Coronavirus im Jemen
Fieber messen und nach Hause schicken: Jemens Strategie im Kampf gegen Covid 19.
Coronavirus im Jemen

„Im Krieg gibt es gefährlichere Dinge als das Virus“

In Jemen gibt es noch keinen bestätigten Fall einer Ansteckung mit Covid-19. Doch das Gesundheitssystem steht auch so vor dem Kollaps und angesichts der Not fürchten viele Menschen den Hunger mehr als das Virus.

Schulen und Universitäten sind zu, Flüge storniert und die Grenzen zwischen den verschiedenen Regierungsbezirken geschlossen. Tausende Reisende sitzen auf dem Weg von einem Regierungsbezirk zum anderen auf Schulhöfen in Quarantäne fest, während die Gesundheitsministerien in Sana‘a und Aden erklären, sie hätten eigens dazu bestimmte Areale vorbereitet. Gesundheitspersonal misst Einreisenden an den Bezirksgrenzen die Temperatur, um auszuschließen, dass sie Fieber haben. Versammlungsorte für Hochzeiten und Coffeeshops, Parks, etliche Einkaufszentren und Moscheen im Süden des Jemen sind geschlossen. Wer versucht, seinen Laden gegen die Vorschriften wieder zu öffnen, bekommt es mit den Behörden zu tun.

Dies sind vorbeugende Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19 im Jemen. Ende März gibt es noch keinen bestätigten Fall einer Infektion. Doch vielerorts stürzen sich die Einwohner auf Nahrungsmittel, Seife, Gesichtsmasken, Desinfektionsmittel und andere Dinge für den Fall, dass sie in Quarantäne gehen müssen – nachdem sie gesehen haben, dass selbst hoch entwickelte Länder die Pandemie nicht aufhalten können.

Bei einer Epidemie kann das Gesundheitswesen kaum helfen. Von den Gesundheitseinrichtungen im Jemen sind infolge des Krieges seit 2015 nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation die Hälfte zerstört. 19,7 Millionen der rund 28 Millionen Jemeniten benötigen heute humanitäre Hilfe im Bereich Gesundheit – auch weil die Zahl der Regionen wächst, in denen die Menschen hungern. Allein im vergangenen Jahr erkrankten laut WHO Hunderttausende an Cholera, Diphterie, Masern und Denguefieber. Etwa tausend sind gestorben, weil sie nicht angemessen behandelt werden konnten.  

Essensvorrat für drei Monate angelegt

Eine Person aus dem Gesundheitsministerium in Sana’a, die anonym bleiben möchte, erklärt gegenüber "welt-sichten": „Der Krieg hat unseren Gesundheitssektor so geschädigt, dass wir noch nicht einmal Patienten mit Cholera und Malaria richtig behandeln können. Fälle von Covid-19 zu behandeln wird sehr schwierig. Reiche Länder haben riesige Summen ausgegeben und konnten doch die Pandemie nicht stoppen. Was meinen Sie, wie das im Jemen gehen soll?“

Autoren

Nasser Al-Sakkaf

schreibt als freier Journalist im Jemen für mehrere internationale Zeitungen, Zeitschriften und Webseiten wie Middle East Eye, IRIN, Al Jazeera English und Newsweek Middle East.

Amal Mamoon

ist Journalistin im Jemen.
Das Gesundheitsministerium, so die Quelle weiter, ergreift Vorsichtsmaßnahmen wie Aufklärung über das Händewaschen. Es hat in Abstimmung mit anderen Ministerien Schulen und Universitäten geschlossen und lässt bei Menschen, die zwischen Regierungsbezirken unterwegs sind, Fieber messen. „Wenn aber das Virus bei uns tatsächlich zuschlägt, können wir die Infizierten nur unter Quarantäne stellen und ihrem Schicksal überlassen, bis sie sterben oder sich erholen“, so die anonyme Stimme. „Wir können der Pandemie nichts entgegensetzen.“

Auch die Einwohner glauben nicht, dass das staatliche Gesundheitswesen ihnen im Ernstfall helfen kann. Sie halten sich an die Vorsichtsmaßnahmen und bleiben so gut es geht zu Hause. „Unsere Krankenhäuser sind nicht in der Lage, alltägliche Krankheiten zu behandeln“, sagt Majed Al-Zubairi, ein Bewohner der Hauptstadt Sana’a. „Ich glaube nicht, dass sie uns gegen COVID-19 helfen können.“ Wie viele Jemeniten hat er Angst vor dem Virus. Er hat einen Essensvorrat für drei Monate angelegt und reichlich Seife, Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel eingekauft. „Die Preise für Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel sind jetzt schon auf über das Doppelte gestiegen, und auch Nahrungsmittel werden auf dem Markt immer teurer“, sagt er.

Überfüllte Qat-Märkte als Infektionsherd

Zubairi arbeitet für eine örtliche Firma, die es den meisten ihrer Beschäftigten ermöglicht, von zu Hause aus zu arbeiten und so möglichst wenig unter Menschen zu kommen. Er hat auch alle Freunde und Familienmitglieder gebeten, so viel wie möglich zu Hause zu bleiben. Einen solchen Aufruf verbreiten auch Aktivisten über soziale Medien, und gebildete Jemeniten befolgen das und gehen nur noch vor die Tür, wenn es wirklich nötig ist.

Überfüllt sind aber weiterhin die Qat-Märkte, auf denen die krautige, berauschende Pflanze verkauft wird. „Wer von Qat abhängig ist, kommt davon nicht los und die Behörden können diese Märkte nicht schließen“, sagt Zubairi. „Wenn dort ein Fall auftritt, werden Hunderte angesteckt.“

Einige Jemeniten, die von Qat abhängig oder wenig gebildet sind, glauben nicht an den Sinn von Vorsichtsmaßnahmen oder meinen, das Virus werde Jemen nicht treffen. Der Ladenbesitzer Mohammed Al-Wadi erklärt, das Virus könne kaum in den Jemen gelangen: „Wir leben seit 2016 im Belagerungszustand. Keine kommerzielle Fluggesellschaft fliegt das Land mehr an und die Menschen kommen kaum rein oder raus.“ Der Flughafen der Hauptstadt wurde im August 2016 geschlossen, nur über Aden oder Seyun im Südjemen kann man ins Ausland reisen.

Es gibt hier gefährlichere Dinge als das Virus

Wadi sagt, er kaufe regelmäßig Qat auf Märkten und habe seinen Lebensstil auch sonst nicht geändert. „Das Virus ist noch nicht im Jemen und ich denke, es wird ihn auch nicht erreichen. Wenn doch, höre ich mit dem Qat-Kauen auf und gehe nicht mehr auf die Märkte. Aber bis dahin ist es Unsinn, zu Hause zu bleiben, um einer Krankheit in einem anderen Land zu entgehen.“

Wadi muss zudem mit seinem kleinen Geschäft seine Familie über Wasser halten. „Wenn wir jetzt zu Hause bleiben, wer sorgt dann für unsere die Familien?“, sagt er. „Bisher ist hier noch niemand am Coronavirus gestorben, aber schon viele an Hunger. Es gibt hier gefährlichere Dinge als das Virus.“ In der Tat benötigen nach Angaben der Vereinten Nationen 24 Millionen Menschen oder 80 Prozent der Bevölkerung im Jemen humanitäre Hilfe, über 14 Millionen leiden akute Not.

Dass diese Einstellung vor allem in ländlichen Gegenden verbreitet ist, bereitet der anonymen Quelle aus dem Gesundheitsministerium Sorgen: „Diese Menschen wissen nicht, wie schnell sich die Pandemie ausbreiten kann. Wir hoffen inständig, dass wir mit unseren Kampagnen auch wenig gebildete Menschen erreichen.“

Aus dem Englischen von Barbara Erbe. 

Mehr Berichte zu den Auswirkungen der Pandemie in verschiedenen Ländern finden Sie in unserem Corona-Dossier

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