Kolumbiens Filmindustrie

Indigene Drogenbosse: Im Film „Birds of Passage“ (2018) steigt eine Familie des matriarchalisch geprägten Wayuu-Stammes in den Rauschgifthandel ein.
 

Mateo Contreras

Kolumbiens Filmindustrie

Kaum Publikum im eigenen Land

Mit Subventionen und Steuererleichterungen hat Kolumbien die nationale Filmindustrie aufgepäppelt. Gefeiert werden ihre anspruchsvollen Produktionen vor allem bei internationalen Filmfestivals. 

Der Molotowcocktail trifft den Schutzschild des Soldaten am oberen Rand. Für Millisekunden hört man ein kurzes Zischen, dann breitet sich auch schon ein Flammenmeer über den Reihen der überraschten Soldaten aus, die sich hinter ihren Kameraden mit den Schutzschilden geduckt hatten. Mindestens fünf von ihnen wurden getroffen. Ihre beigen Uniformen fangen sofort Feuer.
Mit brennenden Helmen laufen sie auseinander, während die protestierende Menschenmenge weiter schreiend am Metallzaun der Botschaft rüttelt. Einer der Soldaten wirft seinen Helm ab und läuft zu einem der Feuerlöscher. Seine Augen sind weit aufgerissen, während sein Gesicht brennt. Einige der Kameraassistenten sprühen den am Boden knienden Stuntman ab. Im gleichen Moment schreit der spanische Regisseur „corto, corto“, „Cut“.

Die Szene ist im Kasten, der Stuntman nur gering verletzt. Mit Kühlungssalbe wird sein Gesicht behandelt. „Das ist meine Arbeit“, sagt er kurz angebunden. Die Bezahlung ist gut, und es gibt genug arbeitslose Schauspieler in Kolumbien, die sich als Komparsen und Stuntmänner verheizen lassen. 

Zugetragen hat sich diese Szene vor zwei Jahren beim Dreh für eine US-amerikanische Produktion eines bekannten Streaminganbieters – eine der vielen, die in den vergangenen Jahren in Kolumbien produziert wurden. Das Land, das sonst eher durch Negativschlagzeilen auffällt, hat sich zur Traumkulisse für Hollywood gemausert.

Klaus Kinski fuhr im schwarzen Cadillac vor

In den 1980er Jahren streifte Klaus Kinski als Bandit „Cobra Verde“ in dem gleichnamigen Film (1987) noch sehr allein über den weiten Dorfplatz von Villa de Leyva. Sein Regisseur und „liebster Feind“ Werner Herzog reiste damals mit ihm durch Kolumbien. In Cali, dem als Caliwood bekannten Mekka der kolumbianischen Kinoszene, fuhr der exzentrische Schauspieler im schwarzen Cadillac vor. Dort befahl er während einer seiner bekannten und gefürchteten Ausraster, den stadteigenen Hausberg Cerro de las Tres Cruces versetzen zu lassen, weil er seinen Blick aus der Hotelsuite störte. Heute sind die Filmstars gesitteter.

Hollywoodgrößen wie Ben Affleck, Will Smith, Tom Cruise und Daniel Radcliffe sieht man öfter zwischen Cartagena, Medellín und Bogotá koloniales Altstadtflair und lateinamerikanische Großstadtatmosphäre genießen.

„Wir waren ein rotes Tuch für die Filmindustrie“, scherzt Claudia Triana. Sie spielt damit auf die Zeit an, als Kolumbien aufgrund des gewaltsamen Konflikts mit Drogenkartellen und Guerillas in der internationalen Öffentlichkeit geächtet war. Triana ist Direktorin von ProImágenes, einer gemeinnützigen Organisation zur Filmförderung, und gilt als Grande Dame der kolumbianischen Filmindustrie. Kritikern zufolge hat ihr Wort Gewicht bei der Ausschüttung des reichen Fördertopfes von ProImágenes. Sie werfen ihr vor, über Entstehung und Qualität der kolumbianischen Filmprojekte und damit auch über die Preisvergabe bei internationalen Filmfestspielen entscheiden zu können.

Keine Mehrwertsteuer auf kolumbianische Filme

Triana ist seit mehr als 30 Jahren in der Filmbranche. Seit der Gründung im Jahr 1998 ist sie Direktorin von ProImágenes. Es ist wahrscheinlich auch ihr zu verdanken, dass die kolumbianische Filmszene sich international einen Namen gemacht hat. Während in den gesamten 1990er Jahren weniger als 20 kolumbianische Filme Premiere feierten, waren es in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwa 250. Allein 2019 wurden knapp 50 Filme produziert, sagt Triana. 

Das liegt vor allem an einem Gesetz, an dessen Ausarbeitung sie beteiligt war: Das „Ley de Cine“ aus dem Jahr 2003 besteuert die Einnahmen für ausländische Filme an der heimischen Kinokasse, während auf kolumbianische Filme keine Mehrwertsteuer erhoben wird. Außerdem fördert es die private Spendenbereitschaft für inländische Produktionen durch Steuererleichterungen. Die Steuereinnahmen und Spendengelder werden in einem Fördertopf von ProImágenes gesammelt. Eine Expertenkommission vergibt daraus jährlich umgerechnet etwa über sechs Millionen Euro direkt an nationale Filmprojekte. 

Autor

Stephan Kroener

ist freier Journalist und Historiker in Kolumbien.
ProImágenes spielt ähnlich wie das bekannte staatliche Centre National du Cinéma (CNC) in Frankreich eine entscheidende Rolle für die nationale Filmindustrie. Die Organisation wird aber als öffentlich-private Trägerschaft im Stil des kanadischen Canada Media Fund (CMF) organisiert. ProImágenes werde nicht staatlich gelenkt und greife auch nicht thematisch in die Projekte ein, betont Triana. „Wir sind eine gemeinnützige Non-Profitorganisation, sitzen aber mit den Behörden an einem Tisch, um aktiv Politik zu gestalten.“ 

„ProImágenes war der Vorkämpfer für die Talente im Land und ein elementarer Verbündeter für Filmemacher, die Qualitätskino drehen wollten“, erklärt Andrés Baiz. Der Regisseur aus Cali drehte für die Streamingplattform Netflix einen Großteil der Erfolgsserie „Narcos” (2015–2017) und sieht die kolumbianischen Fördergesetze als „ein Vorbild für andere Staaten Lateinamerikas, die ihre nationale Filmproduktion stärken wollen“. 

Großzügige Anreize für internationale Filmproduktionen

Baiz bezieht sich dabei auch auf das „Ley de Filmación“, das Gesetz für Dreharbeiten. Seit 2012 bietet es internationalen Produktionen großzügige Anreize, wenn sie ihre Filme teilweise oder ganz in Kolumbien drehen. Bis zu 40 Prozent der direkten Produktionskosten und 20 Prozent der Anreisekosten sowie der Kost und Logis übernimmt der kolumbianische Staat. Das Gesetz „verwandelte Kolumbien in ein Reiseziel für Hollywood“, sagt Baiz. In den vergangenen knapp acht Jahren habe es mehr als 40 internationale Filmproduktionen nach Kolumbien gelockt. 

Ein gigantisches Werbeprogramm, das dem Land auch eine wichtige politische Bühne bot. So besuchte der damalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos die Dreharbeiten zu „Mile 22“ (2018). Dem Hauptdarsteller Mark Wahlberg und Regisseur Peter Berg schüttelte er medienwirksam die Hände und verkündete, deren Arbeit sei „ein großer Gewinn für das Land“, generiere Arbeitsplätze und bringe Investitionen ins Land. Kolumbien nutzte die Filmindustrie auf diese Weise, um sich publikumswirksam in Szene zu setzen. Im Zusammenspiel mit einer insgesamt verbesserten Sicherheitslage ließen sich dadurch auch die Touristenzahlen deutlich steigern – von 1,36 Millionen im Jahr 2012 auf 4,5 Millionen im Jahr 2019. 

Die Zeiten, in denen Bogotá in Filmen wie „Mr. und Mrs. Smith“ (2005) als ein Dschungelkaff dargestellt wurde, sind allemal vorbei. Nicht nur durch den Netflixerfolg „Narcos“ ist Kolumbien bei Serienjunkies in aller Munde. Das Land zahlte seit 2013 über 16,5 Millionen US-Dollar an Subventionen an Hollywood, an Netflix und Amazon Prime. Die Ausgaben scheinen sich zu lohnen. Der bekannte Filmproduzent Daniel García erklärte 2018 im kolumbianischen Wirtschaftsmagazin „Dinero“, dass „für jeden investierten Pesos drei ins Land kommen“. Auch ProImágenes schätzt, dass im Zuge von ausländischen Produktionen seit 2013 über 55 Millionen US-Dollar im Land investiert wurden, etwa in Form von Gehältern oder für Hotelzimmer.  

Wohnwagen für die Schauspieler

Das „Ley de Filmación“ wirkt sich ebenfalls positiv auf die nationale Filmindustrie aus. Denn die ausländischen Produktionsfirmen können die Subventionen nur für Ausgaben in Anspruch nehmen, bei denen sie inländisches Personal engagieren. Deswegen suchen sie sich einen Großteil der Kameraleute, Komparsen, Kulissenbauer oder Maskenbildner vor Ort. Dabei arbeiten sie eng mit lokalen Agenturen zusammen, von denen sie auch das Equipment leihen. „Das Gesetz hat gut funktioniert, weil es die Filmindustrie professionalisiert hat und es heute mehr Konkurrenz in der kolumbianischen Filmszene gibt“, sagt Narcos-Regisseur Baiz. Die Zusammenarbeit mit ausländischen Produktionsfirmen habe „einen gegenseitigen Wissenstransfer ermöglicht“, erklärt die ProImágenes-Direktorin Triana. „Und natürlich war das auch ein Entwicklungsprogramm für unsere interne Infrastruktur, wir hatten ja nicht mal Wohnwagen für die Schauspieler.“ 

Im Juni 2018 standen mehrere dieser Wohnwagen für einige Tage in der Nähe einer großen öffentlichen Bibliothek im Norden Bogotás, in deren Tiefgarage Szenen des US-amerikanischen Actiondramas „Sound of Freedom“ (2019) gedreht wurden. Dabei konnte man den Wissenstransfer hautnah miter­leben. Das Team war international: die Hauptdarsteller, der Regisseur und Produktionsleiter sowie der Chef der Maske waren US-Amerikaner. Die Nebendarsteller, Komparsen, Kameragehilfen, Masken- und Kostümbildner, Fahrer und Catering-Mitarbeiter hingegen waren Kolumbianer. Viele versuchen den großen Sprung, möglichst gleich nach Hollywood – doch das schaffen nur wenige. 

Allerdings ging der Traum in den letzten Jahren für immer mehr in Erfüllung. Kolumbianische Produktionen räumten bei internationalen Filmfestspielen in Berlin, Cannes, San Sebastián und in Hollywood Preise ab: „The Wind Journeys“ (2009) gewann in Cannes den „Award of the City of Rome“. Der Film „Birds of Passage“ (2018) wurde beim „Festival Biarritz Amérique Latine“ als bester Film ausgezeichnet und „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ (2019) erhielt den Jurypreis beim „Sundance Film Festival“ in den USA. Mit „Der Schamane und die Schlange“ (2015) wurde erstmals eine kolumbianische Produktion für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. 

Für den Regisseur Carlos Palau ist das alles nicht viel wert: „Egal wie viele kolumbianische Filme in Europa ausgezeichnet werden, hier in Kolumbien laufen sie eine Woche im Kino und das war’s.“ Ihm zufolge befördert die kolumbianische Filmförderung eine obszöne Darstellung der alltäglichen Gewalt und Armut im Land. So zementiert die Erfolgsserie „Narcos“ auch das Vorurteil über Kolumbien als Hort von Drogenhändlern. „Das wollen die Festivals aber in Europa sehen“, sagt er. „Stell eine Kamera in irgendeinem Armenviertel in Cali auf und im nächsten Jahr hast du die Goldene Palme in Cannes.“

Tatsächlich gibt es für die prestigeträchtigen, von ProImágenes finanzierten Filme kaum heimisches Publikum. Nur zehn Prozent der Filme im Programm der kolumbianischen Kinos stammen aus dem eigenen Land. Nationale Produktionen haben an der Kinokasse lediglich einen Marktanteil von zwei bis vier Prozent – mehr als 96 Prozent der Kinobesucher bevorzugen ausländische Filme, wie der kolumbianische Filmtheoretiker Oswaldo Osorio Ende 2019 in einem Artikel in der Filmzeitschrift „Cinemateca“ darlegte. 

„Wir finanzieren Nischenfilme“

Dabei verringerten sich die Besucherzahlen für das international gefeierte kolumbianische Autorenkino nochmals, da es sich den geringen Marktanteil mit bunten einheimischen Slapstickkomödien teilen müsse, die von den Kolumbianern eher gesehen werden. Bei 73 Millionen Kinobesuchern im Jahr 2019 hätten die preisgekrönten Filme nur wenige Tausend, vielleicht zehntausend Kolumbianer gesehen, schätzt Osorio. Scheinbar wollen die meisten Kolumbianer die vielfältigen sozialen und wirtschaftlichen Konflikte ihres Land nicht auch noch im Kino sehen. 

Für den „Narcos“-Regisseur Baiz bleibt das Kino in Kolumbien deswegen „eine verletzliche Industrie, die auf die mysteriöse Laune des heimischen Publikums angewiesen ist“. Dass die Geschichten des Autorenkinos nicht den Geschmack der Kolumbianer treffen, kann Triana zufolge auch ProImágenes nicht beeinflussen: „Wir finanzieren Nischenfilme“, sagt sie. „Aber nicht, weil die Regierung oder ProImágenes das will, sondern weil Autoren diese Geschichten erzählen wollen.“ Seit einigen Jahren bemerkt Triana aber eine neue Tendenz unter den Filmschaffenden: Viele beschäftigten sich im Zuge des Friedensprozesses mehr mit durch den Konflikt zerstörten privaten Beziehungen – und nicht mehr nur mit der unmittelbaren Gewalt oder dem Drogenhandel.

Kritiker und Befürworter stimmen aber darin überein, dass die vergangenen 20 Jahre fraglos die besten für das kolumbianische Kino waren. Das Land hat von Hollywood profitiert und brachte abseits von internationalem Kommerz eigene Kunst und Kultur auf die Leinwand. Kolumbien sei ohne Zweifel ein Vorbild für das Kino im globalen Süden, meint Baiz. Er scherzt, dass US-Amerikaner dank „Narcos“ erstmals Filme und Serien mit Untertiteln sehen. Das habe vorher niemand für möglich gehalten. Baiz konnte Anfang dieses Jahres die Netflixpremiere der zweiten Staffel von „Narcos: Mexico” (2020) feiern und sitzt nun in Mexiko in Quarantäne. 

Die Corona-Pandemie traf auch Werner Herzog: Genau 35 Jahre nach den Dreharbeiten zu „Cobra Verde“ sollte der deutsche Starregisseur zurück nach Kolumbien kommen, um einen Workshop für angehende Filmschaffende zu leiten. Doch er konnte nicht einreisen. Ohnehin scheint Kolumbien sich langsam von seinen filmischen Lehrmeistern zu emanzipieren: Ende der 1990er Jahre plante Herzog die Verfilmung des Romans „Waiting for the Barbarians“ des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers John Maxwell Coetzee. Im Jahr 2019 feierte die Romanverfilmung Premiere. Gedreht wurde der Film aber nicht von Herzog, sondern von dem kolumbianischen Regisseur Ciro Guerra. 

Der Autor Stephan Kroener hat als Komparse bei mehreren internationalen Produktionen in Kolumbien mitgearbeitet. Darüber berichtete er auf seinem Blog: www.kolumbienverstehen.wordpress.com.

erschienen in Ausgabe 6 / 2020: Kino im Süden

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