Garin Nugroho
Garin Nugroho

„Meine Filme sollen dazu beitragen, die Gesellschaft zu stärken“

Als Wanderer zwischen den Zeiten und ästhetischen Welten versteht sich der indonesische Regisseur Garin Nugroho. „Ich mische alles“, sagt er. International hat ihm das viel Anerkennung eingebracht, in seiner Heimat hingegen stößt er mit seinen Filmen vor allem bei muslimischen Gruppen auf Ablehnung.

Sie haben seit Mitte der 1980er Jahre etwa 20 Filme gedreht: Wie hat sich das Filmschaffen in Indonesien in den vergangenen 30 Jahren verändert?
Seitdem hatten wir zwei Perioden. Unter dem Militärregime von Präsident Suharto bis 1998 war alles unter der Kontrolle der Regierung: die Filmcrew, der Inhalt und sogar der Titel eines Films. Ich habe versucht, mich nicht an diese Vorschriften zu halten. Aber das war nicht einfach: Selbst wenn man seine Filme in andere Länder schicken wollte, musste man das über die staatliche Filmbehörde tun. Wenn man es selbst tat, konnte es passieren, dass die Staatssicherheit zu einem kam – das habe ich selbst erlebt. Ich habe in dieser Zeit die Unterstützung ausländischer Botschaften in Anspruch genommen. Ich habe zum Beispiel einen meiner Filme in die deutsche Botschaft gebracht, damit er in Deutschland auf der Berlinale gezeigt werden konnte. Als Suharto Ende der 1990er Jahre fiel, drehte ich „Leaf on a Pillow“, der das Schicksal von Straßenkindern in dieser Zeit thematisierte. Die Jahre danach waren eine Ära der Hoffnung auf Demokratisierung und Freiheit. Doch gleichzeitig begannen sich verschiedene Formen des religiösen Radikalismus zu entwickeln. Heute haben wir außerdem mit der Kommerzialisierung zu kämpfen.

In Ihren Filmen beschäftigen Sie sich mit vielen Aspekten und Problemen der indonesischen Politik, Gesellschaft und Geschichte. Wie wählen oder finden Sie die Themen Ihrer Filme?
Aus vielen Quellen, die sich mit unserer Politik, Kultur und Gesellschaft befassen. Meine Filme beschäftigen sich mit Kolonialismus, Islam, Kommunismus, Homosexualität, lokaler Politik, Mystik. Wenn Sie sich meine Filme zusammenfassend ansehen, werden Sie sehen, dass sie wie eine Landkarte der indonesischen Geschichte seit den 1920er Jahren sind. Meine Filme sollen dazu beitragen, die Gesellschaft zu stärken. 

Ihre Filme sind voll von Verweisen auf indonesische Kulturtraditionen wie Poesie, Theater, Tanz und Mode. Sie nutzen diese Ausdrucksformen manchmal, um moderne Geschichten zu erzählen. Ist das ein Weg, sensible Themen zu behandeln oder der Zensur zu entgehen?
Ich würde sagen, es ist eher eine künstlerische Methode. Ich kombiniere die traditionelle Art des mündlichen Geschichtenerzählens mit der modernen Art, eine Geschichte zu erzählen. Poesie, Tanz und Gesang sind mündliche Traditionen, um über Geschichte, Politik, Gesellschaft und Kultur in Indonesien zu sprechen. Jede dieser Traditionen bezieht sich auf spezifische Situationen in der indonesischen Geschichte und Gesellschaft, aber alle sind bis heute stark präsent. In allen meinen Filmen kombiniere ich vormoderne, moderne und postmoderne Arten des Geschichtenerzählens. 

Ihr Schwarz-Weiß-Film „Javanese Devil“ aus dem Jahr 2016, der sich mit der javanesischen Mystik beschäftigt, scheint vom deutschen Expressionismus der 1920er Jahre beeinflusst zu sein. Inwieweit beziehen Sie sich in Ihren Filmen auf filmische Traditionen oder Ästhetiken anderer Länder? Das Kino welcher Länder gefällt Ihnen besonders gut?
Ja, ich liebe den deutschen Expressionismus, und „Javanese Devil“ ist inspiriert von „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von 1922. In vielen meiner Filme beziehe ich mich ästhetisch auf ausländische Filme oder nutze die fremde Ästhetik als Vehikel für meine eigenen Ideen. Ich mische alles. Besonders liebe ich den italienischen Neorealismus und die Filme der Nouvelle Vague von Agnès Varda.

Ihr jüngster Film „Memories of My Body“ aus dem Jahr 2018 handelt von einer indonesischen Tanztradition, in der sich Männer als Frauen verkleiden und deren Rollen einnehmen. Gegen diesen Film gab es Proteste von lokalen Behörden und konservativen muslimischen Gruppen. Ist der Islamismus in Indonesien auf dem Vormarsch? Wie wirkt sich das auf Ihr Filmschaffen aus?
Zunächst einmal: Ich bin mir der Risiken bewusst, wenn ich einen Film mit einem heiklen Thema in einem Land drehe, in dem 80 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Bei zwei Gelegenheiten, als „Memories of My Body“ gezeigt wurde, kamen 50 radikale Muslime und forderten mich auf, den Film zu stoppen. Ich sagte Nein, und wir debattierten, bis die Polizei kam. Ich habe vor einigen Jahren aber auch Morddrohungen von Hindu-Fanatikern wegen eines anderen Films erhalten.

Das ist also nicht nur ein Problem des Islamismus, sondern religiöser Fanatiker im Allgemeinen?
Ja, jede Religion hat ihre Fanatiker. Heute wird nicht mehr differenziert und alles zunehmend in Schwarz-Weiß gesehen. Fatalismus und Radikalismus sind auf dem Vormarsch.

Wie geht die indonesische Regierung mit Angriffen auf kulturelle Ausdrucksformen wie Ihre Filme um? 
Die Regierung handelt immer zweideutig. Politiker, die gewählt werden wollen, brauchen die Stimmen der muslimischen Mehrheit, deshalb reagieren sie schwach gegen den radikalen Islam. Letztlich muss man sich als Künstler selbst schützen. 

Spiegelt der Protest gegen Ihre Filme die Haltung einer Mehrheit der muslimischen Bevölkerung in Indonesien wider? Oder ist das vor allem eine Kampagne religiöser Führer?
In der Geschichte des Islams haben wir die beiden Perspektiven der gemäßigteren Sufitradition einerseits und der radikalen wahhabitischen Tradition andererseits. Diese beiden Traditionen haben in Indonesien immer gegeneinander gekämpft. Heute sind die wahhabitischen Kräfte stärker und organisieren sich besser.

Sie sind ein international anerkannter Filmemacher: Wie schwierig ist es für Sie, Sponsoren für Ihre Filme zu finden? 
Sehr schwierig. Ich muss mir alle möglichen Quellen anschauen und versuchen, sie anzuzapfen. Ich versuche dabei, der Philosophie eines Bauern zu folgen: In jedem einzelnen Samenkorn – in meinem Fall: jeder Idee – steckt die Fähigkeit zu wachsen. Und am Ende wird das Korn immer irgendwie Wasser bekommen. Und so mache ich es auch: „Javanese Devil“ wurde vom Melbourne Art Centre finanziert, „Memories of My Body“ von einem unabhängigen Produzenten in Indonesien, „Nyai: A Woman from Java“ aus dem Jahr 2016 mit Spenden von Einzelpersonen und der Filmcrew.

Zu Beginn des Gesprächs haben Sie den Kampf gegen die Kommerzialisierung erwähnt. Was meinen Sie damit?
Kommerzialismus macht Filme homogener. Hollywoodfilme etwa folgen alle der gleichen Formel, um ein größeres Publikum zu erreichen. Alles wird ähnlich. Wenn eine Gesellschaft keine Wahlmöglichkeiten hat und nur mit einer Formel lebt, ist das nicht gut für ihre Gesundheit.

Was denken Sie über die nächste Generation von indonesischen Filmemachern? Inwiefern unterscheidet sich ihre Arbeit von Ihrer?
In der Ära nach Suharto hat sich seit 1998 eine neue Generation von Filmemachern entwickelt. Sie haben einen anderen Hintergrund als ich, ihre Filme behandeln andere Themen und sie haben einen anderen Stil. Heute haben wir in Indonesien ein knappes Dutzend Regisseure, die regelmäßig auf internationalen Filmfestivals vertreten sind. Vor allem haben wir einige sehr gute Frauen.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

erschienen in Ausgabe 6 / 2020: Kino im Süden

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