Ecuador
Die Ölindustrie hat am Amazonas nicht die versprochene Entwicklung gebracht: Eine Mutter mit ihrem Kind wäscht 2012 die Wäsche in einem Fluss in unmittelbarer Nähe einer Ölpipeline.
Ecuador

Das Öl als Fluch – und einzige Hoffnung

Im Amazonasgebiet Ecuadors leiden viele Menschen unter den Umweltschäden der Erdölförderung. Warum möchten sie dann, dass die Förderung noch ausgeweitet wird?

Maria ist Mitte dreißig und lebt mit ihrer Familie in einer kleinen Gemeinde von Siedlern im nördlichen Amazonasgebiet Ecuadors. Die Region ist von der Ölförderung geprägt: Ölpipelines, Arbeiter und Ausrüstung des Ölunternehmens sind omnipräsent, und immer wieder läuft Öl aus lecken Pipelines aus. Rund 500.000 Tonnen Erdöl pro Tag fördert Ecuador; in Venezuela sind es 700.000 Tonnen und in den Arabischen Emiraten drei Millionen Tonnen. 

Fragt man Maria nach den Auswirkungen der Ölindustrie, dann sagt sie, die habe sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch schädliche Folgen für die Entwicklung ihrer Heimatgemeinde und für ihre eigene Familie. Trotzdem ist sie dafür, dass die Ölförderung in der Nähe weiter ausgebaut wird, weil das Öl-Unternehmen vielleicht Arbeitsplätze für Mitglieder ihrer Familie schaffen würde. Es scheint paradox, dass Menschen oder Gemeinden überzeugt sind, die Ölförderung habe schädliche Folgen für ihre Wohlfahrt, und dennoch deren Ausweitung unterstützen. Aber diese Haltung ist in der Region kein Einzelfall. 

Ölförderung mit Segnung vom Bischof

Um das Paradox zu erklären, muss man sich mit der Geschichte des Öls in Ecuador und im Amazonas beschäftigen. 1967 machte das Konsortium Texaco-Gulf die erste Erdölbohrung in Lago Agrio im nördlichen Teil des ecuadorianischen Amazonas. Die eigentliche Förderung begann 1972 mit großem Trara: Der Bischof von Esmeraldas segnete die Bohranlage und der ecuadorianische Präsident und Militärdiktator Guillermo Rodrígez Lara öffnete persönlich das Förderventil. Das erste Fass Öl wurde in einer Prozession durch die Hauptstadt Quito transportiert und schließlich im Heldentempel der Militärakademie „Eloy Alfaro“ aufgestellt. Die nationalen Medien behaupteten, die Ölförderung markiere „den Anfang einer neuen Ära des Wohlstands“, und 1973 trat Ecuador der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) bei. 

Autoren

Carlos F. Mena

ist Professor für Geografie an der Universität San Francisco in Quito (Ecuador).

Lorenzo Pellegrini

ist außerordentlicher Professor am Internationalen Institut für soziale Studien der Erasmus-Universität Rotterdam und an der Universität San Francisco in Quito (Ecuador).

Murat Arsel

ist außerordentlicher Professor am Internationalen Institut für soziale Studien der Erasmus-Universität Rotterdam und an der Universität San Francisco in Quito (Ecuador).
Die Ölindustrie gewann so viel Einfluss, dass die folgende Dekade in Ecuador „Erdölperiode“ genannt wurde. Sie ging mit dem Rückgang des Ölpreises in den 1980er Jahren abrupt zu Ende. Der Anteil der Einnahmen aus der Ölindustrie am Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg erst von null im Jahr 1970 auf elf Prozent 1979 und sank dann bis 1982 auf weniger als die Hälfte des Höchststandes ab.

Inzwischen wurde die ecuadorianische Wirtschaft zum Beispiel für den Ressourcenfluch: Sie wurde abhängig vom Export einiger weniger Rohstoffe, vor allem Erdöl – das stellte den Löwenanteil der Exporteinnahmen und finanzierte einen Großteil des Staatshaushalts. Die Ölvorkommen wurden zudem als Sicherheiten für eine stärkere Staatsverschuldung eingesetzt. Im Jahr 1970 musste nur ein Prozent des Volkseinkommens aufgewendet werden, um die öffentlichen Schulden zu bedienen; dieser Anteil wuchs bis 1979 auf fast sieben Prozent. 

Die Wirklichkeit des Ressourcenfluchs

So löste der abrupte Rückgang der Ölpreise in den 1980ern eine Wirtschafts- und Schuldenkrise aus. 1982 reagierte Präsident Hurtado mit dem ersten Sparprogramm. Diese Austeritätspolitik beendete ein Jahrzehnt hoher Wachstumsraten. Schon ein Jahrzehnt nach Beginn der Verwertung des „schwarzen Goldes“ hatte sich das Versprechen einer auf Öl beruhenden Entwicklung in eine Fata Morgana verwandelt. Die Wirtschaft und die Politik des Andenstaates sind seitdem von der Wirklichkeit des Ressourcenfluchs geprägt.

Die hohen Ölpreise zu Beginn der 2000er Jahre schürten erneut Hoffnungen auf eine ökonomische Entwicklung, die an die aus den 1970er Jahren erinnerten. Rafael Correa wurde 2007, zur Zeit einer „Linkswende“ in Lateinamerika, Präsident Ecuadors und brachte ein Entwicklungsprogramm auf den Weg, das die Naturschätze des Landes zu nutzen suchte. Die Ölindustrie wurde verstaatlicht – ein radikaler, aber in Zeiten hoher Ölpreise rationaler Schritt: Das erhöhte deutlich die Staatseinnahmen, die in eine erweiterte Sozialpolitik und in öffentliche, für die Wirtschaftsentwicklung entscheidende Investitionen gelenkt wurden.  Sie flossen in die physische Infrastruktur wie Straßen, Flughäfen und Häfen, aber auch in Bereiche, die für den Wandel der Produktionsstruktur als wichtig erachtet wurden, etwa Biotechnologie.

Aber 2014 begannen die Ölpreise wieder zu sinken. Es ist zwar zu früh, um zu wissen, ob der Rückgang von Dauer sein und wie die nationale Wirtschaft reagieren wird. Aber das Projekt der Entwicklung durch Rohstoffförderung ist erneut infrage gestellt; in den Jahren 2017 bis 2019 gab es bereits mehrere Runden von Sparmaßnahmen. Umweltschützer und einige Wissenschaftler kritisieren, die Anstrengungen der Regierung, die Struktur der Wirtschaft zu ändern und andere produzierende Sektoren gegenüber dem Rohstoffabbau zu stärken, seien zu schwach. Doch die weltweite Erfahrung mit ähnlichen Versuchen zeigt, wie schwierig es ist, die Abhängigkeit von Rohstoffen zu verringern.

Präsident Rafael Correa (rechts) setzte auf die Einnahmen aus dem Erdöl. Hier eröffnet er 2008 den ersten Bohrturm der venezolanischen Ölgesellschaft in Lago Agrio. AFP
Im ecuadorianischen Amazonas, dem Oriente, ist die große Rolle des Öls noch auffälliger als im Rest des Landes. In dem relativ dünn besiedelten, weitgehend ländlichen Gebiet prägt Erdöl die Wirtschaft, während die meisten Menschen in der Landwirtschaft arbeiten. Die Ölindustrie bringt Arbeitsplätze und Chancen für Dienstleistungen, aber auch schädliche externe Effekte, die die Entwicklung anderer Wirtschaftssektoren beeinträchtigen. Sie ist mit dem Ausbau der Infrastruktur einhergegangen, vor allem von Straßen, die dazu beitragen haben, die Region zu „öffnen“. In der Folge sind zahlreiche Menschen wie Maria aus anderen Landesteilen gekommen – auf der Suche nach Arbeit im Ölsektor, aber auch nach Chancen auf Wohlstand durch Entwicklung der Landwirtschaft.

Nicht nur negative Folgen

Die Ölindustrie braucht aber nicht sehr viele, jedoch hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Daher haben nur sehr wenige Einheimische eine langfristige Anstellung im Ölsektor gefunden. Die anderen leben von wenig produktiver Landwirtschaft, ergänzt mit der Kleinproduktion von Waren und mit dem Jagen wilder Tiere, deren Zahl deutlich zurückgegangen ist. Als die Ölförderung ausgebaut wurde, wurde im Oriente die traditionelle Weise, den Lebensunterhalt zu sichern, weiter unterhöhlt. Seit den 1970er Jahren kam es in der Region zu katastrophaler Umweltverschmutzung, auch die Bevölkerung war gefährlichen Stoffen ausgesetzt.

Es wäre aber unfair zu behaupten, dass die Ölförderung nur schädliche Folgen hatte. Tatsächlich wurden insbesondere unter den linken Regierungen eindrucksvolle Fortschritte bei grundlegenden Entwicklungsindikatoren erreicht. In der Regierungszeit von Rafael Correa brachten stark erhöhte Investitionen in Gesundheit, Bildung und Infrastruktur enorme Verbesserungen – insbesondere im Vergleich zu früheren Regierungen, die auf den Mythos gesetzt hatten, der Ölreichtum werde irgendwie automatisch zu den Ärmeren heruntertröpfeln.

Arm durch Wachstum?

Wirtschaftswachstum kann Armut hervorbringen, heißt es in diesem Sammelband: Es könne nicht nur die Ungleichheit erhöhen und Verlierer erzeugen, sondern manchmal die Lage von ärmeren Gruppen insgesamt noch verschlechtern.…

Die Ölförderung hat nicht das Versprechen gehalten, nationale Entwicklung zu bringen. Aber die begrenzten Erfolge haben bewirkt, dass die Erdölperiode nie wirklich zu Ende gegangen ist. Wäre die aufs Öl gestützte Entwicklung vollständig gescheitert, dann würden Maria und andere heute wohl nicht trotz der Begleitschäden einen Ausbau des Ölsektors unterstützen. Sie würden wahrscheinlich Entwicklungschancen in anderen Branchen suchen oder vielleicht Vorstellungen von „Post-Entwicklung“ überzeugend finden, die für einen klaren Bruch mit Rohstoffförderung und mit dem globalen Kapitalismus ganz allgemein eintreten.

Unternehmen reagieren langsam auf Verschmutzung

Die Gemeinde, in der Maria lebt, ist so stark in die Infrastruktur der Ölindustrie eingebettet, dass Besucher durch einen Checkpoint eintreten, an dem vom Ölunternehmen bezahlte private Sicherheitsleute stehen. In der Ortsmitte liegt eine große Ölförderanlage, und Fahrzeuge der Ölfirma machen einen Großteil des Verkehrs auf den nicht asphaltierten Straßen aus. Im Umkreis der Anlage sind regelmäßig Ölarbeiter in Dienstkleidung unterwegs oder sitzen im einzigen Restaurant des Dorfes. 

Kürzlich ist aus einer geplatzten Pipeline Öl ausgetreten.  Eine Frau, deren Haus nahe an der betroffenen Stelle steht, beklagte sich über den Vorfall wie über die schwache Reaktion des Unternehmens. Es hat an der Unfallstelle ein großes Loch im Boden hinterlassen und sehr wenig für die Mängelbeseitigung getan. Die Frau sorgte sich vor allem um Auswirkungen auf das Trinkwasser – ihre Familie nutzt Wasser aus einem Brunnen, der nur einige Meter vom Ölaustritt weg liegt. Das Unternehmen hat kurz nach dem Unfall versichert, eine Probe habe ergeben, dass das Wasser nicht kontaminiert sei. Aber diese einmalige Maßnahme weckt wenig Vertrauen. Erfahrungsgemäß reagiert das Unternehmen auf Ölverschmutzung meist langsam, widerwillig und unzureichend.

Trotz der Schäden wollte aber auch diese Frau nicht, dass die Ölfirma weggeht, weil ihr Mann einer der wenigen Glücklichen ist, die für das Unternehmen arbeiten. Ihr Haus ist denn auch deutlich größer als viele andere im Ort und aus Beton statt wie üblich aus Holz gebaut. Letztlich ähneln ihre Ansichten aber denen Marias: Welchen Sinn hat es, sich über die Petroleros zu beklagen an einem Ort, der Stunden von der regionalen Hauptstadt Lago Agrio entfernt und nur über unbefestigte Straßen erreichbar ist und wo das Ölunternehmen das Leben bestimmt?

Umweltzerstörung führt auch zu psychischem Stress

Dabei sind Ölaustritte nur ein Teil der Umweltschäden – andere schreiten schleichend und häufig unsichtbar voran wie Waldrodung, Verlust der Artenvielfalt, optische und Lärmverschmutzung. Andere Folgen der auf Öl gestützten Entwicklung können noch heimtückischer und schwerer fassbar sein. So haben neue Forschungen ergeben, dass Frauen, die freigesetzten Stoffen aus der Ölförderung ausgesetzt sind, Gesundheitsschäden an bis zu drei Generationen weitergeben können.

Unumkehrbare Umweltschäden können auch die seelische Gesundheit beeinträchtigen. Stress oder Verzweiflung wegen dauernder Umweltzerstörung wird Solastalgie genannt und scheint ziemlich genau die psychische Verfassung vieler Einwohner im nördlichen Amazonasgebiet Ecuadors zu beschreiben: Sie erfahren die ständige Verschlechterung der natürlichen Umwelt und empfinden, wenn sie an ihr Zuhause denken, statt Geborgenheit eher Stress. Viele gehören zu indigenen Gruppen, deren Identität eng mit der Beziehung zum Land ihrer Ahnen verknüpft ist, oder haben Vorfahren aus diesen Gruppen; für sie kann diese Form des Stress besonders intensiv sein. Zusätzlich muss die Bevölkerung mit Auswirkungen gesellschaftlicher und kultureller Art umgehen: Mit der Ölförderung kommen auch Drogenmissbrauch, Prostitution und Kriminalität.

Aber weil jede alternative Strategie für Entwicklung fehlt, werden das Scheitern der Rohstoffausbeutung und ihre Folgeschäden nicht als Versagen dieses Entwicklungsmodells gedeutet. Sondern für Maria zeigen sie, dass nicht weniger, sondern mehr Ölförderung nötig ist. Diese paradoxe Haltung ist ein Ausdruck der Misere, dass Entwicklungsalternativen fehlen.

Aus dem Englischen von Carola Torti.

erschienen in Ausgabe 4 / 2020: Willkommen – oder nicht?

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