Von Süd- nach Nordamerika
Bepackt mit viel Wasser und einer Decke zum Schlafen macht sich ein haitianischer Flüchtling auf den Weg durch den Urwald des Darién.
Von Süd- nach Nordamerika

Keine Angst vor Trump und den Tropen

Kolumbien ist für Migranten das Nadelöhr auf dem Weg von Süd- nach Nordamerika. Der gefährlichste Abschnitt führt durch den Dschungel an der Grenze zu Panama. Sogar Afrikanern begegnet man hier.

Wütend reißt sich die Frau ihre Leggins herunter und wirft sie ins Gebüsch. Es ist zu heiß, zu anstrengend. In Boxershorts und auf Socken klettert sie den trockenen Hügel hinauf. „Warum habt ihr nicht noch einen weiteren Träger engagiert?“, fragt der „guía“, der Führer. „Ich habe nur noch acht Dollar, mein Bruder meinte, dass wir nicht mehr bräuchten“, antwortet ihm ängstlich ihr hagerer Ehemann. Schwitzend schleppt er sich und den grauen, koffergroßen Rucksack weiter. An der Hand hält er seine still schluchzende Tochter, sein anderthalbjähriger Sohn schreit unablässig in den Armen eines der Träger.

Es riecht nach Schweiß. Das dichte Blätterdach schützt zwar vor der Sonne, doch die Hitze staut sich darunter wie in einer Sauna. Ángel, einer der beiden guías, die der etwa 25-köpfigen Gruppe den Weg weisen, wringt sein Hemd aus. Der Schweiß tropft auf den trockenen, von unzähligen Füßen festgetretenen Boden.

Er diskutiert mit einem Haitianer, der schnell weiter will. Denn Zeit ist Geld. Die fünf Kofferträger, die den Migranten das Gepäck tragen, verlangen pro Tag und pro Gepäckstück 20 US-Dollar. Der „guía“ muss extra bezahlt werden, ebenfalls 20 US-Dollar pro Tag. Trotzdem ruht sich der Rest der Gruppe erschöpft neben der „muro“ aus, der „Mauer“.

Die „muro“ ist der Grenzobelisk zwischen Kolumbien und Panama. Er steht auf einem 373 Meter hohen Hügel mitten im Dschungel in der Nähe des kolumbianischen Touristenstädtchens Capurganá. Von hier führt der Weg wieder herunter und tiefer in den Urwald. Man sieht noch eine Weggabelung. „Rechts ist gesperrt, zurzeit dürfen wir nur links weiter“, erklärt Ángel, während er sich sein Hemd wieder über den schmalen, muskulösen Körper zieht.

Hier in der Region des Darién regieren die rechtsgerichteten paramilitärischen Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC), die ihre Einkünfte aus dem Drogenhandel beziehen, der ebenfalls über diese Route abgewickelt wird. Obwohl der Weg erst seit einigen Monaten von Flüchtlingen benutzt wird, ist er schon übersät mit Jacken, Taschen und Plastikflaschen. „Sie bringen zu viele Sachen mit, am Ende kommen sie aus dem Dschungel nur mit dem heraus, was sie am Leibe tragen“, seufzt Ángel.

Der Darién ist der Korken im Flaschenhals, der Süd- mit Mittel- und Nordamerika verbindet. Das UNESCO-Weltnaturerbe ist die einzige Unterbrechung der Panamericana, der Straße, die Alaska in den USA mit dem argentinischen Feuerland verbindet. Reisende müssen mit dem Boot oder dem Flugzeug die etwa 100 Kilometer des sogenannten „Darién Gap“ überbrücken. Der Weg durch den Dschungel ist gefährlich wegen des Klimas und weil er das Einfallstor für Drogen Richtung Norden und Waffen Richtung Süden ist. Linksgerichtete Guerilla und rechte Paramilitärs kämpfen seit Jahrzehnten um die Kontrolle der Schmuggelrouten.

Zwischen diesen Fronten versuchen täglich Hunderte Migranten vor allem aus Haiti, aber auch Flüchtlinge aus afrikanischen Staaten wie Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo, der Côte d’Ivoire und sogar aus Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka, über die grüne Grenze nach Panama zu gelangen – und von dort weiter in die USA und Kanada. Auch Kriegsflüchtlinge aus dem Jemen und Syrien sind dabei.

Marwan aus dem Jemen. Derzeit sitzt er in einem Auffanglager in Panama fest. Stephan Kroener
Marwan, ein 33-jähriger Jemenit aus der Hauptstadt Sanaa, flog mit einem Freund über Ägypten nach Ecuador und reiste von dort per Bus und Schnellboot bis nach Capurganá. Er erzählt, dass eine andere Gruppe Jemeniten im Dezember fünf Tote an der Strecke gezählt habe. Ein Kubaner, der den Darién ebenfalls im Dezember vergangenen Jahres bezwungen hat, erklärt per Sprachnachricht, dass ein Viertel seiner Gruppe es nicht geschafft habe.

Marwan sitzt zurzeit in einem Auffanglager in Panama und wartet auf seine Weiterreise nach Costa Rica. Einige Wochen zuvor und 1250 Kilometer weiter südlich stand er noch mit Dutzenden anderen Migranten in der Schlange vor der Einwanderungsbehörde im kolumbianischen Pasto an der Grenze zu Ecuador. In einen dicken Poncho mit aufgemalten Lamas gehüllt wartete er darauf, seinen „salvoconducto“, seinen Passierschein, zu erhalten. Damit erhalten die Migranten die Erlaubnis, sich eine gewisse Zeit – normalerweise drei bis fünf Werktage – frei in Kolumbien zu bewegen. Kolumbien, erklärt Geovanny Orlando Ascuntar, regionaler Koordinator der Einwanderungsbehörde, schiebe die Migranten nicht ab oder halte sie an der Grenze zu Ecuador fest, „weil man sie so erneut zu Opfern machen und sie den kriminellen Netzwerken der Schlepper ausliefern würde“.

Der Führer Ángel hilft ­Geflüchteten auf dem Weg durch den Dschungel. Stephan Kroener
Weltweit ist Kolumbien infolge des langen Bürgerkrieges das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen, knapp acht Millionen waren es 2018. Trotzdem hat das Land seit dem Jahr 2014 etwa 1,8 Millionen Flüchtlinge aus Venezuela aufgenommen, die der desolaten wirtschaftlichen Lage im Nachbarland entflohen sind.

Doch zurzeit reisen vor allem Haitianer durch Kolumbien Richtung Norden. „Nach dem Erdbeben vor etwas mehr als zehn Jahren und wegen der andauernden Armut in Haiti sind viele Haitianer ausgewandert“, erklärt Ascuntar. Viele haben in Brasilien, aber auch in Chile ihr Glück versucht. Brasilien habe sie als billige Arbeitskräfte genutzt, um die Stadien für die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele zu bauen. Doch danach wurden viele arbeitslos und begannen erneut zu emi-grieren. Auch in Chile habe sich die Situation der Haitianer verschlechtert, erklärt Ascuntar: Sie seien zunehmend von den ins Land kommenden Venezolanern verdrängt worden, die den Chilenen sprachlich und kulturell näher seien.

Ein weiterer Grund, den Ascuntar aber nicht anspricht, ist der Rassismus, den die afro-karibischen Haitianer in Chile erleben. Der 25-jährige Claudy berichtet, dass für ihn der Mord an einem haitianischen Landsmann vor etwa zwei Jahren der Auslöser war, Chile wieder zu verlassen. „Er wurde ermordet, nur weil er schwarz war“, sagt er. „In Chile wird die Sicherheitslage immer schwieriger und ich will etwas Besseres für mich und meine Familie.“

Die Flüchtlinge organisieren sich über Facebook

Der schlaksige junge Mann ist vor vier Jahren nach Chile emigriert, um zu arbeiten und Informatik zu studieren. „Aber sie bezahlen dich schlecht, und das Studium war zu teuer.“ Und er schickte monatlich mehr als die Hälfte seines Gehaltes, das er im Lager einer Druckerfirma verdiente, seiner Mutter und seinen sieben Geschwistern, die in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince leben. Auch Claudys mitreisender Landsmann Black, den sie den schwärzesten Mann Haitis nennen, hat Geld an seine Familie geschickt: „In Chile habe ich monatlich 300.000 Pesos (umgerechnet 330 Euro) in einem Getränkelager verdient, 100.000 habe ich meinem Vater geschickt. Das war nicht viel, aber es war, was ich hatte.“

Black und Claudy kannten sich vorher nicht. Über Facebook und WhatsApp kamen sie in Kontakt und organisierten ihre Reise zusammen mit etwa zehn weiteren Haitianern. Von Santiago de Chile flogen sie nach Arica im äußersten Norden Chiles und wanderten zu Fuß über die Grenze nach Peru. Von dort fuhren sie vier Tage lang mit dem Bus durch die Anden über Ecuador bis nach Kolumbien. Die gesamte Reise bis in die USA wird sie pro Person 1500 bis 2000 US-Dollar kosten, ein Vermögen. Von wem sie sich das Geld geliehen haben, wollen sie nicht sagen – nur dass Familienangehörige ihnen in jede Stadt, durch die sie kommen, einen gewissen Betrag per Western Union überweisen, damit sie nicht mit der gesamten Summe in bar reisen müssen.

Im Dschungel lauern viele ­Gefahren für die Flüchtenden

Vor den Gefahren der Reise oder einer möglichen Deportation durch die US-Behörden haben sie keine Angst: „So ist das Leben, wir müssen es versuchen, um irgendwo anzukommen. Wir haben keine Wahl“, sagt Claudy, während er seine zwanzig Monate alte Tochter Cindy auf dem Arm hält. Sie wird mit ihm in den Dschungel gehen, so wie viele andere Kinder mit ihren Eltern. UNICEF berichtet, dass sich die Anzahl der in Panama ankommenden Kinder im letzten Halbjahr 2019 versechsfacht habe, außerdem hätten knapp 140 schwangere Frauen die Durchquerung des Darién überlebt.

Um sich mache er sich keine Sorgen, sagt Claudy, auch nicht um seine Frau, die die stärkste der Gruppe sei, aber um seine Cindy. Wegen der Tochter habe er extra ein weiteres Jahr gewartet mit der Reise. Er kennt die Gefahren des Dschungels nur vom Hörensagen von denen, die es rüber geschafft haben: den langen Marsch mit Gepäck, die Kriminellen, die Migranten um ihr letztes Hab und Gut bringen, und die Gefahr, das Klima körperlich nicht zu überstehen. Vor allem die bewaffneten Gruppen machen ihm Sorgen, aber man hat ihm gesagt, dass sie den Frauen nichts tun.

Afrikaner hoffen auf ein besseres Leben in Südamerika

Über WhatsApp und Facebook tauschen die Migranten Informationen über den Weg sowie Videos und Fotos aus. Auch Abdullah aus der westafrikanischen Côte d‘Ivoire hat sich so über die Reise informiert. Der 30-jährige Schneider aus Korhogo, einer Grenzstadt zu Mali und Burkina Faso, machte sich mit einem Freund per Flugzeug nach São Paulo in Brasilien auf. Das Land verfolgt eine liberale Visapolitik: Bürger aus Staaten, die von Brasilianern kein Visum verlangen, brauchen umgekehrt auch keines für Brasilien. Von São Paulo flogen die beiden weiter in den Südwesten des brasilianischen Amazonasbeckens, nach Rio Branco im Dreiländereck zu Bolivien und Peru, und mit dem Bus fuhren sie weiter bis Kolumbien.

Allein die Flüge von Afrika aus bis nach Rio Branco haben sie pro Person 3000 US-Dollar gekostet. Abdullah geht davon aus, dass er weitere 2000 US-Dollar ausgeben muss, bis er seinen Bruder trifft, der in New York auf ihn wartet. Wie er das Geld zusammenbekommen hat, will er nicht sagen, nur dass die, von denen er sich etwas geliehen hat, auf eine baldige Rückzahlung warten. Sein Bruder ist schon vor einem Jahr am Big Apple angekommen. Sechs Monate hat die Reise damals gedauert, Abdullah will sie in der Hälfte der Zeit schaffen.

Ein Haitianer kurz vor der Abfahrt nach Capurganá. Viele Migranten machen sich mit ihren Kindern auf den beschwerlichen Weg. Stephan Kroener
Abdullah wählt seine Worte sehr genau, er ist, wie viele auf dieser Fluchtroute, misstrauisch. Auf dem Parkplatz hinter der Grenzbrücke von Rumichaca, zwischen Ecuador und Kolumbien, werden er und sein Freund von zwei Polizisten aufgehalten, die ihre Pässe kontrollieren. Später wird Abdullah erzählen, dass sie Geld haben wollten, aber er und sein Freund hätten so getan, als ob sie nichts verstünden – dabei spricht Abdullah Spanisch, Portugiesisch, Englisch und seine Muttersprachen Französisch und Maninka. Die beiden Polizisten hätten sie schließlich genervt zu den wartenden Kleinbussen gewiesen, die sie nach Pasto und in die Schlange vor der Einwanderungsbehörde bringen sollten. Angst hat auch er nicht, weder vor den Tropen noch vor Donald Trump.

Warum ist er nicht wie viele andere durch die Wüste und über das Mittelmeer Richtung Europa gezogen? „Europa gefällt mir nicht, da gibt es zu viele Afrikaner“, sagt er und lacht. Viele der Flüchtlinge von außerhalb Amerikas haben wie er persönliche Gründe und familiäre Bande in Nordamerika und nehmen deshalb eher diese lange Reise auf sich als die Mittelmeerroute. Die kolumbianische Migrationsexpertin María Clara Robayo der Universidad del Rosario in Bogotá ergänzt, dass die Südamerikaroute zwar länger ist und ebenfalls Gefahren birgt, dass sie aber in Bezug auf die Grenzkontrollen einfacher ist: „Kolumbien hat eine deutlich durchlässigere Grenze als jedes Land Europas.“

Der Schlepper schützt die Migranten

Insgesamt mischen sich nur wenige nicht amerikanische Flüchtlinge unter die Haitianer, nach meinen Recherchen etwa ein Zehntel. Doch nach Angaben der kolumbianischen Einwanderungsbehörde kam im vergangenen Jahr mehr als ein Drittel der über 19.000 Antragsteller für einen Passierschein nicht aus Südamerika. Cesar Mesa, Chef des UNHCR-Büros in der Regionalhauptstadt Apartadó, die auf der Route der Migranten liegt, betont, es gebe eine hohe Dunkelziffer an Migranten, die von den Behörden nicht erfasst würden. Trotzdem sind seit Einführung des Passierscheins die Schlepper größtenteils verschwunden und die Migranten können legal und einigermaßen sicher und kostengünstig durch Kolumbien an die Grenze reisen.

Schlange stehen vor der Einwanderungsbehörde im kolumbianischen Pasto. Mit einem sogenannten Passierschein dürfen sich die Migranten für einige Tage frei durch Kolumbien bewegen. Stephan Kroener
Nach einer 30-stündigen, monotonen Busfahrt von Pasto nach Necoclí erblicken die Migranten erstmals das Meer und die gleichen karibischen Wellen, die auch Haiti umspülen. Hier versorgen sie sich mit allem Möglichen, was sie für die Durchquerung des Darién benötigen: „Zelt, Machete, Insektenschutzmittel, auch etwas gegen Schlangen, und viel Wasser“, zählt Rubén Darío Mosquero auf. Der Einheimische aus der Küstenstadt Necoclí, der genauso schwarz ist wie die Migranten, gehört zu den fliegenden Händlern, die entlang der improvisierten Hafenmole und auf der Strandpromenade auf ihre ausländische Kundschaft warten.

Andrés Felipe Julio Barragán arbeitet für das Fährunternehmen El Caribe in Necoclí. Er verkauft den Migranten die Tickets für das Schnellboot, das sie nach Capurganá bringen soll. Der Transport geht sehr geordnet zu. Laut, aber friedlich stellen sich die Migranten in die Schlange. Viele tragen Muskelshirts, kurze Hosen und Basecaps, die vielleicht schon ihr Reiseziel andeuten: Basketballteams wie die kalifornischen Golden State Warriors, die Chicago Bulls oder die Los Angeles Lakers sind vertreten. Über den vom Salzwasser zerfressenen Anlegesteg und vorbei an einer lebensgroßen Marienstatue besteigen sie das 90-Personen-Boot. Viele beten während der Überfahrt, halten die Köpfe gesenkt und ihre Kinder fest. Einige beißen vor Angst in die Rettungswesten und weinen, während die Motoren heulen. Anderthalb bis zwei Stunden dauert die Fahrt, viele sind das erste Mal auf offenem Meer. Eine Frau springt auf, als das Boot in den kleinen Hafen Capurganás einläuft. Sie hebt die Arme in die Luft und singt auf Kreolisch, der Sprache Haitis.

Black und Claudy sind guten Mutes, als sie sich später im Dschungel an der „muro“ von mir verabschieden. Cindy schläft ruhig im Tragegurt an der Brust ihres Vaters. Eine Woche später schreibt ihr Führer Ángel über WhatsApp, dass sie nach fünf Tagen das Flüchtlingslager El Peñita in Panama erreicht hätten. Seine Gruppe wurde von vier Bewaffneten überfallen und teilweise ausgeraubt, Black wurde dabei sein Handy gestohlen. Marwan sitzt seit knapp anderthalb Monaten in Panama fest, und es ist nicht sicher, ob er in den Jemen abgeschoben wird. Abdullah aus der Côte d’Ivoire antwortet nicht über WhatsApp, seit vierzehn Tagen ist er nicht mehr online.

erschienen in Ausgabe 4 / 2020: Willkommen – oder nicht?

Kommentare

Vielen Dank für den Hinweis. Die Angabe ist zumindest laut UNHCR korrekt. "Colombia reported the highest number of internally displaced people with 7.8 million at the end of 2018 according to Government statistics, up 118,200 on the previous year." https://www.unhcr.org/globaltrends2018/

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