Maghreb
Von wegen nur Hausfrau und Mutter: Im Film „Roter Satin“ von Raja Amari geht es um eine Witwe, die durch Bauchtanz ihre sexuellen Wünsche entdeckt.         
Maghreb

Revolution der Regisseurinnen

Lange haben im Maghreb Männer die Filmindustrie dominiert, wie in vielen anderen Ländern auch. Doch immer mehr Filmemacherinnen erschüttern in Tunesien, Algerien und Marokko mit ihren Werken patriarchale, koloniale Machtstrukturen und setzen der Darstellung von unterdrückten Frauen etwas entgegen. 

Die Bezeichnung Maghreb lässt sich aus dem Arabischen – al maghrib – mit „Westen“ oder „wo die Sonne untergeht“ übersetzen. Heute werden damit vor allem drei Mittelmeeranrainer bezeichnet, die früher französische Kolonien waren: Algerien, Tunesien und Marokko. Durch ihre Lage nehmen diese Länder einen einzigartigen geografischen Raum zwischen dem Westen und der arabischen Welt ein. Geprägt sind diese Länder nicht nur durch muslimische, jüdische und Berber-Kultur, sondern auch durch französische säkulare Traditionen, die auf die koloniale Vergangenheit zurückgehen. 

Filme aus der Region verkörpern diesen Kulturmix, werden aber oft von Festivals und Kritikern nicht wahrgenommen. Dabei besitzt der Maghreb heute eine der produktivsten und von Frauen am stärksten geprägten Filmindustrien in Afrika. Frauen sind nicht nur als Regisseurinnen aktiv, sondern auch als Filmtechnikerinnen, Produzentinnen, Geldgeberinnen, Redakteurinnen, Kamera­frauen und Schauspielerinnen. Gemeinsam nutzen sie ihre Filme, um die patriarchischen Machtstrukturen in der Region zu erschüttern und die westlich-orientalistische Darstellung arabischer muslimischer Frauen als rückwärtsgewandt und unterdrückt zu hinterfragen. 

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Frauen wie Raja Amari, Laïla Marrakchi und Yamina Bachir-Chouikh sich mit eigenständigen Werken etabliert und das Gesicht des maghrebinischen Films verändert. Aufbauen konnten sie dabei auf die Arbeit von Pionierinnen wie Selma Baccar aus Tunesien, Assia Djebbar aus Algerien und Farida Bourquia aus Marokko, die nach der Unabhängigkeit ihrer Länder als erste Frauen in der von Männern dominierten Filmindustrie Filme machten. In einer Zeit, als der Wettbewerb um die Finanzierung hart war, produzierten sie neue Meilensteine des Dokumentarfilms. Werke wie Djebbars „La Nouba des femmes de Mont Chenoua“ (1977), der die Rolle der Frauen im algerischen Unabhängigkeitskrieg (1945 – 62) thematisiert, oder Baccars „Fatma 75“ (1978) über den Kampf für Frauenrechte in Tunesien öffneten den Frauen neue Türen.

Männer dominierten das Kino

Trotzdem blieb es in den 1980er und 1990er Jahren für Frauen schwierig, einen Fuß in die Filmindustrien im Maghreb zu bekommen. Wie in den meisten wichtigen Filmindustrien in den Industrieländern dominierten auch in den sich entwickelnden Ländern Männer das Kino. Frauen und ihre Themen kamen entweder gar nicht vor oder nur in Nebenrollen oder als Stereotype: als Mütter, Hausfrauen oder gehorsame Töchter. In den Dokumentarfilmen „Caméra d’Afrique“ (1983) und „Caméra Arabe“ (1987) von Férid Boughedir kritisierte die tunesische feministische Filmemacherin Néjia Ben Mabrouk, dass Frauen zu wenig vorkommen und falsch dargestellt würden. Zudem vertrat sie die Ansicht, dass männliche Filmemacher die Geschichten von Frauen nicht authentisch erzählen könnten.

Moufida Tlatli (Mitte) wird beim ­Dubai International Filmfestival Ende 2013 geehrt. Ihr Film ­„Palast des Schweigens“ gilt wegen seiner Kritik an der gesellschaftlichen Ausbeutung von Frauen als ­bahnbrechend. Gareth Cattermole/Getty Images for Diff
Aus diesem Grund bleibt Moufida Tlatlis „Palast des Schweigens“ ein solch bahnbrechender Film. Entstanden Mitte der 1990er Jahre, als Frauen im tunesischen Film noch extrem unterrepräsentiert waren, bot Tlatlis Film nicht nur einen entschieden weiblichen Blick, sondern kritisierte ausdrücklich patriarchalische und koloniale Gewalt gegen Frauen. Erzählt wird die Geschichte von Alia, einer jungen Sängerin, die in den Palast zurückkehrt, in dem sie als Tochter von Bediensteten der herrschenden Bey-Familie aufgewachsen ist. Rückblenden bringen die Zuschauer und Zuschauerinnen zurück in Alias Kindheit während der Zeit des Unabhängigkeitskampfes gegen die französische Kolonialherrschaft. Insbesondere weil er die sexuelle und gesellschaftliche Ausbeutung von Frauen nicht nur in der Kolonialzeit, sondern auch nach der tunesischen Unabhängigkeit kritisiert, hat der Film bis heute nicht an Relevanz verloren. 

Nachdem Filmemacherinnen wie Djebbar, Baccar, Farida Benlyazid und Tlatli den Weg geebnet hatten, nutzte eine neue Generation von Filmemacherinnen die Kamera, um eigenständige Pfade zu erkunden. Diese jüngeren Regisseurinnen, die größtenteils nach dem Ende der Kolonialzeit geboren wurden, sind stärker daran interessiert, sich mit den sozialen Ungerechtigkeiten der Gegenwart als mit dem Unrecht der Kolonialvergangenheit zu beschäftigen. Häufig sind sie mit zwei Kulturen aufgewachsen, sprechen mehrere Sprachen fließend und müssen Wege finden, mit der Verbundenheit zu mehreren verschiedenen sozialen Gruppen und Kulturen umzugehen. Da es in ihren Heimatländern nur wenige Filmhochschulen gibt, haben viele von ihnen im Ausland studiert. Häufig wurden sie an renommierten Filmhochschulen wie La Fémis in Paris oder INSAS in Brüssel ausgebildet und verfügen daher über solide Kenntnisse europäischer Filmgeschichte und Filmästhetik.

Weibliche Sexualität im Film

Die häufig subversiven Filme dieser Regisseurinnen repräsentieren Gender und Sexualität auf eine Weise, die näher an ihren französischen Kolleginnen ist als an der Filmsprache ihrer eigenen Kultur. Gemeinsam ist den Filmen der Widerstand gegen patriarchalisch geprägte kulturelle und religiöse Traditionen. Dabei bleiben sie gleichzeitig eng mit der heimischen Filmindustrie und regionalen Themen verbunden, wie etwa dem Engagement für die Rechte der Berber in Marokko.

In Tunesien haben sich Filmemacherinnen den Ruf großer Offenheit erworben. In den vergangenen Jahren war die staatliche Zensur relativ locker. Das ermöglichte es Filmemacherinnen, Gesellschaftskritik zu üben und weibliche Sexualität offen darzustellen. Nadia El Fanis Spielfilm „Hacker“ ist dafür ein Beispiel. Der originelle Science-Fiction-Thriller aus dem Jahr 2003 erzählt die Geschichte einer Computerhackerin, die das öffentlich-rechtliche französische Fernsehen mit Botschaften unterbricht, in denen Fehlinformationen der Medien und der eurozentrische Blick auf Tunesien und die arabische Welt kritisiert werden. Kontroverse Szenen, die nackte Frauen und Sex zwischen ihnen zeigen, wurden nicht zensiert. Allerdings zog El Fani nach Drohungen von religiös Konservativen nach Frankreich.

Autorin

Kaya Davies Hayon

ist Forschungsstipendiatin an der britischen University of Lincoln. Sie befasst sich mit Gender, Ethnizität und Sexualität im zeitgenössischen Film des Maghreb. Ihr Buch „Sensuous Cinema: The Body in Contemporary Maghrebi Film“ ist 2018 im Blooms­bury-Verlag erschienen.
Raja Amari ist eine weitere tunesische Regisseurin, deren Werk von unerschrockener Darstellung weiblicher sexueller Wünsche geprägt ist. Ihr erster Spielfilm „Roter Satin“ (2002) ist auch ihr bekanntester. Erzählt wird die Geschichte einer Witwe, Mutter und Hausfrau, gespielt von der bekannten palästinensischen Schauspielerin Hiam Abbass, die ihre sexuellen Wünsche wiederentdeckt, als sie beginnt, heimlich in einem Nachtclub als Bauchtänzerin aufzutreten. Auch als Tunesiens Antwort auf den Hollywood-Tanzfilm „Dirty Dancing“ bezeichnet, stellt „Roter Satin“ die patriarchale und orientalistische Wahrnehmung tunesischer Frauen als häuslich und unterdrückt komplett auf den Kopf. Stattdessen verkörpert die Hauptfigur Lilia die sexuelle Freiheit, die die Filme von Regisseurinnen aus Tunesien kennzeichnen. Interessanterweise wurde der Film in Frankreich wohlwollender aufgenommen als in Tunesien, wo das Publikum gespalten auf die subversive Darstellung von Gender und Sexualität reagierte.

Szene aus Leyla Bouzids Film „Kaum öffne ich die Augen“. www.trigon-film.org
Seit der tunesischen Revolution im Jahr 2011 haben Filmemacherinnen weiter lautstark politische Korruption und männliche patriarchische Gewalt im Land kritisiert. In Leyla Bouzids beeindruckendem Erstlingswerk „Kaum öffne ich die Augen“ (2015) singt die 18-jährige Fara revolutionäre Lieder gegen die Herrschaft von Präsident Ben Ali. In jüngerer Zeit hat Kaouther Ben Hanias zweiter Spielfilm „Die Schöne und die Meute“ (2017) fehlende Frauenrechte im post-revolutionären Tunesien thematisiert. Der auf einer wahren Begebenheit basierende Film erzählt davon, was eine junge Frau nach einer Vergewaltigung durch Polizisten durchmacht. Phasenweise ist der Film mit handgeführter Kamera gedreht, kombiniert mit langen, quälenden ungeschnittenen Takes. In beiden Filmen ist der Kampf für die Rechte von Frauen bei weitem nicht vorbei, aber die kleinen Siege der Hauptfiguren gegen patriarchale Gewalt repräsentieren Zeichen der Hoffnung für die Zukunft.
Szene aus Kaouther Ben Hanias Werk „Die Schöne und die Meute“.www.trigon-film.org

Die abweichenden weiblichen Stimmen, die im tunesischen Film so deutlich sichtbar werden, kennzeichnen auch die Arbeit von Filmemacherinnen in Algerien. Einst gefeiert für ihre radikalen politischen Filme wurde die algerische Filmindustrie 1990 hart vom Bürgerkrieg zwischen der Regierung, der Armee und verschiedenen islamischen Gruppierungen getroffen. Viele Künstler und Intellektuelle wurden zur Flucht gezwungen. Regisseurin Yamina Bachir-Chouikh dagegen blieb im Land und produzierte nach Kriegsende ihren ersten Film, der heute ein Klassiker des algerischen Kinos ist. „Rachida“ (2002) stellt eine junge, westlich erzogene Lehrerin in den Mittelpunkt, der in den Bauch geschossen wird, weil sie sich weigert, eine Bombe in die Schule zu bringen, an der sie arbeitet. Der Film zeigt, wie die Freiheit von Frauen noch stärker durch den Bürgerkrieg betroffen war als die der Männer, und gibt einen Einblick in den fundamentalistischen Terror, der ihren Alltag prägte.

Szene aus Rayhana Obermeyers Film „In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich“.Les Films du Losange
Die algerischen Filmemacherinnen kämpfen darum, ähnlich große internationale Anerkennung zu erhalten wie ihre Kolleginnen aus den Nachbarländern Tunesien und Marokko. Die Richtung stimmt. Neue dynamische Filmproduzentinnen wie Yasmine Chouikh und Rayhana Obermeyer feiern Erfolge bei Festivals und nutzen populäre Genres wie Komödien, um den Platz der Frau in der algerischen Gesellschaft zu thematisieren. Obermeyers „In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich“ (2016) spielt in einem Hammam, einem arabischen Bad, und erzählt von der Bedrohung der Freiheit von Frauen während des Bürgerkriegs. Chouikhs „Ila akher Ezaman“ (Until the End of Time, 2017) handelt von der ungewöhnlichen, herzerwärmenden Freundschaft zwischen einem Totengräber und einer Frau, die ihre eigene Beerdigung organisiert. Innerhalb und außerhalb von Algerien weithin gelobt, gewann dieser Film beim wichtigen panafrikanischen Filmfestival FESPACO in Burkina Faso den Preis für das beste erste Feature und wurde als Algeriens Beitrag für die Oscar-Kategorie bester ausländischer Film ausgewählt.

Von den Maghrebländern werden in Marokko Film und Kino vielleicht am stärksten gefördert, nicht zuletzt wegen der Liebe König Mohammeds VI für das Medium. Das marokkanische Kinozentrum stellt finanzielle Mittel für lokale Filme zur Verfügung, wurde aber von Filmemachern dafür kritisiert, zu bürokratisch zu sein und Drehbücher zu vermeintlichen Tabuthemen zu zensieren. Dennoch haben von Frauen produzierte Filme einen Boom erlebt. Zahlreiche Filmemacherinnen wie Yasmine Kassari, Narjiss Nejjar, Laïla Marrakchi and Leïla Kilani sammelten Prestige und Anerkennung im Land und darüber hinaus.

Marginalisierte Berberfrauen, Mädchen der oberen Mittelschicht

Yasmine Kassari und Narjiss Nejjar sind bekannt für Filme, die sich mit Fragen der Identität und den Rechten von Berberfrauen beschäftigen. Im Mittelpunkt von Nejjars „Al Ouyoune Al Jaffa“ (Trockene Augen, 2003) steht eine Gruppe von Berberfrauen vom Land und behandelt problematische Themen wie gesellschaftliche Marginalisierung und Prostitution. Ähnlich erzählt Kassaris „Das schlafende Kind“ (2004) die Geschichte eines Dorfes, in dem vor allem Berberfrauen leben, zurückgelassen von ihren Vätern, Männern und Söhnen, die auf der Suche nach Arbeit nach Spanien migriert sind. Beide Filme sind auf Tamazight gedreht, der Sprache der Berber, und schärfen das Bewusstsein für die Marginalisierung von Berberfrauen in Marokko. 

Auch Laïla Marrakchi und Leïla Kilani behandeln in ihren Filmen Frauenthemen, allerdings spielen sie eher im städtischen Milieu und – im Falle Marrakchis – in Marokkos oberer Mittelschicht. Am bekanntesten ist Marrakchi für ihren umstrittenen ersten Film „Marock“ (2005), in dem es um die Beziehung zwischen einem jüdischen jungen Mann und einem muslimischen Mädchen in der wohlhabenden oberen Mittelschicht geht. Der Hollywood-Teenieromanze verpflichtet, war „Marock“ in Marokko enorm populär, trotz – ja vielleicht wegen – seines Fokus auf eine junge Frau, die Dinge tut wie trinken, rauchen und Party feiern, die in ihrer Gesellschaft als Tabu gelten. Obwohl er nicht zensiert wurde, kritisierten örtliche Politiker den Film, weil er Themen wie Sex vor der Ehe und religiöse Heuchelei visualisiert. 

Im Unterschied dazu nimmt Kilanis „Nachts in Tanger“ (2011) zwei junge Frauen in den Blick, die tagsüber in Tanger am Mittelmeer in einer Shrimpsfabrik arbeiten und nachts illegalen Aktivitäten nachgehen. Der Film gibt einen Einblick in das Leben zweier Frauen am unteren Rand der Gesellschaft, die alles dafür tun würden, um ihrem Leben in Armut zu entkommen. 
Früher waren Filmproduzentinnen aus dem Maghreb stark unterrepräsentiert auf den Filmmärkten ihrer Länder. Heute nutzen sie die Kamera, um ihre eigenen Identitäten und Themen in den Vordergrund zu stellen und mit dem Unrecht in Vergangen­heit und Gegenwart abzurechnen. Ihre Filme sind subversiv, stellen von der Kolonialzeit überkommene Stereotypen infrage und prangern patriarchale Traditionen in ihrer Heimat an. Frauenrechte werden heute weltweit diskutiert. Die neue Generation maghrebinischer Regisseurinnen stellt sicher, dass ihre Stimmen, Fragen nach Identität und weitere Themen auf die Leinwand kommen.

Aus dem Englischen von Carola Torti.

erschienen in Ausgabe 6 / 2020: Kino im Süden

Kommentare

Keines der drei Maghrebländer war eine Kolonie, Marokko und Tunesien französische Protektorate, das nördliche Algerien von 1848-1962 französisches Staatsgebiet (Départements d‘Outre Mer).
Interessant an den Filmen in diesen Ländern ist, dass männliche wie weibliche Filmemacher sehr häufig brisante Themen wie auch Geschlechterbeziehungen thematisieren, Themen, die im öffentlichen Diskurs tabuisiert sind. Filmemacherinnen gibt es bereits seit 30 Jahren in allen Ländern.
Zu ergänzen ist der Satz: Durch ihre Lage nehmen diese Länder einen einzigartigen geografischen Raum zwischen dem Westen und der arabischen Welt „und kulturellen Räumens des afrikanischer Kontinents ein.“

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