Haussa beschickt wird. Das hatte also einen wirtschaftlichen Hintergrund, wurde aber als christlich-muslimischer Konflikt dargestellt.

Wie groß ist Ihr Einfluss als Emir auf die Muslime im Norden Nigerias?

Wir haben Einfluss, allerdings ist generell der Einfluss traditioneller Autoritäten zurückgegangen. Die Jugend bekommt über das Fernsehen mit, was in der Welt passiert, und wird von der Globalisierung stark geprägt. Und es gibt große soziale Umwälzungen und politische Verteilungskämpfe. Vermittlung ist eine zähe, langfristige Angelegenheit mit Fortschritten und Rückschlägen.

Haben moderate Geistliche Kontakte zur muslimischen Sekte Boko Haram gehabt, die die jüngste Gewalt in Maiduguri im Nordosten des Landes ausgelöst hat?

Boko Haram ist doch keine offizielle Organisation, die sich in irgendeine Struktur eingefügt hat. Stattdessen hat der Anführer mit religiöser Rhetorik Anhänger angelockt, die er manipulieren kann. In den Regionen, in denen ich Verantwortung trage, ist Boko Haram nicht aufgetreten.

Warum finden solche radikalen Bewegungen unter Muslimen Anhänger?

Wörtlich übersetzt heißt Boko Haram: ,Westliche Bildung ist Sünde‘. Dem wird gern etwas Kulturkämpferisches angehängt, man kann es aber auch ganz praktisch verstehen. Junge Menschen, die bei uns auf höhere Schulen gehen oder studieren, hoffen auf gut bezahlte Bürojobs nach dem Studium. Aber davon gibt es nur sehr wenige. Andere Arbeit wollen die jungen Leute aber nicht. Stattdessen gehen sie nach dem Studium zurück nach Hause und fallen den Eltern wieder zur Last. Da kann man wirklich sagen, dass ihnen westliche Bildung nichts gebracht hat. Junge, gut ausgebildete und frustrierte Männer sind leichte Beute für Leute, die ihnen ein bisschen Beschäftigung und Geld bieten. Das gilt sowohl für Christen als auch für Muslime. Ich und der Erzbischof wollen deshalb, dass die Lehrpläne von Anfang an stärker auf eine praktische Beschäftigung ausgelegt werden. Auch gut Ausgebildete müssen bereit sein, nach der Ausbildung in der Landwirtschaft, dem Handel oder dem Handwerk ihr Geld zu verdienen.

Welchen Beitrag leistet die Politik der nördlichen Bundesstaaten zur Entschärfung der Konflikte?

Die Politik ist in Nigeria allgemein von Untätigkeit geprägt. Bevölkerungsbewegungen, die Zukunft der Jugend, Probleme mit radikalen Gruppen und Zusammenstöße: Die Politik agiert nicht, sie reagiert – wie zum Beispiel auf dem Höhepunkt der Zusammenstöße von Yelwa Shandam, bei denen 300 Menschen umkamen. Der Erzbischof und ich fuhren spontan dort hin, um die Wogen zu glätten. Kein Politiker war da. Lediglich Polizei und Militär war anwesend und schützte uns. Dabei hätten die Regierungen der nördlichen Bundesstaaten einiges zu tun, gleiche Rechte für Alteingesessene und Zugezogene zu schaffen.

Das Gespräch führte Erhard Brunn.

erschienen in Ausgabe 11 / 2009: Anders wirtschaften